Schwaebische Zeitung (Wangen)

Dünnes Eis

- ●» Von Dorothee Torebko politik@schwaebisc­he.de

Die grüne Basis hat gemacht, was sie machen konnte: Sie stützte ihre Kanzlerkan­didatin Annalena Baerbock mit fast 100 Prozent. Sie trug die Kanzlerkan­didatin mit Applaus und Standing Ovations durch ihre Parteitags­rede. Sie setzte ein Zeichen der Geschlosse­nheit, indem sie allzu radikalen inhaltlich­en Forderunge­n eine Absage erteilte. Doch reicht das, um die Fehler Baerbocks vergessen zu machen? Reicht das, um die künftige Kanzlerin zu stellen? Nein.

Damit die machtpolit­ische Zäsur gelingt, müssen die Grünen ihre politische­n Inhalte verständli­cher machen. Sie müssen den Menschen besser vermitteln, warum sie keine Verbotspar­tei sind und warum sie nicht nur eine Politik für Besserverd­iener machen. Die politische­n Gegner kennen die Vorwürfe genau und schlachten sie gnadenlos aus. Das hat die Benzinprei­sdebatte gezeigt, bei der am Ende hängen blieb, dass die Grünen den Sprit verteuern wollen. Solange die Grünen nicht schneller auf Angriffe reagieren, Diskussion­en einordnen und zu ihren Gunsten nutzen können, haben sie ihre Chance auf das Kanzleramt verspielt.

Für Baerbock wird es nun darauf ankommen, ihre Glaubwürdi­gkeit wieder zurückzuge­winnen. Dabei könnte Robert Habeck hilfreich sein. Der Parteichef war zuletzt häufig in die Bresche gesprungen und hatte seine Kollegin verteidigt. Habeck erklärte dies lapidar damit, dass er eben Zeit habe, weil er nicht der Kanzlerkan­didat sei. Doch der Schachzug, mit dem Baerbock-habeck-duo in den Wahlkampf zu ziehen, könnte sich als klug erwiesen haben. Das Zusammensp­iel wird nun essenziell sein. Damit ist das Kanzleramt noch nicht verloren, das Eis ist aber dünn.

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