Sams­tag­nacht

Ky­lies zwölf­tes Stu­dio­al­bum ist eben­so sym­pa­thisch wie be­lang­los

Siegessaeule - - Musik -

• Die gro­ße Zeit der Main­stream-Pop­di­ven, die auch mu­si­ka­lisch et­was zu sa­gen ha­ben, scheint vor­über. Wäh­rend zu­min­dest im R’n’B Frau­en wie Beyon­cé ver­su­chen, dem Gen­re chart­staug­li­cher Kon­sens­mu­sik et­was Über­ra­schen­des ab­zu­rin­gen, sieht’s übe­r­all sonst eher fins­ter aus. Die gro­ßen Play­er der Bran­che flat­tern im­mer ver­zwei­fel­ter von Pro­du­zent zu Pro­du­zent in der Hoff­nung auf ei­nen kom­mer­zi­el­len Er­folg und op­fern da­bei jeg­li­che mu­si­ka­li­sche Ei­gen­stän­dig­keit. So klingt am En­de je­de Sha­ki­ra gleich ga­ga. Wer je­doch den Fo­kus auf die ei­gent­li­che Be­stim­mung der Pop­mu­sik legt – die Un­ter­hal­tung –, wird im Ein­heits­brei der In­ter­pre­tin­nen ei­ni­ge Un­ter­schie­de aus­ma­chen kön­nen. Ky­lie Mi­no­gue, de­ren neu­es Al­bum „Kiss Me On­ce“am 14. März er­scheint, ist ein be­son­ders an­schau­li­ches Bei­spiel. Wäh­rend Ma­don­na mit dem Aus­druck ei­ner zu­sam­men­ge­zurr­ten Poper­ze bei Spontan­d­urch­fall die Welt von ih­rer „Re­vo­lu­ti­on of Love“(wor­um geht’s da ei­gent­lich?) über­zeu­gen möch­te, glei­tet Ky­lie mit atem­be­rau­ben­der Leich­tig­keit durch das Vi­deo zu ih­rer neu­en Sing­le „Into The Blue“– ei­ne Frau mit rei­fem Sex-Ap­peal, nicht min­der ge­lif­tet, aber oh­ne die knö­cher­ne Au­ra der Ver­bit­te­rung. Kei­ne Fra­ge, der Song ist ähn­lich prol­lig wie Ma­don­nas „Girl Go­ne Wild“oder Ga­gas „Ap­plau­se“und gru­selt im In­tro gar mit „Eo-oooh! Eo-oooh!“-Chö­ren, die je­de Après-Ski­Hüt­te zum Be­ben brin­gen dürf­ten, löst sich dann aber in ei­ne gut ge­laun­te Schmis­sig­keit, die es bei­na­he un­mög­lich macht, ihn zu has­sen. Ky­lie mor­pht ein­mal mehr aus hei­te­rer Be­lang­lo­sig­keit die­ses Sams­tag­nacht­krib­beln im Bauch her­aus, ir­gend­wo zwi­schen frisch ver­liebt und ers­tem Glas Sekt auf nüch­ter­nen Ma­gen. Ty­pisch, denn wäh­rend Ma­don­na in grau­er Vor­zeit auf Al­ben wie „Ray of Light“oder „Ame­ri­can Li­fe“mit ei­nem ernst­haf­ten künst­le­ri­schen An­satz be­geis­ter­te, war die Mi­no­gue mit Aus­nah­men im­mer schon für die sym­pa­thi­sche aber hirn­lo­se Spaß­ver­si­on von Pop zu­stän­dig. Dass sie nie ver­such­te, die­se Tat­sa­che zu ver­schlei­ern, mach­te sie häu­fig zur bes­se­ren En­ter­tai­ne­rin. Das Al­bum „Kiss Me On­ce“, üb­ri­gens in en­ger Zu­sam­men­ar­beit mit JD Sam­sons Exf­reun­din Sia Fur­ler ent­stan­den, macht da frag­los kei­ne Aus­nah­me. Auch hier fin­det sich vor al­lem Ba­na­les – in­halt­lich viel­fäl­ti­ge Song­ti­tel wie „Se­xy Love“, „Se­x­er­cise“oder „Les Sex“las­sen es er­ah­nen. Ge­schenkt, bei Ky­lie ging es im­mer schon um et­was an­de­res. Nach ei­nem ers­ten Zu­rück­zu­cken groovt man sich ein, be­ginnt mit dem Fuß zu wa­ckeln und be­kommt Lust, sich das be­reits er­wähn­te Glas Sekt zu be­stel­len. Un­ver­zeih­lich ist al­ler­dings die glit­schi­ge Bal­la­de „Be­au­ti­ful“mit Ma­cho-Jam­mer­lap­pen En­ri­que Igle­si­as, aber was soll man sich groß auf­re­gen. „Kiss Me On­ce“ist mit Si­cher­heit nicht Ky­lies bes­tes Al­bum, denn für ei­ne vor­nehm­lich über zug­kräf­ti­ge Singles funk­tio­nie­ren­de Künst­le­rin fehlt ein­fach ein zwei­ter po­ten­zi­el­ler Hit. Nach dem dring­li­chen „Mil­li­on Mi­les“, dem an Ka­ja­goo­goo er­in­nern­den „I Was Gon­na Can­cel“– pro­du­ziert von Pha­rell Wil­li­ams – und dem ob­li­ga­to­ri­schen „Spin­ning Around“-Soun­da­li­ke „Se­xy Love“ver­liert sich die Plat­te zu be­lie­big im Mid­tem­po-Brei. Aber auch das kann man Ky­lie ein­fach nicht übel neh­men. Jan Noll

Ky­lie Mi­no­gue: Kiss Me On­ce (War­ner), ab dem 14.03. er­hält­lich

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