Ge­lieb­te Di­va

Urs­li Pfis­ter als Cli­via

Siegessaeule - - Editorial/Inhalt - Frank Her­mann

Sie­ges­säu­le-Au­tor Frank Her­mann über das Phä­no­men Di­va. Urs­li Pfis­ter, Si­grid Gra­jek und Sven Ratz­ke über ih­re per­sön­li­chen Göt­tin­nen

Ab 8. März sind die Ge­schwis­ter Pfis­ter in der Ope­ret­te von Ni­co Dos­tal an der Ko­mi­schen Oper zu se­hen

Auf den Ber­li­ner Büh­nen ist sie im­mer wie­der Thema: die Di­va. Si­grid Gra­jek wid­met sich in ih­rem Pro­gramm „Ich will aber ge­ra­de vom Le­ben sin­gen“der 20er-Jah­reI­ko­ne Claire Wald­off. Im März gibt es die Pre­mie­re von „Cli­via“, ei­ner Ope­ret­te über ei­ne Di­va mit Urs­li Pfis­ter in der Ti­tel­rol­le, und ab April spielt Sven Ratz­ke sein neu­es Pro­gramm „Di­va Di­va ʼ s“. An­läss­lich die­ses Div­en­tums sin­nie­ren Sie­ges­säu­le-Au­tor Frank Her­mann, Urs­li Pfis­ter, Si­grid Gra­jek und Sven Ratz­ke über die Di­va im All­ge­mei­nen und ih­re je­wei­li­ge ganz per­sön­li­che

„Im­mer wenn du hung­rig bist, wirst du zur Di­va“, heißt es in den Spots für ei­nen Scho­ko­rie­gel. Jo­an Col­lins und Are­tha Fran­klin tre­ten dar­in auf. Die Aus­sa­ge: Ei­ne Di­va ist zi­ckig und un­aus­steh­lich. „Sei bloß nicht so ne Di­va“im Um­gangs­sprach­li­chen im­pli­ziert al­so: Dies ist kei­ne an­ge­neh­me Spe­zi­es und hat so gar nichts Ge­heim­nis­vol­les oder An­be­tungs­wür­di­ges. Da­bei soll ei­ne sol­che die Men­schen, vor­nehm­lich ihr Pu­bli­kum, ent­zü­cken und er­freu­en. Mit Di­va (la­tei­nisch: Göt­tin) wur­de ur­sprüng­lich ei­ne Per­son be­zeich­net, die oft von über­ir­di­scher Schön­heit war – na­tür­lich dem zeit­ge­mä­ßen Ide­al ent­spre­chend – und mit au­ßer­ge­wöhn­li­chem Ta­lent ge­seg­net. Zu­nächst wa­ren es im 18. Jahr­hun­dert Thea­ter­schau­spie­le­rin­nen oder Opern­sän­ge­rin­nen, de­nen das At­tri­but oder der Ti­tel ver­lie­hen wur­de. Aber Schön­heit und Ta­lent al­lein ge­nü­gen nicht, um die­se Funk­ti­on glaub­haft aus­zu­fül­len. Die be­tref­fen­de Per­son muss sich ih­rer Ein­zig­ar­tig­keit auch be­wusst sein und ih­ren Sta­tus ze­le­brie­ren. Man den­ke an Opern­di­ven wie Ma­ria Cal­las. Sie be­herrsch­ten die­se Kla­via­tur. Oder die Film­di­ven Gre­ta Gar­bo und Mar­le­ne Dietrich, die sich aus der Öf­fent­lich­keit zu­rück­zo­gen, als sie die Ge­fahr er­kannt hat­ten, ihr My­thos könn­te durch das Al­tern brö­ckeln. So wur­den sie zur Le­gen­de, weil das Pu­bli­kum sie in Er­in­ne­rung be­hielt, wie sie ge­we­sen wa­ren. So­lan­ge sie ak­tiv wa­ren, gab es kei­ne Zwei­fel an ih­rer Ein­zig­ar­tig­keit, Gar­bo wur­de ja auch tat­säch­lich „die Gött­li­che“ge­nannt. Es braucht Stan­ding, um Di­va zu sein. Wie Glo­ria Swan­son es als ehe­ma­li­ger Stummfilmstar in „Sun­set Bou­le­vard“(1950) for­mu­liert: „Wir brauch­ten kei­ne Dia­lo­ge, wir hat­ten Ge­sich­ter.“Das ist ein Di­ven­satz, mit un­er­schüt­ter­li­chem Selbst­be­wusst­sein ge­sagt. Di­ven wie Jo­an Cra­w­ford oder Eliz­a­beth Tay­lor hat­ten all das: Ge­sich­ter und Dia­log, zu­dem Uner­schüt­ter­lich­keit – und den un­ge­hemm­ten Drang zur Selbst­in­sze­nie­rung, ob nun bei lau­fen­der Ka­me­ra am Film­set oder nur für die Wo­chen­schau. Un­trenn­bar ver­bun­den mit dem Phä­no­men der Di­va ist Camp, das äs­the­ti­sche Prin­zip, das die Schrift­stel­le­rin Su­san Son­tag in ih­rem Es­say „No­tes on Camp“ana­ly­sier­te. Die über­trie­be­ne Po­se, das Über­zo­ge­ne und Künst­li­che, das „lar­ger than li­fe“ge­hö­ren un­ab­ding­bar zur Di­va. Sonst ist sie kei­ne. Das Ne­ga­tiv­bild da­von im quee­ren All­tag wä­re dann wohl die „Dra­ma Queen“, die ih­re Freun­des­schar nur hat, um sie mit ih­ren Al­lü­ren zu drang­sa­lie­ren. Gibt es männ­li­che Di­ven? Oh ja. Aus quee­rer Sicht auf je­den Fall. Ro­dol­fo Va­len­ti­no in et­wa, der in Pa­läs­ten re­si­dier­te, am Film­set üp­pigst kos­tü­miert war und auch pri­vat den pom­pö­sen Auf­tritt lieb­te. Sei­ne Be­er­di­gung war ein ve­ri­ta­bles Di­ven­be­gräb­nis ... In spä­te­ren Zei­ten gab es auch männ­li­che Di­ven: Da wä­re zum Bei­spiel der ame­ri­ka­ni­sche Gla­mour­pia­nist und -en­ter­tai­ner Li­be­r­a­ce. Si­cher auch Fred­die Mer­cu­ry, Front­mann der Band Queen, die hin­ter sei­nem ou­trier­ten Auf­tre­ten un­will­kür­lich ver­blass­te. Drei Bei­spie­le für männ­li­che Künst­ler mit über­di­men­sio­na­ler Selbst­in­sze­nie­rung. In Hol­ly­wood ging die Apo­theo­se ei­nes Stars so weit, dass Ri­ta Hay­worth vom Ma­ga­zin Li­fe die „Lie­bes­göt­tin von Ame­ri­ka“ge­nannt wur­de. Zwei­fel­los war sie ei­ne der „Film­göt­tin­nen“der 40er- und 50er-Jah­re. Was sich auch in den deut­schen Ver­leih­ti­teln nie­der­schlug: „Co­ver Girl“von 1944 wur­de zu „Es tanzt die Göt­tin“. „Down to Earth“(1947) hieß in Deutsch „Ei­ne Göt­tin auf Er­den“. An­schei­nend war der Göt­tin­nen­be­darf in Deutsch­land nach dem Weg­gang von Gar­bo und Dietrich groß. Und Hil­de­gard Knef noch nicht reif, die­se Rol­le aus­zu­fül­len. Das Star­sys­tem von Hol­ly­wood, der da­ma­li­gen „Traum­fa­brik“, war der Nähr­bo­den, auf dem dieÜber­ir­di­schen ge­hegt und ge­pflegt wur­den. Als das Sys­tem in den 1950er-Jah­ren ver­schwand, be­zie­hungs­wei­se sich wan­del­te und fort­an eher Re­gis­seu­re die Stars wur­den, gab es auch kei­ne Di­ven mehr. Film­stars wur­den im Lauf der Zeit die Spe­cial Ef­fects: Mo­del­le von Mons­ter­hai­en und an­de­ren be­droh­li­chen Krea­tu­ren, Au­ßer­ir­di­sche. Wo soll­te da noch Platz für ei­ne re­al exis­tie­ren­de Per­son sein, die sich zur Ver­eh­rung eig­ne­te? Die Be­grif­fe Di­va und Star wer­den mitt­ler­wei­le so in­fla­tio­när ver­wen­det, dass nichts von ih­rer ei­gent­li­chen Be­deu­tung ge­blie­ben ist. „Di­va“, der Film von 1981 um ei­ne Opern­pri­ma­don­na (Wil­hel­mi­na Fer­nan­dez), zeigt noch ein­mal ge­konnt, was der Be­griff be­deu­tet: ei­ne Per­son, die be­din­gungs­lo­se Be­wun­de­rung her­vor­ruft, das, was in Eng­lisch „De­vo­ti­on“heißt. „Vi­va La Di­va“, der ESC-Ge­win­ner von 1998, per­si­fliert den Be­griff und führt ihn ad ab­sur­dum, lie­fert aber den­noch ei­nen Touch of Camp in der Per­for­mance von Da­na In­ter­na­tio­nal. Fälsch­li­cher­wei­se wird auch die Sän­ge­rin Ma­don­na für ei­ne Di­va ge­hal­ten. Das stimmt nur, wenn man sie, be­zie­hungs­wei­se ihr Image, in die ein­zel­nen Be­stand­tei­le zer­legt. Da sind ver­schie­de­ne In­gre­di­en­zen zu fin­den. Ein biss­chen von al­len Di­ven aus der Ver­gan­gen­heit, aber das ist mehr ein Cock­tail als ein Hoch­ge­wächs. Ma­don­na ist ein Pop­star, kei­ne Di­va. Di­ven gibt es nicht mehr, es sei denn, je­mand soll mit dem At­tri­but dis­kre­di­tiert wer­den.

Fo­tos: J. Ja­ckie Bai­er ja­ckie­lynn.de Lo­ca­ti­ons: Ko­mi­sche Oper Ber­lin BKA-Thea­ter Kon­zept: Chris­ti­na Rein­thal

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