Al­fon­so

Pri­va­tes wird po­li­tisch

Siegessaeule - - Pride - Mi­chel­le Rudolf

• Wenn Al­fon­so Pan­ti­s­a­no von der pri­vat or­ga­ni­sier­ten Ak­ti­vis­tIn­nen­grup­pe En­ough is En­ough! über sei­ne po­li­ti­sche Ar­beit spricht, gibt es kei­ne Aus­re­den mehr. Die Dring­lich­keit sei­ner Ar­gu­men­te ver­bun­den mit der ernst­haf­ten ho­mo­po­li­ti­schen The­ma­tik, für die sich die Mit­glie­der von En­ough is En­ough! ein­set­zen, geht un­ter die Haut. Doch wer Al­fon­so auf­grund sei­ner be­ruf­li­chen Tä­tig­keit als Mo­de­ra­tor, Li­fe- und Bu­si­ness­coach für je­man­den hält, der lie­ber re­det als macht, liegt falsch. Al­lein der Wer­de­gang der Grup­pe ver­deut­licht, mit wel­cher Ener­gie und Ziel­stre­big­keit die ein­zel­nen Mit­glie­der an ih­re Ar­beit ge­hen. Die Grund­idee für En­ough is En­ough! ent­stand wäh­rend ei­nes pri­va­ten Spie­le­abends im Ju­li 2013. Al­fon­so und ein paar Freun­de ka­men auf ein ge­ra­de bei YouTube er­schie­ne­nes Vi­deo von Bar­bie Break­out zu spre­chen, in wel­chem sich die Ber­li­ner Drag­queen aus Pro­test ge­gen die recht­li­che Si­tua­ti­on von LGBTI in Russ­land den Mund mit Na­del und Fa­den zu­näh­te. Man war sich ei­nig, dass man nicht län­ger ta­ten­los zu­se­hen wol­le. Schon am dar­auf­fol­gen­den Tag häng­ten die Freun­de qua­si ih­re Frei­zeit an den Na­gel und be­gan­nen mit der Or­ga­ni­sa­ti­on der De­mo „En­ough is En­ough! Open Your Mouth!“, die ei­nen Mo­nat spä­ter rund 7.000 Ber­li­ne­rIn­nen im Schul­ter­schluss mit der rus­si­schen LGBTI-Com­mu­ni­ty auf die Stra­ße brach­te. Ein eben­so über­wäl­ti­gen­der wie über­ra­schen­der Er­folg der Freun­de, der sie mo­ti­vier­te, mit ih­rer Ar­beit als Ak­ti­vis­tIn­nen­grup­pe En­ough is En­ough! wei­ter­zu­ma­chen. Heu­te blickt die pri­va­te Initia­ti­ve stolz zu­rück auf Pro­jek­te wie die „Mund­pro­pa­gan­da“-Kam­pa­gne, die ge­mein­sam mit dem Ma­ga­zin GQ rea­li­siert wur­de, die welt­weit re­zi­pier­te „Rain­bow Fla­me“am Pots­da­mer Platz, die als Zei­chen der So­li­da­ri­tät mit der rus­si­schen LGBTI-Com­mu­ni­ty wäh­rend der Olym­pi­schen Win­ter­spie­le in Sot­schi als „Ort der Be­geg­nung und Auf­klä­rung“dien­te, wie auch auf die kürz­lich statt­ge­fun­de­ne De­mo zum In­ter­na­tio­na­len Tag ge­gen Ho­mo- und Trans*pho­bie. Al­fon­so Pan­ti­s­a­no, ge­bür­ti­ger Ita­lie­ner und Pres­se­spre­cher der Initia­ti­ve, stammt selbst aus ei­ner Fa­mi­lie, in der Ho­mo­se­xua­li­tät lan­ge Zeit als Ta­bu galt. Als er sich im Al­ter von 19 Jah­ren ou­te­te, warf ihn sei­ne Fa­mi­lie zu Hau­se raus und dis­tan­zier­te sich von ihm. „Ich ha­be ei­ne gan­ze Zeit lang wirk­lich sehr dar­un­ter ge­lit­ten, und ich weiß, was es be­deu­tet, wenn man ein schwie­ri­ges Co­m­ing-out durch­macht.“Mitt­ler­wei­le steht Al­fon­so wie­der in sehr gu­tem Kon­takt zu sei­ner Fa­mi­lie und ge­nießt de­ren Un­ter­stüt­zung auch bei sei­ner po­li­ti­schen Tä­tig­keit. Doch der Lei­dens­druck, dem er in sei­ner Ju­gend aus­ge­setzt war, lässt ihn sein Ziel­feld klar ab­ste­cken: „Wenn es uns ge­lingt, dass Men­schen ih­re Vor­ur­tei­le hin­ter­fra­gen und eben­so er­ken­nen wie ak­zep­tie­ren, dass man sich ei­ne se­xu­el­le Ori­en­tie­rung nicht aus­sucht, son­dern ein­fach so ist wie man ist, dann ha­ben wir schon viel ge­schafft!“Die Em­pö­rung über den dies­jäh­ri­gen CSD-Streit sitzt tief bei den Or­ga­ni­sa­to­rin­nen und Or­ga­ni­sa­to­ren von En­ough is En­ough!: „Als Pri­vat­per­son würd ich zu Hau­se blei­ben oder zu ei­nem an­de­ren CSD fah­ren, weil ich mich da­für schä­me, dass wir uns mit sol­chen Lä­cher­lich­kei­ten aus­ein­an­der­set­zen wie ei­nem Na­men, un­ter dem ei­ne Fei­er statt­zu­fin­den hat. Ich krie­ge je­den Tag Mails aus Afri­ka, Sau­di-Ara­bi­en und vie­len an­de­ren Län­dern der Welt. Mails von Leu­ten, die Bil­der schi­cken und schrei­ben: ,Das ist mein bes­ter Freund, der ist letz­te Woche ge­stei­nigt wor­den.’ Das nimmt mich emo­tio­nal sehr mit und ich fra­ge mich dann: Wo­für ma­che ich das al­les? Da­für, dass an­de­re, die es ei­gent­lich viel bes­ser wis­sen müss­ten, im Mo­ment nichts an­de­res zu tun ha­ben, als sich zu strei­ten?“Doch Al­fon­so ist längst kei­ne rei­ne Pri­vat­per­son mehr, und so möch­te er als Teil der Grup­pe En­ough is En­ough! ver­su­chen, auf al­len Ber­li­ner Pri­de-Ver­an­stal­tun­gen prä­sent zu sein.

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