„Nüch­tern. Über das Trin­ken und das Glück“ Da­ni­el Schreiber.

Siegessaeule - - Buch -

> Ent­täu­schun­gen ge­hö­ren lei­der aus un­er­find­li­chen Grün­den zum Le­ben da­zu. War­um al­so nicht in die­se neue und oh­ne Fra­ge ganz wun­der­ba­re Buch­ko­lum­ne mit ei­ner wasch­ech­ten Ent­täu­schung star­ten? Qua­si so to­tal nah am Le­ben. Klar, ich hät­te auch lie­ber mit et­was Auf­mun­tern­dem be­gon­nen, aber da­für hät­te ein­fach ein bes­se­res Buch schrei­ben müs­sen. Hat er aber nicht. Und da ich mich auf sein (Kie­pen­heu­er & Witsch), das in der so­gar mit Klas­si­kern wie Or­wells „1984“ver­gli­chen wur­de, wirk­lich freu­te, war ich im Nach­hin­ein um­so mehr ent­täuscht. Ich will gar nicht groß auf dem ein­falls­lo­sen Sto­ry­tel­ling oder den un­ge­mein ein­di­men­sio­na­len Fi­gu­ren in sei­nem Buch über den un­auf­halt­sam pro­spe­rie­ren­den In­ter­net­kon­zern „Cir­cle“rum­rei­ten. Was mich aber er­staun­te, war das La­bel Dys­to­pie, mit dem die­ser Auf­re­ger der Sai­son ge­ne­rell ver­se­hen wur­de. Dys­to­pie? Was Eg­gers da sei­nem fik­ti­ven Cir­cle an­dich­tet, sind größ­ten­teils Ver­hal­tens­wei­sen und Ser­vice­an­ge­bo­te, die man bei Ama­zon, Goog­le oder Face­book längst be­ob­ach­ten und fin­den kann. Von Zu­kunfts­mu­sik al­so kei­ne Spur. An­ders ge­sagt: ich fühl­te mich ver­arscht. Ich könn­te so­gar dar­le­gen, war­um die­ses Buch nicht mal ein Ro­man ist, aber da­für ist mir der Platz hier zu scha­de. Denn so wie das Le­ben Ent­täu­schun­gen pa­rat hält, so hält es auch schö­ne Über­ra­schun­gen be­reit. Und da­für zählt für mich

(Han­ser Ver­lag) von dem Jour­na­lis­ten An sich ging mir erst mal der Arsch auf Grund­eis bei dem Ge­dan­ken, das Buch ei­nes ehe­ma­li­gen Al­ko­ho­li­kers zu le­sen, der über sei­ne Er­fah­run­gen mit der Ab­hän­gig­keit be­rich­tet. Ich be­fürch­te­te die denk­bar schlimms­te mo­ra­lin­sau­re Pre­digt. Doch von we­gen! Nicht nur hat der Be­richt über sei­ne Ab­hän­gig­keit – die un­zäh­li­gen Black­outs, die Angst bei dem Ge­dan­ken, nie wie­der ei­nen Trop­fen an­zu­rüh­ren – an kei­ner Stel­le et­was Be­leh­ren­des. Zu­dem ver­knüpft er in­tel­li­gent sei­ne Er­fah­run­gen mit ei­ner knall­har­ten Ana­ly­se des Um­gangs mit Al­ko­hol hier in Deutsch­land und zeigt auf, wie sehr Bier und Co. un­se­ren All­tag be­stim­men. Und wie schwer es schein­bar in un­se­re Köp­fe rein­geht, dass Al­ko­ho­lis­mus kei­ne Schwä­che des Cha­rak­ters ist, son­dern ei­ne wirk­li­che Krank­heit. Die zahl­rei­chen Stu­di­en, Sta­tis­ti­ken und Zitate, die der flei­ßi­ge Schreiber zu­sam­men­ge­tra­gen hat, tun da ihr Üb­ri­ges. Nur ein Bei­spiel: So sei­en laut ei­ner Er­he­bung von der Bun­des­zen­tra­le für Ge­sund­heit 27 Pro­zent der er­wach­se­nen Be­völ­ke­rung be­reits „al­ko­hol­ab­hän­gig oder ste­hen an der Schwel­le zum Al­ko­ho­lis­mus“. Zu­gleich wur­de das Buch für mich zu ei­nem auf­rei­ben­den Aben­teu­er, da ich mich na­tür­lich frag­te, wie es um mich und mei­ne ei­ge­nen Trink­ge­wohn­hei­ten steht. Erst recht, wenn man als Schwu­ler in Ber­lin lebt – so wie der Au­tor selbst –, in dem die Aus­geh­kul­tur und der Rausch zum All­tag ge­hö­ren. Die Ant­wort ver­ra­te ich jetzt aber nicht. Im Üb­ri­gen ha­be ich nichts ge­gen Bü­cher, die nun nicht gleich mei­nen Le­bens­stil in­fra­ge stel­len oder die mich zu­tiefst ent­täu­schen. Und für so ei­ne si­che­re schö­ne Lek­tü­re­num­mer kann ich wärms­tens (Diogenes) emp­feh­len. Gut, es ist kein zu­künf­ti­ger Welt­hit von gro­ßer in­halt­li­cher Trag­wei­te wie sein „Vor­le­ser“, aber es liest sich in ei­nem Atem­zug weg. Und es zu schaf­fen, ein Buch aus der Ichper­spek­ti­ve zu er­zäh­len, oh­ne dass ein­mal der Na­me des Prot­ago­nis­ten fällt, ist echt ei­ne Kunst für sich. Nicht ganz so elegant ge­schrie­ben kommt da­ge­gen

(Suhr­kamp) da­her. Für Fans von Kri­mi­nal­ge­schich­ten vor his­to­ri­schem Hin­ter­grund ist das Buch den­noch was. Ihr Kom­mis­sar er­mit­telt im Som­mer 1914, kurz vor Kriegs­aus­bruch, rund um ei­ne Mord­se­rie im ho­mo­se­xu­el­len Mi­lieu, und Fe­len­da hat in Sa­chen Re­cher­che bra­vou­rös ih­re Haus­auf­ga­ben ge­macht. Mein Le­bens­fa­zit da­her für die­ses Mal: Geht nicht im Kreis, son­dern fallt lie­ber nüch­tern ei­ne Trep­pe run­ter! <

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