New kids on the block

En­ough is En­ough mischt mit der „Rain­bow Fla­me“er­neut die eta­blier­te Ber­li­ner Ho­mo­welt auf. Und Be­we­gung gibt es nicht nur in Ber­lin ... Ei­ne Stand­ort­be­stim­mung von Chris­ti­an Mentz

Siegessaeule - - Online -

• Das Knir­schen im Ge­bälk der be­müh­ten Be­we­gungs­hü­ter ist un­über­hör­bar: Schon zum zwei­ten Mal hat die Gup­pe En­ough is En­ough mit der „Rain­bow-Fla­me“ei­nen Coup ge­lan­det, vor­bei an den be­kann­ten Play­ern wie LSVD, Queer Am­nes­ty und den LSBTIG­rup­pen der Par­tei­en. Das bringt Un­ru­he in die eh­ren­wer­te, aber auch sa­tu­rier­te quee­re Be­we­gungs­welt in Ber­lin. Die vie­len Initia­ti­ven,Par­tei­en und quee­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen, der LSVD als größ­te un­ter ih­nen, sind seit Jah­ren auf­ein­an­der ein­ge­spielt. Von klei­ne­ren und ri­tua­li­sier­ten Que­re­len ab­ge­se­hen ist das Sys­tem aus­ta­riert – ist da noch Platz für et­was Neu­es? Of­fen­sicht­lich ja, En­ough is En­ough ge­lang be­reits im Au­gust 2013, was vie­le Be­we­gungs­ve­te­ra­nen schon für un­mög­lich hiel­ten: rund 7.000 Leu­te auf die Stra­ße zu brin­gen, die in Ber­lin ge­mein­sam ge­gen Wla­di­mir Pu­tins Ho­mo­pro­pa­gan­da-

Ge­setz de­mons­trier­ten. Nun die „Rain­bo­wfla­me“– et­wa 1.000 Be­su­che­rIn­nen ka­men am Er­öff­nungs­tag der Olym­pi­schen Win­ter­spie­le (7. Fe­bru­ar) auf den Pots­da­mer Platz, um da­bei zu sein, als die Flam­me ent­zün­det wur­de. Ein paar Hun­dert Me­ter ent­fernt hat­te der LSVD aus dem­sel­ben An­lass zeit­gleich zur De­mo vor dem Bran­den­bur­ger Tor auf­ge­ru­fen, hier ka­men et­wa 500 Teil­neh­me­rIn­nen. Es geht nicht um klein­li­ches Be­su­che­rIn­nen-Auf­rech­nen, aber lag der Ge­dan­ke schon län­ger in der Luft, am 7. Fe­bru­ar um 17 Uhr wur­de er im­mer drän­gen­der: War­um tun sich En­ough is En­ough und LSVD nicht zu­sam­men? Die ei­nen ha­ben of­fen­sicht­lich ge­ra­de den bes­se­ren Dreh, die Com­mu­ni­ty an­zu­spre­chen: die rich­ti­ge Sym­bo­lik, den rich­ti­gen Sound. Die an­de­ren die In­fra­struk­tur, das in Jahr­zehn­ten ge­wach­se­ne, eta­blier­te Netz­werk. Zwei De­mos zum sel­ben Zeit­punkt, zum sel­ben Thema, das sah nach ei­nem Ge­gen­ein­an­der aus. Ein ers­ter Schritt zur Ge­mein­sam­keit wur­de ge­tan: Die De­mo vom Bran­den­bur­ger Tor zog nach ei­ner Schwei­ge­mi­nu­te vor der rus­si­schen Bot­schaft wei­ter zum Pots­da­mer Platz und ver­ei­nig­te sich dort mit En­ough is En­ough. Die Flam­me wie­der­um wur­de et­was spä­ter als ge­plant ent­zün­det, da­mit die LSVD-De­mo noch Zeit hat­te, sich an­zu­schlie­ßen. Wer nun die Com­mu­ni­ty bes­ser ver­tritt, war das Dis­kus­si­ons­the­ma der letz­ten Wo­chen – die New­co­mer oder die Alt­ein­ge­ses­se­nen? Ei­nes soll­te man da­bei nicht ver­ges­sen: Wäh­rend En­ough is En­ough punk­tu­ell und über­zeu­gend mit Ak­tio­nen auf­tritt, die dann die Auf­merk­sam­keit bin­den, ma­chen die Rou­ti­niers, et­wa vom LSVD, die täg­li­che, oft we­ni­ger gla­mou­rö­se Ar­beit. Sie sind das gan­ze Jahr über An­sprech­part­ner für Schwu­le, Les­ben und Trans*, für Po­li­tik und Me­di­en. Sie or­ga­ni­sie­ren Kon­gres­se, klä­ren an Schu­len auf, bie­ten ju­ris­ti­sche Hil­fe, pu­bli­zie­ren Stu­di­en, mi­schen sich in die Ta­ges­po­li­tik ein. All das wird schnell über­se­hen, wenn die new kids on the block auf­spie­len. Ihr Gla­mour und ih­re Be­geis­te­rungs­fä­hig­keit plus die un­ver­zicht­ba­re Ar­beit der gro­ßen Play­er – das wä­re ide­al. Doch das wür­de un­se­re aus­dif­fe­ren­zier­te Viel­falt be­dro­hen, fürch­ten vie­le. Manch­mal al­ler­dings sind ein­fa­che Bil­der und Bot­schaf­ten not­wen­dig, um Zie­le zu er­rei­chen – und das Ziel soll­te im­mer noch sein, LSBTI, egal wo, das Le­ben we­nigs­tens er­träg­li­cher zu ma­chen. Das Thema ist Zu­sam­men­ar­beit – brau­chen wir ei­ne Ho­mo­lob­by, ei­ne In­sti­tu­ti­on, die die Flut an na­tio­na­len und in­ter­na­tio­na­len Her­aus­for­de­run­gen bün­deln und be­wäl­ti­gen kann? Äl­te­re Be­we­gungs­schwes­tern win­ken mü­de ab: Die Dis­kus­si­on füh­re man seit Jah­ren, oh­ne Er­geb­nis­se. Au­ßer­dem sei es doch gut, wie es ist: Un­zäh­li­ge klei­ne­re oder grö­ße­re Ar­beits­krei­se, Initia­ti­ven, NGOs spie­gel­ten eben die Viel­falt der Sze­ne wi­der. Wie die­se Viel­falt al­ler­dings mit­ein­an­der dis­ku­tiert und strei­tet, läuft eher nach dem Mot­to „Gra­na­te auf die Ge­gen­sei­te wer­fen und wie­der in den Gr­a­ben du­cken“. Viel­falt klingt schön, wird aber oh­ne ein Mit­ein­an­der schnell häss­lich. Sie be­ruht dann näm­lich auf dem Satz: „Ich hab recht und du bist to­tal da­ne­ben.“Ein­drück­lich an den ak­tu­el­len De­bat­ten rund um den CSD zu be­ob­ach­ten. Der CSD-Ver­ein denkt öf­fent­lich wahr­nehm­bar über ei­ne Na­mens­än­de­rung der Pa­ra­de nach, und so­fort wer­den Brand­brie­fe ge­schrie­ben, wird zu­rück­be­lei­digt, kurz: St­a­chel­draht und Gr­a­ben­schau­fel aus­ge­packt. Viel­leicht geht das ja nicht an­ders, nicht in ei­ner Stadt wie Ber­lin, wo man schon sei­nen Kiez wie ein Glau­bens­be­kennt­nis vor sich her trägt. Die Gr­a­ben­kämp­fe sind al­ler­dings kraft­rau­bend. War­um nicht et­was mehr Ge­mein­sam­keit? Ei­ne Ho­mo­lob­by hie­ße ja nicht, dass „mus­kel­be­pack­te Pink­hem­den mit Re­gen­bo­gen­fah­nen und Wun­der­ker­zen be­waff­net in Glit­zer­stie­feln durchs Bran­den­bur­ger Tor“mar­schie­ren – wie Dirk Lu­digs es so wun­der­bar auf sie­ges­säu­le.de schrieb. Son­dern zum Bei­spiel das An­ge­hen der Fra­ge: War­um gibt es kein Ho­mo-Mi­nis­te­ri­um? Lach­haft? Gleich­stel­lung von Frau­en ist erst seit den 80er-Jah­ren wirk­lich ein Thema in der Po­li­tik und mi­nis­te­ri­ell ver­an­kert. Die­sem Mi­nis­te­ri­um, voll­stän­di­ger Ti­tel „Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Fa­mi­lie, Frau­en und Ju­gend“, sind ho­mo­se­xu­el­le Be­lan­ge zu­ge­ord­net. Auf der Web­sei­te muss man al­ler­dings lan­ge su­chen. Die Be­grif­fe „schwul“, „les­bisch“, „ho­mo­se­xu­ell“, „trans­se­xu­ell“füh­ren zu ins­ge­samt null Tref­fern. Ei­ne an­ge­mes­se­ne po­li­ti­sche Ver­tre­tung der je nach Schät­zung zwi­schen vier und 17 Pro­zent von Ho­mo­se­xu­el­len in der Be­völ­ke­rung sieht an­ders aus. So ei­ne po­li­ti­sche Ver­an­ke­rung und Aus­ge­stal­tung könn­te dann auch die Res­sour­cen ha­ben, nicht nur na­tio­na­le, son­dern in­ter­na­tio­nal die men­schen­rechts­po­li­ti­sche Ar­beit für LSBTI vor­an­zu­trei­ben. Welt­weit er­le­ben wir Al­li­an­zen ge­gen LSBTI. Pu­tin rüstet sei­ne Be­völ­ke­rung men­tal auf, in den USA ge­ben christ­li­che Fun­da­men­ta­lis­tIn­nen den Ho­mos die Schuld an Krie­gen und Sturm­flu­ten und sind er­folg­reich da­mit. In Tei­len Afri­kas und des Na­hen Os­tens ist es le­bens­ge­fähr­lich, ho­mo­se­xu­ell zu sein. Wie man an Ba­den-Würt­tem­berg sieht, wie am gro­ßen me­dia­len und ge­sell­schaft­li­chen In­ter­es­se am Co­m­ing-out von Tho­mas Hitzlsper­ger, wie der gro­ße Er­folg von En­ough is En­ough be­legt: Die Fra­ge, wel­chen Platz Ho­mo­se­xu­el­le in der Ge­sell­schaft ein­neh­men sol­len oder dür­fen, ist noch lan­ge nicht durch. Und in der Jetzt­zeit ist das die Fra­ge nach der Ho­mo­lob­by. Und wir soll­ten die Kräf­te bün­deln und da­bei sein statt Gr­a­ben­kämp­fe zu füh­ren. Statt sich in szen­ein­ter­nen lin­gu­is­ti­schen De­bat­ten zu ver­zet­teln, ob man nun Ho­mos oder LSBTI zu schrei­ben hat – könn­te man sich auch be­geis­tern las­sen. Die „Ge­gen­sei­te“näm­lich, ob hier­zu­lan­de oder in­ter­na­tio­nal, hat ei­ne ziem­lich ein­fach struk­tu­rier­te Agen­da: No Ho­mo, plea­se. Die­se Lob­by ist sehr stark – was set­zen wir ihr ent­ge­gen? Vie­le He­te­ros üb­ri­gens ha­ben lan­ge ver­stan­den, dass es beim Pro­test auch um ih­re schwu­len und les­bi­schen Freun­de geht. Und ge­hen des­halb mit auf die Stra­ße. Chris­ti­an Mentz

Rain­bow-Re­vi­val? Auf dem Pots­da­mer Platz, am 7. Fe­bru­ar

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