FO­TOS VOR TROL­LEN SCHÜT­ZEN

So nut­zen Trol­le be­ste­hen­de Ge­set­ze für ih­re Zwe­cke

SCREENGUIDE - - Events - TExT: Kai Rüs­berg

So­ci­al Me­dia ist da­für prä­des­ti­niert, als Mar­ke­ting-Tool ge­nutzt zu wer­den. Das gilt ins­be­son­de­re für So­lo-Un­ter­neh­mer, die sich da­durch kos­ten­güns­tig selbst ver­mark­ten kön­nen und ziel­ge­nau ih­re Qua­li­tä­ten und Fä­hig­kei­ten dar­stel­len. Ei­ni­ge die­ser Selbst­ver­mark­ter ha­ben es zu ei­ner be­acht­li­chen Be­kannt­heit ge­bracht: Sie sind selbst zur Mar­ke ge­wor­den. Doch soll­ten ih­re Be­rich­te Trol­len in die Que­re kom­men, wer­den sie zum Ziel­ob­jekt für Hass und wer­den an­ge­grif­fen. Und die be­ste­hen­den Ge­set­ze ver­schär­fen die La­ge zum Teil noch.

ALS IN­FLU­EN­CER ZUR MAR­KE WER­DEN

Der Di­plom-Jour­na­list Richard Gut­jahr hat die Schat­ten­sei­te der Web-Pro­mi­nenz schmerz­lich er­fah­ren müs­sen. Er ist stän­dig auf der Su­che nach neu­en Her­aus­for­de­run­gen und setzt in­no­va­ti­ve Me­tho­den und Tech­no­lo­gi­en schein­bar spie­le­risch ein. Und er kom­mu­ni­ziert auf al­len Ka­nä­len dar­über: vom Blog gut­jahr. biz über So­ci­al Me­dia bis zu Live-Auf­trit­ten vor gro­ßem Pu­bli­kum. Da­mit hat er vie­le Me­di­en­ma­cher in­spi­riert. Ein paar Jah­re war er un­ter­wegs mit dem Mot­to: der Jour­na­list als Mar­ke. Auf sei­nem Blog hat er sie zum Si­g­net ge­macht: „G!” Er ist ge­ra­de­zu ein Star der Bran­che. Ge­frag­ter Vor­tra­gen­der auf der re:pu­bli­ca oder an­de­ren gro­ßen Büh­nen. Es hat ei­ne ge­wis­se Iro­nie, dass aus­ge­rech­net ihm dies auf die Fü­ße ge­fal­len ist, weil er auf­grund sei­ner Be­kannt­heit und gleich­zei­tig auf­grund von ein paar Zu­fäl­len ins Vi­sier von Trol­len ge­riet, zur Pro­jek­ti­ons­flä­che von hass­er­füll­ten Men­schen

„… jun­ge Frau­en, die di­rekt von der Uni kom­men, […] sind klas­si­sche Op­fer und nicht ge­wöhnt ein­zu­ste­cken.“

wur­de und seit Mo­na­ten zu­sam­men mit sei­ner Fa­mi­lie dar­un­ter lei­det.

AN­GRIFF DER TROL­LE

Richard Gut­jahr war schon in der In­ter­net­sze­ne gut be­kannt, als er im Ju­li 2016 in Niz­za zu­fäl­lig Zeu­ge ei­ner Amok­fahrt mit ei­nem Lkw auf der Pro­me­na­de wur­de. Er hat­te den Be­ginn des Ter­ror­an­schlags mit­ge­filmt und die­se ein­zig­ar­ti­gen Zeit­zeu­gen­auf­nah­men ver­schie­de­nen ARD-An­stal­ten über­spielt und per­sön­lich in Schalt-Kon­fe­ren­zen für das TV be­rich­tet. Ei­ne Wo­che spä­ter war er dann an sei­nem Wohn­ort München er­neut ei­ner der ers­ten Jour­na­lis­ten am An­schlags­ort im Olym­pia­Ein­kaufs­zen­trum. Im Netz ent­wi­ckel­ten sich dar­auf­hin schnell Ver­schwö­rungs­theo­ri­en. Auf YouTube wur­den sei­ne Bil­der sinn­ent­stel­lend ver­wen­det und mit fal­schen Be­haup­tun­gen zu Fa­ke-News ver­mischt. Ne­ben der Tat­sa­che, bei bei­den Ter­ror­an­schlä­gen in Tat­ort­nä­he ge­we­sen zu sein, wur­de auch noch sei­ne Frau mit hin­ein­ge­zo­gen, die jah­re­lang als Ab­ge­ord­ne­te im is­rae­li­schen Par­la­ment saß. Da­durch gab es auch noch ei­ne an­ti­se­mi­ti­sche Mo­ti­va­ti­on bei ei­ni­gen der Het­zer.

SO­ZIA­LE NETZ­WER­KE GE­BEN AN­SCHRIF­TEN WEI­TER

Richard Gut­jahr fing an, sich zu weh­ren, und da­bei un­ter­lief ihm ei­ne ent­schei­den­de Feh­l­ein­schät­zung. Er nutz­te die von YouTube vor­ge­ge­ben Tools, um an­stö­ßi­ge oder rech­te­ver­let­zen­de In­hal­te zu mel­den. Dort soll­te er nicht nur die Ver­stö­ße schil­dern, son­dern auch sei­nen Na­men und Adres­se an­ge­ben, was er be­folg­te. Er hat­te nicht da­mit ge­rech­net, dass die Vi­deoplatt­form die­se Da­ten an die Ge­gen­par­tei ein­fach wei­ter­reich­te. Ab die­sem Mo­ment be­gann für ihn ein Mar­ty­ri­um, das bis heu­te noch an­dau­ert und in das sei­ne gan­ze Fa­mi­lie hin­ein­ge­zo­gen wur­de. Nach­dem er zahl­rei­che Dro­hun­gen und Be­lei­di­gun­gen er­hielt, wur­den ihm von Un­be­kann­ten mas­sen­wei­se Pa­ke­te von Ver­sand­diens­ten zu­ge­stellt, die er wie­der los­wer­den muss­te. Und noch wei­te­re Ge­mein­hei­ten wur­den an sei­ner Tür­schwel­le ab­ge­legt. Auf An­ra­ten der Po­li­zei, sagt Richard Gut­jahr, tilg­te er sei­ne Ge­schäfts­adres­se (gleich­be­deu­tend mit sei­ner Pri­vat­adres­se) um­ge­hend aus dem Im­pres­sum sei­ner Web­site – sein zwei­ter Feh­ler, auf­grund ei­nes hilf­lo­sen Rats der Be­hör­den. Prompt wur­de er dar­auf­hin an­ge­zeigt und zahl­te ei­ne Stra­fe von meh­re­ren Hun­dert Eu­ro. Die Pflicht zur so­ge­nann­ten „An­bie­ter­kenn­zeich­nung” (Im­pres­s­ums­pflicht) er­gibt sich aus § 5 Tele­me­di­en­ge­setz bzw. aus § 55 Rund­funk­staats­ver­trag. Im Im­pres­sum muss ei­ne la­dungs­fä­hi­ge An­schrift des Be­trei­bers ste­hen. Bei selbst­stän­di­gen Jour­na­lis­ten ist das aber zwangs­läu­fig oft die Pri­vat­adres­se und dann auch die der Fa­mi­lie. Auf­grund der Viel­zahl der Atta­cken auf ihn und sei­ne Fa­mi­lie muss­te er mehr­fach An­wäl­te be­auf­tra­gen, Ge­richts­kos­ten vor­stre­cken, die er teils von den un­ter­le­ge­nen Geg­nern nicht er­stat­tet be­kam, Zwangs­voll­stre­ckun­gen be­an­tra­gen – und ist da­mit seit ein­ein­halb Jah­ren be­schäf­tigt. Be­schul­dig­te Tä­ter, die ih­re Kos­ten nicht be­zahl­ten, sind auf der Flucht, und er hält stän­dig Kon­takt mit der Staats­an­walt­schaft. Er be­zif­fert auf An­fra­ge die auf­ge­lau­fe­nen Kos­ten auf mehr als 30.000 Eu­ro. Zu­dem sei er in sei­ner Ar­beits­leis­tung deut­lich ein­ge­schränkt. Auf Schutz oder maß­geb­li­che Un­ter­stüt­zung von Drit­ten, wie sei­nen Ar­beit­ge­bern, konn­te er nicht hof­fen. Er ist beim Bay­ri­schen Rund­funk Mit­ar­bei­ter im Sin­ne von § 12a Ta­rif­ver­trags­ge­setz, al­so ei­ne ar­beit­neh­mer­ähn­li­che Per­son. Ei­gent­lich hät­te er von dort auch Un­ter­stüt­zung er­war­ten dür­fen, wa­ren doch die Aus­lö­ser der An­grif­fe auf sei­ne Per­son sei­ne Be­rich­te. Von dort gab es aber, er­zählt er, vor al­lem Un­ver­ständ­nis, dass er sich als Per­son in die Öf­fent­lich­keit be­ge­ben hat.

DER TO­TA­LE INFOKRIEG

Das Vor­ge­hen ge­gen Richard Gut­jahr er­scheint nur auf den ers­ten Blick als Ta­ten von ver­wirr­ten Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern oder ver­spreng­ten Trol­len. Wer im In­ter­net sucht, fin­det un­ter dem Stich­wort „Meme­tic War­fa­re” An­lei­tun­gen zum ge­ziel­ten Vor­ge­hen ge­gen den Jour­na­lis­mus. Die Plä­ne sind per­fi­de, da sie dar­auf ab­zie­len, im­mer die wun­den Punk­te und schwächs­ten Glie­der ins Vi­sier zu neh­men. Das als PDF ver­brei­te­te rech­te „Hand­buch für Me­di­en­gue­ril­las” pro­pa­giert ge­zielt, Fa­mi­li­en oder Frau­en in den Fo­kus zu rü­cken, um die Geg­ner „zu de­mü­ti­gen”. Wört­lich heißt es dort: „… jun­ge Frau­en, die di­rekt von der Uni kom­men. Das sind klas­si­sche Op­fer und nicht ge­wöhnt ein­zu­ste­cken. Die kann man ei­gent­lich im­mer ziem­lich ein­fach aus­ein­an­der­neh­men.” Die­se Schrif­ten wur­den zu­erst im Mai 2017 ver­öf­fent­licht. Ein an­de­res Zi­tat: „… zie­he je­des Re­gis­ter. Lass nichts aus. Schwa­cher Punkt ist oft­mals die Fa­mi­lie. Ha­be im­mer ein Re­per­toire an Be­lei­di­gun­gen, die Du auf den je­wei­li­gen Geg­ner an­pas­sen kannst.” Richard Gut­jahr sieht in die­sen An­lei­tun­gen das Vor­ge­hen ge­gen sei­ne Fa­mi­lie ge­spie­gelt. Die­se stra­te­gisch or­ga­ni­sier­te Vor­ge­hens­wei­se über die Mo­bi­li­sie­rung im In­ter­net wirft die Fra­ge auf, ob es sich um or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät und Ban­den­bil­dung han­delt.

„MEMETISCHE KRIEGS­FÜH­RUNG” GE­GEN AN­GE­STELL­TE RE­DAK­TEU­RE

Aber nicht nur Frei­be­ruf­ler, son­dern auch fest­an­ge­stell­te Mit­ar­bei­ter kön­nen ins Vi­sier die­ser auf ih­ren Web­sei­ten so­ge­nann­ten „meme­ti­schen Kriegs­füh­rung” ge­ra­ten. Dies muss­te die Re­dak­ti­on der Ta­ges­schau er­fah­ren. Dort wird der Fak­ten­fin­der pu­bli­ziert [fak­ten­fin­der.ta­ges­schau.de]. Als sich die­ses For­mat mit ul­tra­rech­ten Grup­pen be­schäf­tig­te, ge­riet der ver­ant­wort­li­che Re­dak­teur in den Fo­kus der Trol­le. Hier mach­ten sich die Trol­le ei­ne neue An­griffs­stra­te­gie zu­nut­ze, die ei­nen wei­te­ren Re­gel-Mecha­nis­mus miss­braucht, der ei­gent­lich Nut­zer im So­ci­al Web be­schüt­zen soll­te. Der (hier un­ge­nann­te) Re­dak­teur der Ta­ges­schau hat sich als Ver­ant­wort­li­cher für den Fak­ten­fin­der viel Re­nom­mee mit Auf­klä­rung ge­gen Fa­ke-News er­wor­ben. Im Auf­trag der ARD hat er den Lü­gen Fak­ten ent­ge­gen­ge­setzt und sich da­für viel Hass ein­ge­fan­gen, der ihm im Netz per E-Mail, Twit­ter oder sons­ti­gen Web-Kom­men­ta­ren ent­ge­gen­schwapp­te. Auch das muss man erst mal er­tra­gen kön­nen. Als er sich aber mit ul­tra­rech­ten Troll­grup­pen an­leg­te, wur­den ihm sei­ne di­gi­ta­len Fo­tos ge­stoh­len und er wie­der­um als Dieb sei­ner ei­ge­nen Fo­tos hin­ge­stellt. Zu­nächst ko­pier­ten die Tä­ter Fo­tos des Re­dak­teurs von ei­nem sei­ner pri­va­ten In­ter­netac­counts und mel­de­ten die­se ge­stoh­le­nen Fo­tos da­nach als ih­re ei­ge­nen beim Kurz­nach­rich­ten­dienst Twit­ter. Da­zu be­nutz­ten sie zwei frei er­fun­de­ne deut­sche Iden­ti­tä­ten, die of­fen­sicht­lich von dem Di­enst nicht de­tail­liert über­prüft wur­den. Dem Re­dak­teur flat­ter­te an­schlie­ßend ei­ne Auf­for­de­rung nach dem Di­gi­tal Mill­en­ni­um Co­py­right Act of 1998 (DMCA) ins Post­fach, die ihn auf­for­der­te, die um­strit­te­nen Fo­tos um­ge­hend zu de­pu­bli­zie­ren. Als Be­weis für das Ei­gen­tum der Tä­ter an sei­nen Fo­tos soll­ten In­ter­net­sei­ten von kos­ten­lo­sen Web­diens­ten die­nen, auf die die Tä­ter die ge­stoh­le­nen Fo­tos hoch­ge­la­den hat­ten. Kurz dar­auf hat­te Twit­ter die um­strit­te­nen Fo­tos gleich selbst ge­löscht, dar­un­ter auch das so­ge­nann­te He­a­der-Fo­to, qua­si das Ti­tel­bild des Re­dak­teurs bei Twit­ter. Um sei­ne Un­schuld zu be­wei­sen, hät­te der Re­dak­teur ei­ne Er­wi­de­rung schrei­ben und sei­nen Na­men und Adres­se an­ge­ben müs­sen, die um­ge­hend an die Tä­ter wei­ter­ge­ge­ben wor­den wä­ren. Ei­ne Fal­le, in die Richard Gut­jahr ge­tappt war. Oh­ne die­se An­ga­ben im Web­for­mu­lar ist ei­ne Er­wi­de­rung gar nicht mög­lich. Der Re­dak­teur ent­schied sich, nicht zu re­agie­ren. Dies ist aber ver­bun­den mit der Ge­fahr, dass er spä­tes­tens bei ei­nem nächs­ten USA-Be­such – und sei es nur auf der Durch­rei­se – als Be­schul­dig­ter in dem Rechts­ver­fah­ren ver­nom­men wer­den könn­te. Ein Ver­stoß ge­gen den DMCA ist kei­ne Klei­nig­keit. Wie er da­bei die Ur­he­ber­schaft und das Ver­wer­tungs­recht an sei­nen ei­ge­nen Bil­dern be­wei­sen soll, ist völ­lig un­klar. Sich auf an­de­rem We­ge als durch Preis­ga­be sei­ner Adres­se ge­gen die An­wen­dung von ame­ri­ka­ni­schem Ur­he­ber­recht bei ei­nem deut­schen Rechts­ver­stoß ge­gen ihn selbst zu weh­ren, ist kaum denk­bar. Twit­ter hat An­fang April be­kannt ge­ge­ben, dass man die deut­sche Nie­der­las­sung ge­schlos­sen ha­be und nun mit nur noch we­ni­gen Mit­ar­bei­tern an kurz­zei­tig an­ge­mie­te­ten Schreib­ti­schen in ei­nem Co-Wor­king-Space die Ge­schäf­te ab­wick­le. Wer sich bei so­zia­len Me­di­en zur Wehr set­zen will, fin­det kaum ech­te An­sprech­part­ner. Dort muss man zu­meist vor­ge­ge­be­ne For­mu­la­re aus­fül­len und er­hält dann vor­ge­fer­tig­te Stan­dard-Ant­wor­ten. Sich ge­gen ame­ri­ka­ni­sche Rechts­an­ord­nun­gen zu weh­ren, ist von Deutsch­land aus oh­ne An­walt kaum mög­lich.

HAND­LUNGS­BE­DARF ZUM SCHUTZ VON KREA­TI­VEN

Deut­sche und so­gar aus­län­di­sche Ge­set­ze und Re­ge­lun­gen, die ei­gent­lich zum Schutz von In­ter­net­nut­zern oder Ur­he­bern ge­dacht sind, las­sen sich auf viel­fäl­ti­ge Wei­se als Waf­fe ge­gen Un­be­schol­te­ne ein­set­zen. Wenn dies so stra­te­gisch ge­gen Jour­na­lis­ten und ih­re Ar­beit ein­ge­setzt wird, ist das hoch po­li­tisch, wenn nicht so­gar hoch kri­mi­nell. Ein In­diz da­für ist in Teil 3 des PDFs „Hand­buch für Me­di­en­gue­ril­las” die Aus­sa­ge „Ziel der ers­ten Kam­pa­gne ist es, die AfD so stark wie mög­lich in den Bun­des­tag zu hie­ven”. Nach­dem dies ge­lun­gen ist, wer­den al­so mög­li­cher­wei­se zur Zeit wei­te­re Ak­tio­nen ge­plant. Der Fall Fak­ten­fin­der könn­te ein sol­cher neu­er Ver­such sein. Was sind die neu­en An­griffs­ka­nä­le in der di­gi­ta­li­sier­ten In­ter­net­öko­no­mie? Ne­ben den er­wähn­ten Ur­he­ber­rechts­kla­gen per ame­ri­ka­ni­schem DMCA-Recht oder auch deut­schen Ent­spre­chun­gen vor or­dent­li­chen Ge­rich­ten sind es Ver­bo­te von Hass­re­de und Ver­leum­dung, die mit ei­ner An­zei­ge bei so­zia­len Netz­wer­ken schnell zu Sper­run­gen füh­ren könn­ten. Aber bei öf­fent­li­chen Auf­trag­ge­bern oder Be­tei­li­gun­gen an Aus­schrei­bun­gen oder För­de­run­gen kön­nen Pri­vat­da­ten auch über das IFG, das In­for­ma­ti­ons­frei­heits­ge­setz, ab­ge­schöpft wer­den. Ein­zel-Un­ter­neh­mer, ins­be­son­de­re Ho­me­wor­ker, müss­ten ei­ne an­de­re Mög­lich­keit er­hal­ten, um sich rechts­kon­form ge­gen sol­che An­grif­fe weh­ren zu kön­nen, oh­ne die­sen Trol­len aber ih­re ei­ge­ne Pri­vat­adres­se be­kannt zu ge­ben. Mög­lich wä­re dies durch Agen­tur­mo­del­le, bei de­nen ei­ne ge­mein­schaft­li­che Bü­roadres­se un­ter­hal­ten wird, dort aber nicht un­be­dingt ein ei­ge­ner Schreib­tisch in­stal­liert ist. Da­her müss­te es be­stimm­te Di­enst­leis­tun­gen oder Se­kre­ta­ri­ats­auf­ga­ben ge­ben, die z.B. Voll­mach­ten zur Ent­ge­gen­nah­me von Schrift­stü­cken ha­ben. Dies könn­te auch ei­ne Auf­ga­be von Be­rufs­ver­bän­den oder Ge­werk­schaf­ten sein, die im di­gi­ta­len Zeit­al­ter an­ge­kom­men sind. Schließ­lich su­chen die­se drin­gend neue Mit­glie­der und Be­tä­ti­gungs­fel­der.

EI­NE ART DI­GI­TA­LER RA­CHE­AKT 2.0

Die­se bei­den Fäl­le könn­ten hel­fen, ein Pro­blem zu er­ken­nen und zu lö­sen, das den mo­der­nen In­ter­net­jour­na­lis­mus der Selbst­ver­mark­ter be­droht: Die Ein­zel­kämp­fer sind

zu­neh­mend An­griffs­ge­fah­ren durch Trol­le aus­ge­setzt, und aus­ge­rech­net die Ge­set­ze, die sie schüt­zen sol­len, ma­chen es zum Teil noch schlim­mer. Und be­droht sind nicht nur die be­son­ders be­kann­ten Krea­ti­ven oder In­flu­en­cer. Das Pro­blem be­steht dar­in, dass ideo­lo­gisch mo­ti­vier­te Trol­le Schutz­me­cha­nis­men und Ge­set­ze zum Ur­he­ber­schutz stra­te­gisch ge­zielt aus­nut­zen, in der Funk­ti­on um­keh­ren und ge­ra­de­zu als Waf­fe ein­set­zen – und das zu­dem aus der De­ckung her­aus, al­so weit­ge­hend an­onym. Das kann pas­sie­ren, wenn Sie et­wa als Web­mas­ter für ei­ne Si­te ver­ant­wort­lich sind, die sich ge­gen ex­tre­me po­li­ti­sche Wel­t­an­schau­un­gen ein­setzt. Ge­nau­so könn­ten die­se Mecha­nis­men aber auch skru­pel- lo­se Kon­kur­ren­ten, im Streit lie­gen­de Ex-Ge­schäfts­freun­de oder ver­flos­se­ne Lie­be­s­part­ner aus­nut­zen. Es ist ei­ne Art neu­er di­gi­ta­ler Ra­che­akt 2.0.

FÜNF TIPPS FÜR FO­TOS IN SO­CI­AL ME­DIA

Fo­tos kön­nen Emo­tio­nen trans­por­tie­ren, Fo­tos kön­nen Be­wei­se sein, Fo­tos kön­nen ein­fach nur schön sein. Es gibt vie­le Grün­de, Fo­tos ein­zu­set­zen und sie auch per So­ci­al Me­dia zu tei­len. Die ak­tu­el­le Re­cher­che zeigt aber: Es emp­fiehlt sich, vor­her dar­über nach­zu­den­ken, wie Sie Fo­tos am bes­ten ein­set­zen. Na­tür­lich lässt sich ei­ne Ur­he­ber­schaft vor Ge­richt auch mit Fo­ren­sik von Sach­ver­stän­di­gen klä­ren, aber da­zu wird es beim Streit per So­ci­al Me­dia kaum kom­men. Wer will da­für schon ei­nen kos­ten­träch­ti­gen und zeit­in­ten­si­ven Rechts­streit vor Ge­richt ris­kie­ren? Mit die­sen fünf Tipps kön­nen Sie sich ge­gen Fo­to­dieb­stahl in So­ci­al Me­dia und den an­schlie­ßen­den Är­ger wapp­nen:

01

Nut­zen Sie kei­ne frem­den Fo­tos oder Gra­fi­ken in So­ci­al Me­dia und schon gar nicht an pro­mi­nen­ter Stel­le (He­a­der/ Pro­fil­fo­to), für die Sie kei­ne Ver­wer­tungs­rech­te ha­ben. Wenn Sie Stock­fo­tos oder Auf­trags­pro­duk­tio­nen ver­wen­den, do­ku­men­tie­ren Sie die Rech­te.

02

Wenn Sie Ihr Fo­to spä­ter noch wei­ter­ver­wer­ten (ver­kau­fen) möch­ten, soll­ten Sie nie das bes­te Fo­to für So­ci­al Me­dia ver­wen­den und die Qua­li­tät vor dem Ver­sen­den re­du­zie­ren (Abb. 2). Ein Was­ser­zei­chen ein­zu­bau­en hilft grund­sätz­lich, es ist aber leicht re­tu­schier­bar, wenn es nicht sehr stark im Vor­der­grund steht (und da­mit das Bild stört).

03

Trick: Sie kön­nen Was­ser­zei­chen auch dort ein­bau­en, wo sie an­de­re kaum ent­de­cken kön­nen (z.B. klein, in dunk­len Be­rei­chen, mit we­nig Kon­trast zum Hin­ter­grund). Am bes­ten mehr­fach (Abb. 3). Ein Dieb wird sie dann nicht im­mer oder nicht al­le fin­den. Es er­höht für ihn den Auf­wand.

04

Ver­sen­den Sie im­mer nur ei­nen Aus­schnitt aus ei­ge­nen Fo­tos, sonst kön­nen Sie nicht selbst die Ur­he­ber­rech­te über Ih­re ei­ge­nen Fo­tos nach­wei­sen (Abb. 4). Al­le Be­gleit­da­ten (Exif etc.) las­sen sich ent­we­der ko­pie­ren oder fäl­schen.

05

Die­se Tipps gel­ten erst recht für Brea­king News oder bei gro­ßen Events, für die Sie be­auf­tragt sind und Zeit­druck ha­ben. Rüs­ten Sie sich vor­her mit ent­spre­chen­den Fo­toApps aus, die Sie auch un­ter Stress schnell und mü­he­los be­herr­schen (Abb. 5). Dar­über hin­aus gibt es na­tür­lich noch vie­le wei­te­re Pro­ble­me, auf die Sie vor Ver­öf­fent­li­chung von Fo­tos und Vi­de­os ach­ten soll­ten. Da­zu ge­hört zum Bei­spiel das Recht auf das ei­ge­ne Ab­bild bei der Darstel­lung von Per­so­nen, es kann so­gar ver­bo­ten sein, Fo­tos von be­stimm­ten Kunst­wer­ken, Parks oder Ge­bäu­den oh­ne aus­drück­li­che Ge­neh­mi­gung zu ver­öf­fent­li­chen. Hier spielt auch noch die neue Da­ten­schutz­grund­ver­ord­nung DSGVO ei­ne Rol­le (sie­he Sei­te 20 ff.). Wer an­de­re in her­ab­wür­di­gen Si­tua­tio­nen fo­to­gra­fiert, macht sich so­gar be­reits da­durch straf­bar. Schon das Fo­to­gra­fie­ren und Sam­meln von Fo­tos von Ge­sich­tern und de­ren Na­men könn­te als Sam­meln von bio­me­tri­schen Da­ten ge­wer­tet wer­den. Wer vie­le Fo­tos (oder Vi­de­os) macht und ver­öf­fent­licht, soll­te sich des­sen be­wusst sein.

Kai Rüs­berg ist Jour­na­list und ar­bei­tet haupt­säch­lich als Au­tor und Pro­du­zent für Ra­dio und TV für den West­deut­schen Rund­funk und Deutsch­land­funk. Au­ßer­dem ist er welt­weit als Trai­ner für mo­bi­len Jour­na­lis­mus #MoJo mit dem Smart­pho­ne un­ter­wegs. An der west­fä­li­schen Hoch­schu­le lehrt er Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik. Um Wei­ter­bil­dung und Kol­la­bo­ra­ti­on von Krea­ti­ven zu för­dern, hat er das In­no­va­ti­ons­netz­werk Me­di­aLab.NRW ge­grün­det – ei­ne neue Form der in­di­vi­du­el­len Wei­ter­bil­dung im Netz­werk, of­fen für Krea­ti­ve aus al­len Me­di­en­gat­tun­gen. Zie­le sind, un­kom­pli­ziert Lust auf In­no­va­tio­nen zu we­cken, neue Ar­beits­wei­sen und Tech­ni­ken ken­nen­zu­ler­nen, Zu­sam­men­ar­beit mit an­de­ren Me­di­en­fach­leu­ten zu för­dern und Im­pul­se für ei­nen zu­kunfts­fä­hi­gen Jour­na­lis­mus zu set­zen.

Twit­ter: @Ruhr­na­list Kom­men­tie­ren: screen­gui.de/39/fo­tos-schuet­zen

Abb. 1: Jour­na­list Richard Gut­jahr wur­de zum Ziel­ob­jekt von Trol­len (Fo­to: Ma­thi­as Viet­mei­er).

Abb. 2: Fo­tos nie im Ori­gi­nal ver­öf­fent­li­chen, son­dern vor­her be­ar­bei­ten

Abb. 5: Apps zur Fo­to-/Vi­deo­be­ar­bei­tung pa­rat ha­ben

Abb. 3: Sicht­ba­re und ver­steck­te (ro­te Mar­kie­rung) Was­ser­zei­chen (Fo­tos: Kai Rüs­berg, @Ruhr­na­list)

Abb. 4: Im­mer nur ei­nen Aus­schnitt ver­öf­fent­li­chen

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