Sex­gei­le Kreuz­fah­rer

Siegessaeule - - Buch - Axel Schock

In „Glän­ze, Ge­spenst!“schil­dert der Jour­na­list Ste­ven M. Brown ei­ne schwu­le Kreuz­fahrt. Ein Buch über Sex, Par­ty – und die Lie­be

„24 St­un­den Fun täg­lich“– das Ver­spre­chen des Rei­se­an­bie­ters klingt fast wie ei­ne Dro­hung. Über­haupt mag die Vor­stel­lung, zu­sam­men mit 3.000 schwu­len Män­nern ei­ne gan­ze Woche auf ei­nem Kreuz­fahrt­schiff zu­sam­men­ge­pfercht zu sein, für vie­le wie die Höl­le auf Er­den er­schei­nen. Auch für Ste­ven M. Brown war die Schiffs­rei­se ent­lang der Küs­te von Ba­ja Ca­li­for­nia bis ins me­xi­ka­ni­sche Pu­er­to Vall­ar­ta nicht un­be­dingt ein Ver­gnü­gen, son­dern vor al­lem Ar­beit: Ein Ver­le­ger war auf den zeit­wei­lig in Deutsch­land le­ben­den US-Jour­na­lis­ten auf­merk­sam ge­wor­den und hat­te ihn zur in­ves­ti­ga­ti­ven Re­cher­che auf die „Sple­ndor“ge­schickt. Wer hier an Bord geht, so schil­dert es Brown, sieht zwar nicht zwangs­läu­fig so se­xy aus wie die Mo­dels in den Wer­be­pro­spek­ten, ver­fügt aber über das not­wen­di­ge Klein­geld, um sich den Traum von So­dom und Go­mor­rha auf ho­her See leis­ten zu kön­nen. Der 33-jäh­ri­ge Brown hin­ge­gen ist al­les an­de­re als ein ty­pi­scher Gay-Crui­se-Gast. An den pri­va­ten Or­gi­en in den Ka­bi­nen hat er kei­ner­lei In­ter­es­se, da­für plagt ihn viel zu sehr die Sehn­sucht nach sei­nem Le­bens­part­ner. So ge­rät Browns Rei­se­be­richt auch zu ei­ner Lie­bes­er­klä­rung an den Da­heim­ge­blie­be­nen, ei­nen Deut­schen, der ihm zu­lie­be Frau und Kind ver­las­sen hat. Um­so grö­ßer ist die Dis­tanz zu den Mi­t­rei­sen­den, die – ver­zwei­felt, rou­ti­niert und bis­wei­len ganz von Sin­nen – ih­re Sehn­süch­te zu be­frie­di­gen su­chen. „Wir be­fin­den uns auf ei­nem Schiff, auf dem die ei­ne Hälf­te zum Fi­cken hier ist und die an­de­re auch zum Fi­cken, aber an­geb­lich nicht aus­schließ­lich“, stellt Brown la­pi­dar fest. Er selbst hat sich nach ei­ge­nem Be­kun­den nie der he­do­nis­ti­schen schwu­len Mehr­heits­kul­tur zu­ge­hö­rig ge­fühlt. Trotz­dem er­hebt er sich nicht zwangs­läu­fig über den Rest der Meu­te. Viel­mehr ver­sucht er, in Be­geg­nun­gen mit den Mit­pas­sa­gie­ren zu er­grün­den, was sie an ei­ner Pau­schal­rei­se die­ser Art ei­gent­lich reizt. Als PR-Buch für Kreuz­fahr­ten taugt „Glän­ze, Ge­spenst!“da­her kaum, aber als kri­ti­sche De­tail­auf­nah­me ei­nes auf Mas­sen­kon­sum kon­zen­trier­ten schwu­len Le­bens­stils um­so mehr.

Ste­ven M. Brown: „Glän­ze, Ge­spenst!“, Haff­mans & Tol­ke­mitt, 336 Sei­ten, 19,95 Eu­ro

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.