Ge­org Pa­cker „Die Ab­wick­lung. Ei­ne in­ne­re Ge­schich­te des neu­en Ame­ri­kas“

Siegessaeule - - Buch -

> Ame­ri­ka zer­fällt. Ob Schu­len in Ka­li­for­ni­en oder Wohn­sied­lun­gen in Flo­ri­da, sie zer­brö­seln „in der ge­wal­ti­gen Land­schaft wie Salz­säu­len“, schreibt

in sei­nem Sach­buch

(S. Fi­scher). Wem fol­gen­de Ge­ne­ra­tio­nen die Ver­ant­wor­tung an die­sen Ver­wüs­tun­gen ge­ben wer­den, dar­über kann ich nur spe­ku­lie­ren. Die Fak­ten­la­ge nach der Lek­tü­re Pa­ckers be­se­hen scheint mir das aber ein­deu­tig. „Als Ver­hal­tens­nor­men weg­bra­chen“, schreibt er, „die zu­min­dest die schlimms­ten Ex­zes­se der Geld­ma­che­rei ver­hin­dert hat­ten, kipp­te plötz­lich die ge­sam­te Kul­tur ... an der Wall Street und in Wa­shing­ton.“An die Stel­le mo­ra­li­scher Wer­te trat die neue Kraft des „or­ga­ni­sier­ten Gel­des“. Pa­cker er­zählt die Ge­schich­te die­ser Ab­wick­lung mit­tels Por­träts von Grö­ßen wie der Mo­de­ra­to­rin Oprah Win­frey und Rap­per Jay-Z. Die­sen Stars ste­hen Ein­zel­por­träts Un­be­kann­ter ge­gen­über wie von der Fa­b­rik­ar­bei­te­rin Tam­my Tho­mas, die fest­stellt: „Wenn ei­ne Epi­de­mie ei­ne ver­gleich­ba­re Zahl von Men­schen ge­trof­fen hät­te, wür­den wir heu­te von ei­ner his­to­ri­schen Um­wäl­zung spre­chen. Da ihr Un­ter­gang aber nicht durch ei­nen Vi­rus ver­ur­sacht wur­de, son­dern durch den Ver­lust von Ar­beits­plät­zen, scher­te sich am En­de kaum je­mand dar­um.“Neu sind Pa­ckers The­sen nicht, dass die Sche­re zwi­schen Arm und Reich seit den 80ern im­mer grö­ßer ge­wor­den ist oder Mi­nis­ter Wall-Street-Vor­stän­de wur­den, be­vor sie wie­der Mi­nis­ter­pos­ten be­zo­gen, ist be­kannt. Aber da Pa­cker kon­se­quent dar­auf ver­zich­tet, die Le­ben sei­ner Prot­ago­nis­ten zu ana­ly­sie­ren, er­leb­te ich durch ih­re bio­gra­fi­sche Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit die Schick­sa­le der Men­schen, wie auch sie sie zu er­ei­len schie­nen: ohn­mäch­tig. Die wirt­schaft­li­che Frei­heit der ei­nen ist die so­zia­le Höl­le der an­de­ren. Pre­kär lebt es sich aber nicht nur in den USA, son­dern auch in Ös­ter­reich, ge­nau­er ge­sagt in Wi­en, wie in ih­rem Erst­ling

(re­del­stei­ner da­himè­ne edi­ti­on) zeigt, nur dass bei ihr das Ghet­to ein Call­cen­ter ist. Aber Mo­ment! Ge­hört es sich über­haupt, die Aus­sichts­lo­sig­keit ei­ner gan­zen Ge­ne­ra­ti­on in den USA mit ei­ner ein­zel­nen „Wohl­stands­ver­wahr­los­ten“, wie ei­ne Wie­ner Zei­tung über die Au­to­rin schrieb, zu ver­glei­chen? Ist Pa­ckers Buch ein dis­tan­zier­tes Pa­n­op­ti­kum, geht es in Ste­fa­nie Sarg­na­gels Buch eben um Ste­fa­nie Sarg­na­gel und ih­re Exis­tenz zwi­schen Ar­bei­ten im Call­cen­ter, Woh­nen im Ge­mein­de­bau (dem sym­pa­thi­schen Pen­dant zu der Mon­stro­si­tät ei­nes Plat­ten­baus) und ihr Kunst­stu­di­um. Das klingt so: „20.11.2011 Vor ei­ner Wo­che hat­te ich ei­nen Film­riss, und jetzt ha­be ich das Feu­er­zeug ei­nes Swin­ger­clubs ent­deckt, be­un­ru­hi­gend. 2.4.2013 Die­ser Call­cen­ter-Job ist echt der bes­te Job der Welt. Er kommt mei­nem Traum­job schon sehr na­he (= Ar­beits­lo­se). 16.7.2013 In je­den an­stän­di­gen Le­bens­lauf ge­hö­ren 2–3 Selbst­mord­ver­su­che.“Ob sie ge­nau die­se mei­ne Fa­vo­ri­ten bei ih­rer letz­ten Le­sung in Ber­lin auch aus­ge­wählt hat­te, kann ich nicht mehr sa­gen. Was ich aber noch ge­nau weiß, war ihr Vor­wurf ans Pu­bli­kum: Ich dach­te, in Ber­lin wird mehr ge­sof­fen und Ihr seid ka­put­ter. Als Wid­mung schrieb sie mir spä­ter in mein Ex­em­plar: Für Ir­gend­wen. Wei­ter so! <

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