Pro „Ho­mo-de­mo“

Wird aus dem Ber­li­ner CSD die „Sto­ne­wall Pa­ra­de“? Noch sei nichts ent­schie­den, sagt der CSD im In­ter­view auf sie­ges­säu­le.de, sorgt je­doch mit ei­ner mög­li­chen Na­mens­än­de­rung für Un­mut in der Com­mu­ni­ty und bei Par­tei­en. In of­fe­nen Brie­fen wirft man sich nun

Siegessaeule - - Berlin -

• Der Ber­li­ner CSD will po­li­ti­scher wer­den, er­klä­ren die Ver­an­stal­ter: „Wir se­hen un­se­re ori­gi­nä­ren Auf­ga­ben un­ter an­de­rem dar­in, öf­fent­li­chen Raum für LGBTI-Men­schen ein­zu­neh­men und po­si­ti­ve Rol­len­bil­der zu schaf­fen“, heißt es im Sie­ges­säu­leIn­ter­view. Schö­ner Plan, doch fra­ge ich mich: Was ha­ben die denn bis­her ge­tan? War es nicht schon im­mer die ori­gi­nä­re Auf­ga­be ei­nes CSDs, sich für Men­schen­rech­te ein­zu­set­zen und für die Rech­te von LGBTI zu kämp­fen? Im Grun­de gibt man da­mit doch sel­ber zu, bis­her den Sinn des CSDs gar nicht be­grif­fen zu ha­ben. Und nun, an­ge­sichts der seit Jah­ren an­dau­ern­den all­ge­mei­nen Un­zu­frie­den­heit der Ber­li­ner Com­mu­ni­ty mit der sinn­ent­leer­ten, über­kom­mer­zia­li­sier­ten CSD-Ver­an­stal­tung, be­sinnt man sich auf den Ur­sprung und den Zweck ei­nes sol­chen. Es soll ge­plant sein, das Gan­ze in „Sto­ne­wall Pa­ra­de“um­zu­be­nen­nen. Wer zum Teu­fel kennt denn den Un­ter­schied zwi­schen Chris­to­pher Street und Sto­ne­wall? Ein­ge­weih­te wis­sen, das ei­ne – Sto­ne­wall – ist der Kn­ei­pen­na­me, das an­de­re – Chris­to­pher Street – die Stra­ße, in der eben je­nes Sto­ne­wall lag und sich, mitt­ler­wei­le di­rekt ne­ben der al­ten Lo­ca­ti­on neu er­öff­net, wie­der dort be­fin­det. Bei­de Na­men be­zie­hen sich auf die­sel­be Stra­ßen­schlacht 1969 im New Yor­ker Gre­en­wich Vil­la­ge und ha­ben mit Po­li­tik so viel oder we­nig zu tun, wie man es ge­ra­de möch­te. Wer vor­her frag­te, wer denn ei­gent­lich die­ser Chris­to­pher Street war, für den wir all­jähr­lich auf die Stra­ßen ge­hen, wird auch mit Sto­ne­wall we­nig an­fan­gen kön­nen. Üb­ri­gens hieß der Ham­bur­ger CSD frü­her mal Sto­ne­wall, war das wirk­lich bes­ser und po­li­ti­scher? Und das Wort „Pa­ra­de" im­pli­ziert ja nun auch nicht un­be­dingt ei­ne po­li­ti­sche Aus­rich­tung, im Ge­gen­teil. Durch die sprach­li­che Nä­he zur Love Pa­ra­de ist das eher ein Schuss ins ei­ge­ne Knie. Zu­mal man doch in Ber­lin zu Recht im­mer auf den De­mons­tra­ti­ons­cha­rak­ter stolz war. Aber viel­leicht will man ja ins­ge­heim gar nicht so po­li­tisch sein, wie man sich nach au­ßen gibt. Der üb­ri­gens schon im­mer fast aus­schließ­lich männ­lich be­setz­te CSD-e.-V.-Vor­stand, der auch sonst in sei­ner Zu­sam­men­set­zung wie kaum ein an­de­res Gre­mi­um durch Ho­mo­ge­ni­tät glänzt, hat­te schließ­lich jah­re­lang Zeit, ei­ne po­li­ti­sche Ver­an­stal­tung un­ter dem Na­men CSD zu in­iti­ie­ren. Aus wel­chen Grün­den auch im­mer ist dies nicht ge­lun­gen: den­ken wir nur an die vie­len un­sin­ni­gen Slo­gans, die pein­li­chen VIP-Be­rei­che und noch pein­li­che­ren Ab­schluss­ver­an­stal­tun­gen mit ab­ge­half­ter­ten C-Pop­mu­sik-Pro­mis, die lie­ber beim CSD auf­tre­ten als bei der nächs­ten Mö­bel­haus­er­öff­nung. Der bis­he­ri­ge CSD e. V. hat­te es doch in der Hand. Doch die­se Hän­de wur­den gern auf­ge­hal­ten für was auch im­mer, statt sich da­mit mal an den Kopf zu fas­sen und zu über­le­gen, wie man ei­ne gan­ze Stadt und ei­ne gan­ze Com­mu­ni­ty hier ei­gent­lich mit die­ser lah­men Ver­an­stal­tung ver­arscht. Und jetzt sol­len die­sel­ben Leu­te und der­sel­be Ver­ein plötz­lich un­ter neu­em Na­men ganz po­li­tisch und en­ga­giert für Men­schen­rech­te sein? Wenn man wirk­lich so po­li­tisch sein will, soll­te man es so hand­ha­ben wie Po­li­ti­ker und Po­li­ti­ke­rin­nen – bei Ver­sa­gen zu­rück­tre­ten! Nicht ein neu­er Na­me muss her, son­dern ei­ne neue Or­ga­ni­sa­ti­on. Neue, fri­sche Men­schen an ent­schei­den­den Po­si­tio­nen wer­den ge­braucht, de­nen man ein po­li­ti­sches An­lie­gen auch glau­ben kann. Und die kön­nen den CSD ja dann gern auch um­be­nen­nen. Da man doch po­li­ti­scher und all­ge­mein ver­ständ­li­cher wer­den will, wie wä­re es mit: „De­mo für die Rech­te und Sicht­bar­keit von LGBTI“, kurz „Ho­mo-De­mo“ge­nannt – das ver­steht man so­gar im Aus­land!

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