Bernd

Vom ers­ten Ber­li­ner CSD bis heu­te

Siegessaeule - - Pride - An­dre­as Mar­sch­ner

• „Scha­de, dass man euch Schwu­le nicht al­le ver­gast hat!“Das hör­te Bernd Gaiser oft, als er 1973 bei der ers­ten schwu­len De­mo auf dem Ber­li­ner Ku’damm Flug­blät­ter ver­teil­te. Aber auch aus den ei­ge­nen Rei­hen gab es Be­schimp­fun­gen – mit­de­mons­trie­ren­de Tun­ten wur­den von an­de­ren Schwu­len an­ge­grif­fen. Sie wür­den das Bild des schwu­len Man­nes in der Öf­fent­lich­keit ver­fäl­schen, hieß es, das kön­ne man un­mög­lich dul­den. „Schon da­mals gab es mit dem so­ge­nann­ten Tun­ten­streit hef­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen in der Sze­ne“, sagt Bernd, „wo Schwu­le sich tref­fen, fet­zen sie sich.“Er en­ga­giert sich seit An­fang der 70er-Jah­re in der Ber­li­ner Com­mu­ni­ty: ge­hör­te zu den ers­ten Ak­ti­vis­ten der 1971 ge­grün­de­ten HAW (Ho­mo­se­xu­el­le Ak­ti­on West­ber­lin), war Grün­dungs­mit­glied des SchwuZ, das in den 70erJah­ren eben­so wie die AHA (All­ge­mei­ne Ho­mo­se­xu­el­le Ar­beits­ge­mein­schaft) aus der HAW her­vor­ging. Bernd or­ga­ni­sier­te den ers­ten CSD 1979 in West­ber­lin mit. Als in den 80ern vie­le sei­ner Freun­de an Aids er­krank­ten, küm­mer­te sich der ge­lern­te Buch­händ­ler vie­le Jah­re in sei­ner Wohn­ge­mein­schaft um In­fi­zier­te und be­glei­te­te sie bis zum Tod. Seit 2003 ar­bei­tet der heu­te 69-Jäh­ri­ge eh­ren­amt­lich beim Netz­werk „An­ders Al­tern“der Schwu­len­be­ra­tung, wo er äl­te­re Schwu­le be­treut. Ob­wohl er selbst im Ren­ten­al­ter ist, fin­det Bernd es wich­tig, sich wei­ter­hin ak­tiv ge­gen Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung, Ho­mo­pho­bie und Ras­sis­mus ein­zu­set­zen. Auch die Viel­falt der quee­ren Sze­ne sei noch nicht rich­tig im Be­wusst­sein. „Wir tun uns im­mer noch schwer mit dem Be­griff LGBTI und was das al­les be­inhal­tet.“All das wer­de zum Bei­spiel im Le­bens­ort Viel­falt in der Nie­buhr­stra­ße prak­ti­ziert und ver­kör­pert. In dem Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­haus mit 24 Miet­woh­nun­gen und ei­ner Pfle­ge-WG für queer und he­te­ro le­ben­de Men­schen wohnt auch Bernd seit drei Jah­ren. Der äl­tes­te Be­woh­ner ist über 80, der jüngs­te 22. Auch Bernd war 22, als er aus ei­nem Dorf in Ba­den-Würt­tem­berg nach Ber­lin kam, weil er sich in ei­nen Ber­li­ner ver­liebt hat­te. Das war 1967. Ei­ne schwu­le Sze­ne gab es noch nicht. 1971 ge­schah je­doch et­was Ein­schnei­den­des: Im Ki­no Ar­senal in der Wel­ser Stra­ße in Schö­ne­berg wur­de Ro­sa von Praun­heims Film „Nicht der Ho­mo­se­xu­el­le ist per­vers, son­dern die Ge­sell­schaft, in der er lebt“ge­zeigt. Bernd war über­wäl­tigt: im Ki­no­saal wa­ren nur schwu­le Män­ner. Es lag ei­ne Lis­te aus, in die man sich ein­tra­gen konn­te. „Wir ha­ben uns da zum ers­ten Mal of­fi­zi­ell als schwul ge­ou­tet“, er­zählt Bernd ge­rührt, „das wä­re vor­her un­denk­bar ge­we­sen.“We­ni­ge Wo­chen spä­ter tra­fen sich al­le, die sich in die Lis­te ein­ge­tra­gen hat­ten. Im Herbst 1971 ent­stand dann die ers­te schwu­le Grup­pe in Ber­lin, die HAW. Bernd war so­fort da­bei, „da fand mei­ne Ver­wand­lung vom Land­ei zum schwu­len Ak­ti­vis­ten statt“. Mo­ti­viert hat ihn im­mer die Er­kennt­nis, dass Schwul­sein nicht nur ei­ne se­xu­el­le Ori­en­tie­rung be­schreibt, son­dern ein gan­zes Le­bens­ge­fühl. Des­halb war auch die Haupt­for­de­rung beim ers­ten Ber­li­ner CSD: Du musst in die Öf­fent­lich­keit ge­hen, um sicht­bar zu ma­chen, was Schwul­sein ei­gent­lich be­deu­tet. Den ak­tu­el­len Streit um den Ber­li­ner CSD fin­det Bernd wich­tig. „Auch ich ha­be ihn nicht mehr als mei­nen CSD emp­fun­den.“Als sein An­trag, „Schwu­le im Al­ter“zum Leit­the­ma des CSD zu ma­chen, in den Fo­ren des CSD e. V. schei­ter­te, er­griff er selbst die Initia­ti­ve. Ge­mein­sam mit dem Be­ra­tungs­zen­trum Mann-O-Me­ter und dem Sport­ver­ein Vor­spiel ent­wi­ckel­te er die Idee, mit Rik­schas am CSD 2013 teil­zu­neh­men. Als An­ge­bot an äl­te­re Schwu­le, bei der Pa­ra­de mit­zu­fah­ren. Das Mot­to: „Mit 50 plus ist noch lan­ge nicht Schluss!“Vom CSD e. V. er­war­tet er, dass die­ser sei­ne Wa­gen­burg­men­ta­li­tät auf­gibt und kri­tik­fä­hi­ger wird. Von den Kri­ti­kern wünscht er sich, dass sie ko­ope­ra­tiv blei­ben und den CSD als ih­ren und nicht als den des CSD e. V. be­grei­fen. Bernd will je­den­falls auch in die­sem Jahr bei der Pa­ra­de wie­der da­bei sein. „Das ist schließ­lich un­ser CSD!“

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