Koks für die Nach­ba­rin

Ein Ber­lin-ro­man oh­ne wil­de Par­tys? Wie das so­gar bes­tens funk­tio­niert, zeigt Sa­rah Schmidts neu­es Buch

Siegessaeule - - Buch - Ro­ber­to Man­teu­fel

• Ni­na Kro­ne ist so rich­tig Ber­lin. Zu­min­dest, wenn man ei­nen ho­hen Grad an Ver­bit­te­rung mit zu­neh­men­dem Al­ter und Mi­s­an­thro­pie als Ber­li­ner Ei­gen­schaf­ten wer­tet. Die Lan­ge­wei­le, die sich ein­stellt, wenn man hier schon seit Jahr­zehn­ten lebt und all das, was von Jun­gen und Zu­ge­zo­ge­nen als hip ge­fei­ert wird, im bes­ten Fall noch als drö­ge be­zeich­net. Hat man ja al­les schon ge­se­hen. Und über­haupt war Kreuz­berg vor dem Mau­er­fall, ja, die gan­ze Ci­ty-West ei­ne an­de­re, ei­ne bes­se­re Stadt. Auf den ers­ten Blick ist so­mit Ni­na Kro­ne, Sa­rah Schmidts Prot­ago­nis­tin in ih­rem Ro­man „Ei­ne Ton­ne für Frau Scholz“, eher ei­ne An­ti­hel­din. Zu­sam­men mit ih­rem Le­bens­part­ner Fritz wohnt sie in ei­nem un­sa­nier­ten Alt­bau, in dem noch mit Koh­le ge­heizt wer­den muss. Ger­ne sau­fen die bei­den abends nach ge­ta­ner Ar­beit ein paar Fla­schen Wein, und wenn es was zu fei­ern gibt, schie­ßen sie sich rich­tig fett mit Koks ab. Von den Träu­men, den Er­war­tun­gen, die sie frü­her hat­ten, ist nicht viel üb­rig ge­blie­ben. Ni­na ar­bei­tet in ei­nem Por­trät­fo­to­la­den, Fritz war­tet Feu­er­wehr­au­tos. Nicht ge­ra­de Jobs, mit de­nen man die Welt ver­än­dert. Und fast all ih­re Be­kann­ten lang­wei­len sie mit ih­ren maß­ge­schnei­der­ten Le­bens­ent­wür­fen zu To­de. All das bringt Sa­rah Schmidt meis­ter­haft in Ni­nas Ge­dan­ken­strom un­ter, aus dem her­aus die Ge­schich­te er­zählt wird. Ni­nas Sicht auf die Din­ge, All­täg­li­ches, wie an der Kas­se im Su­per­markt zu ste­hen, die BVG zu be­nut­zen, ist so herr­lich zy­nisch, so­zi­o­pa­thisch und gleich­zei­tig bit­ter­süß ge­schil­dert, dass die Lek­tü­re ein wah­res Ver­gnü­gen ist. Im­mer wie­der er­tappt man sich da­bei, die­sen oder je­nen Ge­dan­ken auch schon ge­habt zu ha­ben. Spä­tes­tens bei der An­nah­me, sie könn­te end­gül­tig ver­rückt wer­den. Ein Ge­fühl, das Ni­na ein­fach nicht los­wird. Nur war­um? Schließ­lich ist ihr Le­ben nicht völ­lig be­schis­sen. Sie hat ein gu­tes Ver­hält­nis zu ih­ren bei­den Kin­dern, Ra­fi und El­la, die bei­de schon aus dem Haus sind. We­nigs­tens glaubt sie das. Spä­tes­tens als Ra­fi je­doch mit sei­nem brand­neu­en Freund Ben auf­schlägt und die bei­den ih­ren Plan kund­tun, sich per An­zei­ge in der Sie­ges­säu­le ein les­bi­sches Pär­chen zu su­chen, um ge­mein­sam Kin­der zu ha­ben, hängt der Haus­se­gen un­er­war­tet schief. Und El­la, die stock­stei­fe, kar­rie­re­ori­en­tier­te, ewi­ge Prak­ti­kan­tin im Film­busi­ness, scheint auch ir­gend­was zu ver­heim­li­chen. Und schließ­lich ist da noch die Na­mens­ge­be­rin des Bu­ches, die al­te, mür­ri­sche Frau Scholz, die ein Stock­werk tie­fer wohnt. Ni­na fängt un­ge­fragt an, ihr je­den Tag ei­nen Ei­mer Koh­len aus dem Kel­ler vor die Woh­nungs­tür zu schlep­pen, und ern­tet da­für von der grum­me­li­gen Scholz ei­ne Be­lei­di­gung nach der an­de­ren. Trotz­dem lässt Ni­na von ih­rem Gu­te-Tat-Vor­ha­ben nicht ab, da ir­gend­was sie an der Scholz fas­zi­niert. Ge­ra­de durch den Weg­fall von ver­meint­lich ber­lin­ty­pi­schen Sze­nen wie dem gan­zen Club­ge­sche­hen und gei­len Af­ter Hours ge­lingt der Kreuz­ber­ge­rin Schmidt ge­nau das: ein Ber­lin-Ro­man. Und zwar ei­ner, der durch sei­ne Scharf­zün­gig­keit, sei­nen Hu­mor und sei­ne ge­naue Ana­ly­se mit Ab­stand zum Bes­ten ge­hört, was in letz­ter Zeit über Ber­lin ge­schrie­ben wor­den ist!

„Ei­ne Ton­ne für Frau Scholz“, Le­sung mit Sarah Schmidt (Fo­to), 06.06., 20:15, Cor­bo

Sarah Schmidt: „Ei­ne Ton­ne für Frau Scholz“, Ver­bre­cher Ver­lag, 220 Sei­ten, 19 Eu­ro

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