Mehr Les­ben, bit­te!

Ein Plä­doy­er für Selbst­be­stim­mung – das war das Mot­to vie­ler quee­rer Fil­me der 64. Ber­li­na­le. Ei­ne Rück­schau mit viel Ro­man­tik, Co­m­ing-of-Age, et­was Ex­zess und ei­ni­gen blin­den Fle­cken zwi­schen den Bei­nen

Siegessaeule - - Berlin - Kit­ty­hawk

• Die har­ten Fak­ten zu­erst: kein Les­ben­film, nir­gends. Trotz über 400 Bei­trä­gen prä­sen­tier­te die Ber­li­na­le nicht ein ein­zi­ges les­bi­sches Fei­gen­blatt. Wer we­nigs­tens auf et­was Frau­en­sex in Lars von Tri­ers „Nym­pho­ma­ni­ac“ge­hofft hat, der im­mer­hin im Zei­chen des Schlacht­rufs „Mea vul­va! Mea ma­xi­ma vul­va!“steht, wur­de ent­täuscht. Die ent­spre­chen­den Sze­nen fol­gen erst in Teil zwei der Selbst­be­trach­tung ei­ner sex­bes­se­nen Frau. Da­für gab es schö­ne schwu­le und quee­re Fil­me zu ent­de­cken: Tra­shi­ges, Ernst­haf­tes und Be­we­gen­des. Ira Sachs er­zählt in „Love Is Stran­ge“von der Lie­be zwei­er al­ter Män­ner, die nach 40 Jah­ren Be­zie­hung hei­ra­ten. Doch durch die­sen Schritt ist der ei­ne sei­nen Job los und bei­de ver­lie­ren die Woh­nung. Mit ih­rer Darstel­lung ei­ner jahr­zehn­te­lan­gen Ver­traut­heit bil­de­ten Al­f­red Mo­li­na und John Lith­gow ei­nes der an­rüh­rends­ten Paa­re der Ber­li­na­le. Dem Film ist je­den­falls an­zu­mer­ken, dass Ira Sachs („Keep the Lights On“) in­zwi­schen doch an die Lie­be glaubt. Die EL­SE-Ju­ry der Sie­ges­säu­le ent­schied sich dies­mal für ein Werk aus der Sek­ti­on Ge­ne­ra­ti­on 14plus: „52 Tu­es­days". Der Spiel­film der aus­tra­li­schen Re­gis­seu­rin So­phie Hy­de er­zählt von der 16jäh­ri­gen Bil­lie, de­ren Mut­ter ei­ne Ge­schlechts­an­glei­chung be­ginnt und zu Ja­mes wird. Ein Jahr soll sei­ne Ve­rän­de­rung dau­ern, und bis da­hin wer­den sich Bil­lie und Ja­mes nur ein­mal die Woche se­hen, am Di­ens­tag. Ja­mes wird von Del Her­bert-Ja­ne ge­spielt, ei­ner auch im ech­ten Le­ben nicht Gen­der-kon­for­men Per­son. Ge­dreht wur­de tat­säch­lich ein Jahr lang – im­mer diens­tags. Ein ex­klu­si­ves In­ter­view mit So­phie Hy­de gibt es auf sie­ges­säu­le.de. Den Ted­dy Award für den bes­ten Spiel­film ge­wann der bra­si­lia­ni­sche Film „The Way He Looks“. Da­ni­el Ri­bei­ros De­büt zeigt die ers­te Lie­be des blin­den Leo­nar­do zu sei­nem wu­schel­köp­fi­gen Mit­schü­ler Ga­b­ri­el. In­ti­mi­tät ent­steht hier nicht über Bli­cke, son­dern durch al­le üb­ri­gen Sin­ne. Und Leo­nar­do be­harrt nicht nur auf sei­ner se­xu­el­len Iden­ti­tät, son­dern auch auf sei­ner Selbst­stän­dig­keit in al­len an­de­ren Be­rei­chen – ob nun blind oder nicht. Dra­ma­tisch ge­stor­ben wur­de na­tür­lich auch. Dass es in Un­garn wie in vie­len an­de­ren Län­dern töd­li­che Ho­mo­pho­bie gibt, wis­sen wir lei­der. Dass im deutsch-un­ga­ri­schen „Land of Storms" der ei­ne Lieb­ha­ber den an­de­ren gleich selbst er­sticht, ist aber doch schwe­rer To­bak. In Groß­auf­nah­me quillt das Blut aus dem mus­ku­lö­sen Ober­kör­per. Es geht noch dra­ma­ti­scher: Im Trash­film des schwu­len Re­gis­seurs Till Klei­nert, „Der Sa­mu­rai“, er­scheint der Kil­ler mit dem Schwert mal wie­der als Mann im Kleid. Beim fi­na­len Mord gibt's dann die Erek­ti­on – na dan­ke. Sprit­zen­den Kör­per­säf­ten wid­me­te sich eben­so die Kom­pi­la­ti­on „Fucking Dif­fe­rent XXY“. Ei­ne der Epi­so­den von trans* Fil­me­ma­che­rIn­nen lie­fert ei­nen Cum Shot mit Mut­ter­milch. Wem das zu viel Sex­fan­ta­sie ist: ver­schie­de­ne Do­kus setz­ten sich mit schwu­ler Ge­schich­te aus­ein­an­der. So blick­te „Hap­py To Be Dif­fe­rent“nach Ita­li­en und Ste­fan Haupts „Der Kreis“, der mit sei­ner Mi­schung aus in­sze­nier­ten und Ar­chiv­sze­nen den Do­kuTed­dy er­hielt, in die Schweiz. Hier ent­stand in den 1930er-, 1940er-Jah­ren mit der Un­ter­grund­grup­pe „Der Kreis“Eu­ro­pas ers­te Ho­moor­ga­ni­sa­ti­on, die für quee­re Eman­zi­pa­ti­on ein­trat. Eben­falls se­hens­wert, aber nicht pri­mär un­ter les­bi­schen Aspek­ten be­trach­tet, ist die Kul­tur­ge­schich­te „Vul­va 3.0“von Clau­dia Rich­arz und Ul­ri­ke Zim­mer­mann. Die Re­gis­seu­rin­nen un­ter­su­chen, war­um die na­tur­be­las­se­ne Va­gi­na in vie­len Ge­sell­schaf­ten so ein Ta­bu ist: Sie wird mal un­ter Zwang be­schnit­ten, mal frei­wil­lig nach Schön­heits­norm „op­ti­miert“und ge­gen­wär­tig am liebs­ten in ein haar­lo­ses Kind­chen­sta­di­um ver­setzt. Nach die­sem Film wird es Zeit für ei­ne Mu­schi-Re­bel­li­on. Zu gu­ter Letzt gab es ver­dien­te Eh­ren-Ted­dys für El­fi Mi­kesch und Ro­sa von Praun­heim. Praun­heim zeig­te sei­ne 15-mi­nü­ti­ge Hom­mage an den 2013 ver­stor­be­nen Au­tor Ma­rio Wirz, die zu Trä­nen rühr­te und an de­ren En­de Ro­sa sagt: „Ich lie­be dich!“

EL­SE-Ver­lei­hung in der Saar­län­di­schen Lan­des­ver­tre­tung: Ge­win­ne­rin So­phie Hy­de (Mit­te), links da­ne­ben Pro­du­zent Bryan Ma­son mit Mit­glie­dern der Ju­ry, Sie­ges­säu­le-Chef­re­dak­teu­rin Chris­ti­na Rein­thal (zwei­te v. li,) und Ver­le­ge­rin Ma­nue­la Kay (ganz rechts)

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