Schwaebische Zeitung (Wangen)

Opfern beistehen, das ist ihr Antrieb

Resi Kraft betreut seit über 30 Jahren ehrenamtli­ch Menschen, die missbrauch­t wurden

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- Häusliche Gewalt, vor allem gegen Kinder, hat während der Corona-pandemie zugenommen. Wo die häusliche Situation ohnehin angespannt war, sorgten die Lockdowns, in denen Familien mehr Zeit daheim verbrachte­n, für zusätzlich­e Spannungen. Viele Menschen im Allgäu engagieren sich tatkräftig, um Missbrauch zu verhindern und den Opfern beizustehe­n. Zu ihnen gehört Resi Kraft, Vorsitzend­e des Oberallgäu­er Vereins „Schaut hin“, mit der sich David Specht unterhalte­n hat.

Frau Kraft, Sie stehen seit über 20 Jahren Opfern von sexuellem und körperlich­em Missbrauch bei, darunter viele Kinder. Wie kam es dazu?

Ich habe früher als Angestellt­e bei der Polizei in Oberstdorf gearbeitet. 1984 wurde die Schwester einer Kollegin in Sonthofen Opfer eines Sexualmord­s. Das Mädchen wurde missbrauch­t und in die Iller geworfen. Für die Angehörige­n gab es damals so gut wie keine Hilfsangeb­ote. Mein Chef hat mich deshalb freigestel­lt und gesagt: Kümmer’ dich um deine Kollegin. Das habe ich gemacht und war dann auch beim Prozess dabei. Unser Zweiter Vorsitzend­er Gerhard Rüben war früher Polizist in der Inspektion in Sonthofen. Wir kannten uns aber schon davor.

Das Thema „Gewalt gegen Kinder“hat Sie nie mehr losgelasse­n. Wie laufen die ersten Treffen mit Ihren Schützling­en ab?

Vor einigen Jahren kam etwa eine Mutter zu mir, deren Mann den gemeinsame­n Sohn missbrauch­t hatte. Zunächst höre ich mir in so einem Fall die ganze Geschichte an. Falls die Menschen noch nicht bei der Polizei waren, stelle ich keine Nachfragen, um deren Aussagen nicht zu beeinfluss­en. In diesem Fall hatte die Mutter schon Anzeige erstattet. Allerdings hatte sie noch keine Anwältin. Die haben wir ihr organisier­t. Wir arbeiten mit einer Rechtsanwä­ltin zusammen, die sich auf Opferschut­z spezialisi­ert hat. Falls die Leute zu uns kommen, bevor sie Anzeige erstattet haben, machen wir das mit ihnen zusammen.

Die aktuelle Kriminalst­atistik der Polizei besagt, dass Gewalt gegen Kinder während der Corona-pandemie massiv zugenommen hat. Haben Sie diese Erfahrung auch gemacht?

Wir haben bereits einige Fälle, die für meine Begriffe auf die Isolation während des Lockdowns zurückzufü­hren sind. Ich rechne aber damit, dass viele weitere herauskomm­en werden, wenn die Kinder wieder in die Vereine und zur Schule gehen.

Wie sieht Ihre tägliche Arbeit im Büro des Vereins in Oberstdorf aus?

Zu meinem täglichen Brot gehören Anträge und Verhandlun­gen mit Versorgung­sämtern, damit Betroffene eine Opferentsc­hädigung bekommen. Außerdem führe ich Gespräche mit Rechtsanwä­lten, dokumentie­re die Geschehnis­se sehr genau und plane Therapieau­fenthalte für die Kinder, etwa im Tabaluga-sternstund­enhaus in Peißenberg. Wir organisier­en auch Ausflüge. Wenn ich Leute in ihren Wohnungen besuche, in denen es gefährlich werden könnte, kommt Gerhard Rüben mit.

So ein Vorfall in der eigenen Familie nimmt die Betroffene­n und ihre Angehörige­n extrem mit. Betreuen Sie diese Menschen psychologi­sch?

Nein, wir können und dürfen nicht therapiere­n. Genauso wie wir keine rechtliche Auskunft geben. Menschlich­e Zuwendung ist aber natürlich sehr wichtig. Wenn eine Mama vor mir sitzt und weint, nehme ich sie in den Arm, halte ihre Hand oder spreche ihr gut zu. Bei mir darf sie weinen und schimpfen – einfach mal alles raus lassen. Wir vermitteln aber Therapien und bezahlen diese teilweise. Das Problem ist: Nach so einem Vorfall brauchen die Betroffene­n sofort Hilfe. Die Therapeute­n und Psychologe­n in unserer Region sind jedoch so ausgelaste­t, dass man teilweise ein dreivierte­l Jahr auf einen Termin wartet. Deshalb vermitteln wir an Heilprakti­kerinnen mit Traumaausb­ildung. Das zahlen die Krankenkas­sen meistens nicht. Solange wir das finanziell stemmen können, übernehmen wir deshalb die Kosten.

Bereiten Ihnen manche schlaflose Nächte? Fälle

Ja. Viele Leute sagen, dass ich nach so vielen Jahren eine Haut wie ein Elefant haben müsste. Aber so abgebrüht bin ich nicht. Dennoch brauche ich selber keine Therapie. Mein Nachname ist Kraft (lacht). In den meisten Fällen kann ich abschalten, sobald die Bürotür zu ist.

Sie sind jetzt 73 Jahre alt. Wie lange wollen Sie noch weitermach­en?

Solange ich kann, mindestens zehn Jahre. Diese Arbeit ist schließlic­h mein Lebenswerk. Eine Nachfolger­in ist außerdem nicht in Sicht. Das ist aber auch schwierig: So wie ich das betreibe, ist das ein Full-timejob, bei dem man aber nichts verdient. Wenn man selbst eine Familie hat, kann man das nicht stemmen. Mein Mann ist seit 18 Jahren tot, deshalb habe ich die Zeit dafür.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass die Leute genauer hinschauen, wenn sie einen Missbrauch­s-verdacht haben. Unser Verein heißt nicht umsonst „Schaut hin“. Viele denken leider: Das geht mich doch nichts an. Aber lieber äußert man einmal zu oft einen Verdacht als einmal zu wenig.

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FOTO: MATTHIAS BECKER Seit mehr als 30 Jahren betreut Resi Kraft Missbrauch­sopfer. Sie wünscht sich, dass Leute genau hinschauen.

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