AUS­GE­LUTSCHT

Sind 25 Jah­re Mau­er­fall ein Grund zu fei­ern?

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Con­tai­ner Lo­ve: Skan­dal um Sex-App-Per­for­mance Wie schwul ist Micha­el Mül­ler?

> Im Herbst 1989 war ich Prak­ti­kant im Bü­ro des Chef­ar­chi­tek­ten der Stadt Leip­zig. Von dort ging ich mon­tags zum Frie­dens­ge­bet in die Ni­ko­lai­kir­che. Vor der De­mo am 9. Ok­to­ber frag­te ich mei­nen Ban­knach­barn, was er in sei­ner Tü­te ha­be. Ant­wort: „Kaf­fee und Zahn­pas­ta fürs Ge­fäng­nis.“In­mit­ten der De­mons­tran­ten auf dem Leip­zi­ger Ring ent­deck­te ich mei­ne El­tern. Auch Leu­te aus dem schwu­len Ar­beits­kreis der Stu­den­ten­ge­mein­de wa­ren da­bei. Ei­nen Mo­nat spä­ter war al­les an­ders. Als ich am Wo­che­n­en­de ei­nen Freund in Ber­lin be­such­te, öff­ne­te der die Tür: „Bin gera­de aus dem Wes­ten zu­rück.“Die Ge­schwin­dig­keit des po­li­ti­schen Wan­dels droh­te mich zu über­for­dern. Am Mor­gen des 11. No­vem­ber stan­den wir dann ge­mein­sam in der Schlan­ge vor dem Grenz­über­gang Born­hol­mer Stra­ße. Zum ers­ten Mal im Le­ben nach „drü­ben“! 25 Jah­re spä­ter bin ich Stadt­pla­ner in Prenz­lau­er Berg und woh­ne am Se­ne­fel­d­er­platz. Von den Uto­pi­en des An­fangs ist nicht all­zu viel ge­blie­ben. Das Mo­dell ei­ner neu­en Ge­sell­schaft hat­te nur we­ni­ge Wo­chen Kon­junk­tur. Die Rus­sen­müt­zen und „ga­ran­tiert ech­ten“Mau­er­stü­cke für die Tou­ris­ten am Check­point Char­lie da­ge­gen bis heu­te. Die Grün­der­zeit­ge­bie­te des Os­tens sind in den Jah­ren nach dem Mau­er­fall bis zur Un­kennt­lich­keit auf­ge­wer­tet wor­den, die Mie­ten ra­sant ge­stie­gen. Im­mer mehr Woh­nun­gen für Bes­ser­ver­die­nen­de ent­ste­hen, gera­de in den letz­ten Jah­ren. Je­der, der Geld hat, will an­schei­nend in ei­nem „Lat­te-mac­chia­to-Vier­tel“woh­nen. Da­für ver­schwin­det die quee­re In­fra­struk­tur. Trotz­dem se­he ich Schwu­le und Les­ben auf den Stra­ßen. Pär­chen, oft nicht mehr ganz jung. An­schei­nend sind wir ge­mein­sam alt ge­wor­den – und ge­nüg­sam. Mit mei­nem Mann ge­he ich heu­te nicht mehr ins Off-Thea­ter oder in die Bu­sche. Wir sit­zen mit den El­tern im Ca­fé An­na Blu­me oder zwei­sam in der Ses­sel-Lo­ge des Ki­nos in der Kul­tur­braue­rei. An­ders gin­ge es auch gar nicht: Von den Lo­ka­len der Wen­de­zeit gibt es hier kein ein­zi­ges mehr. Als letz­tes hat die Schop­pen­stu­be dicht­ge­macht. Sind das die blü­hen­den Land­schaf­ten? Als mein Mann und ich kürz­lich „Sag nicht, wer du bist!“von Xa­vier Do­lan se­hen woll­ten, be­ga­ben wir uns auf Welt­rei­se: ins Xe­non in der Ko­lon­nen­stra­ße. Den Co­m­ing-out-Film „Stadt, Land, Fluss“hat­te ich noch im Kro­ko­dil hier in der Grei­fen­ha­ge­ner ge­se­hen. Als ich ein Ge­burts­tags­ge­schenk be­sor­gen woll­te, fuhr ich neu­lich zu Ei­sen­herz in der Motz­stra­ße. Einst hat­te ich mei­ne Bü­cher bei Adam in der Gleimstra­ße ge­kauft. Der öst­li­che Wa­ge­mut des An­fangs ist ein­deu­tig weg: Das Kino ne­ben­an spielt kaum noch schwu­le Fil­me, der ein­sa­me Buch­la­den hat schon vor Jah­ren auf­ge­ge­ben. Sonn­tags-Club und der letz­te Kir­chen­kreis wir­ken im Ge­tüm­mel des Ge­schäfts fast schon an­ti­quiert. Schö­ne­berg hat sich we­ni­ger ra­sant ver­än­dert als Prenz­lau­er Berg. Schön alt und mor­bi­de sieht es da noch aus, ge­nau wie vor 25 Jah­ren in mei­ner Hei­mat­stadt. Schon des­halb bin ich glück­lich, dass ich jetzt je­der­zeit in den Wes­ten darf. Mein Grund zum Fei­ern! < Diet­mar Kreut­zer

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