30 Jah­re BAH

Die Ber­li­ner Aids-Hil­fe e. V. (BAH) fei­ert mit Aus­stel­lun­gen im Ca­fé Ul­richs und im Schwu­len Mu­se­um* ih­ren 30. Ge­burts­tag. SIEGESSÄULEAu­tor Axel Schock wirft an­läss­lich des Ju­bi­lä­ums ei­nen Blick zu­rück auf die An­fän­ge der Aids-Kri­se in Berlin und die Grün

Siegessaeule - - Inhalt -

Die Ber­li­ner Aids-Hil­fe fei­ert 30. Ge­burts­tag. Ein Blick zu­rück auf die An­fän­ge der Aids-Kri­se

ei­nen der ers­ten Aids­fäl­le. Das Kran­ken­hausper­so­nal war ver­ängs­tigt und wei­ger­te sich, den schwer kran­ken Mann zu ver­sor­gen. Ein klei­ner Kreis von Men­schen mach­te den Skan­dal in den Me­di­en öf­fent­lich. Wäh­rend die frisch ge­grün­de­te Deut­sche Aids-Hil­fe sich die bun­des­wei­te Ver­net­zung, Prä­ven­ti­on und po­li­ti­sche Lob­by­ar­beit zum Ziel ge­setzt hat­te, woll­te die­se noch über­schau­ba­re Grup­pe, die sich bald „Deut­sche AIDS­Hil­fe – Be­reich Selbst­hil­fe Berlin“nann­te, auf lo­ka­ler Ebe­ne ak­tiv wer­den. Die Aus­gangs­si­tua­ti­on war pre­kär. „Es gab we­der Struk­tu­ren, Rä­um­lich­kei­ten noch fes­te Te­le­fon­num­mern“, er­in­nert sich Gerd Paul, ei­ner der frü­hen Aids-Ak­ti­vis­ten, die zu be­sag­tem Kreis ge­hör­ten. „Und wir hat­ten zu die­ser Zeit auch kei­ne be­last­ba­ren In­for­ma­tio­nen zu den In­fek­ti­ons­we­gen und da­mit auch kei­ne Klar­heit, wor­über wir ei­gent­lich auf­klä­ren soll­ten.“Die Haupt­auf­ga­be lag dar­in, je­ner bald schnell wach­sen­den Zahl an – vor al­lem schwu­len – Aids­er­krank­ten zur Sei­te zu ste­hen, die von Pfle­geinsti­tu­tio­nen oder vom ei­ge­nen Um­feld meist mit ih­ren Ängs­ten und Sor­gen al­lein­ge­las­sen wur­den. Weil es noch kein ei­ge­nes Bü­ro gab, wur­de ei­ne Woh­nung in der Nas­saui­schen Straſ­se zum in­of­fi­zi­el­len Head­quar­ter. Hier leb­te Kon­rad Mö­ckel, spä­ter ers­ter Vor­stand der Ber­li­ner Aids-Hil­fe. „Ei­gent­lich fan­den dort al­le Ge­sprä­che statt“, er­in­nert er sich: Mit Er­krank­ten, Hil­fe­su­chen­den, Mit­strei­tern, aber auch Seu­chen­ex­per­ten des Ro­bert Koch-In­sti­tu­tes. Die stell­ten ei­nes Ta­ges ein be­mer­kens­wer­tes Mo­dell vor, mit dem man die Aus­brei­tung des Vi­rus in der Sze­ne zu stop­pen ge­dach­te, er­zählt Mö­ckel. Je­weils fünf Män­ner soll­ten sich zu ge­schlos­se­nen Grup­pen zu­sam­men­fin­den und ein­an­der schwö­ren, künf­tig nur noch un­ter­ein­an­der Sex zu > Sie ist nicht ge­ra­de die schicks­te Mei­le Schö­ne­bergs: die Kur­fürs­ten­straſ­se an der Ecke zur Karl-Hein­richUl­richs-Straſ­se. Da­für liegt der schwu­le Kiez am Nol­len­dorf­platz di­rekt vor der Haus­tür. Seit drei Jah­ren re­si­diert die Ber­li­ner Aids-Hil­fe dort in ei­nem un­spek­ta­ku­lä­ren, funk­tio­na­len Bü­ro­haus, das aber aus­rei­chend Platz bie­tet für die der­zeit 28 Mit­ar­bei­te­rIn­nen, die hier – ei­ni­ge stun­den­wei­se, an­de­re Voll­zeit – be­ra­ten, or­ga­ni­sie­ren und ver­wal­ten. Kaum ein Aspekt im Le­ben mit HIV, der sich nicht in dem ei­nen oder an­de­ren An­ge­bot der BAH wi­der­spie­gelt: von der fach­li­chen Un­ter­stüt­zung bei Pro­ble­men mit Ärz­ten, Ar­beit­ge­bern oder Äm­tern bis hin zu Frei­zeit- und Sport­an­ge­bo­ten für Men­schen mit HIV. Rund 5.500 Be­ra­tungs­ge­sprä­che wer­den pro Jahr ge­führt und da­bei sind die vie­len Be­ra­tun­gen am Te­le­fon noch gar nicht mit­ge­zählt. Aber das ist nur ein Bruch­teil der Auf­ga­ben, de­nen sich die BAH wid­met. „Oh­ne die Jahr für Jahr oft müh­sam ein­ge­sam­mel­ten Spen­den und Spon­so­ren­gel­der, vor al­lem aber oh­ne die vie­len Eh­ren­amt­li­chen wä­re das al­les nicht zu stem­men“, sagt BAH-Ge­schäfts­füh­re­rin Ute Hil­ler. Un­ge­fähr 220 Men­schen en­ga­gie­ren sich der­zeit in der BAH, so vie­le wie in kei­ner an­de­ren re­gio­na­len Aids-Hil­fe. 2015 fei­ert die Ber­li­ner Aids-Hil­fe zwar den 30. Jah­res­tag ih­rer Ver­eins­grün­dung, ih­re Ge­schich­te be­ginnt al­ler­dings zwei Jah­re frü­her. Rück­blen­de auf Berlin 1983: Nach­rich­ten über ei­ne selt­sa­me „Schwu­len­seu­che“sorg­ten in der Com­mu­ni­ty für Un­ru­he. Noch wa­ren dies Meldungen aus den fer­nen USA, dem Ma­ga­zin DerSpie­gel je­doch war die Krank­heit be­reits ei­ne Angst schü­ren­de Ti­tel­ge­schich­te wert. Es konn­te nur ei­ne Fra­ge der Zeit sein, dass Aids auch Deutsch­land er­rei­chen wür­de. In je­nem Som­mer gab es im Kli­ni­kum Ste­glitz be­reits

ha­ben. Der Vor­schlag fiel auf we­nig Re­so­nanz, wie man sich den­ken kann. Aber auch ein an­de­rer Wunsch des Ro­bert Koch-In­sti­tu­tes wur­de in der Grup­pe zu­nächst mit groſ­ser Skep­sis be­trach­tet: Wie soll­te man aus­ge­rech­net Schwu­le da­zu brin­gen, beim Sex Prä­ser­va­ti­ve, al­so Ver­hü­tungs­mit­tel, zu ver­wen­den? Die­se und an­de­re Fra­gen wur­den dis­ku­tiert und bil­de­ten schlieſs­lich die Grund­la­ge spä­te­rer Prä­ven­ti­ons­ar­beit. 1985 war dann end­lich Schluss mit der Wohn­zim­mer-Not­lö­sung. Zu­sam­men mit der Deut­schen Aids-Hil­fe zog der Ar­beits­be­reich „Selbst­hil­fe Berlin“in ei­ne Drei­ein­halb­zim­mer­woh­nung ei­nes Hin­ter­hau­ses am Bun­des­platz. Mög­lich ge­macht hat­te dies der da­ma­li­ge Ge­sund­heits­se­na­tor Ulf Fink mit ei­ner ers­ten För­de­rung von ex­akt 43.114 DM. Dass ei­ne Grup­pe bis da­hin völ­lig Un­be­kann­ter selbst­be­wusst vom Se­nat Geld für ih­re Ar­beit for­der­te, lös­te zu­nächst Ir­ri­ta­tio­nen aus. Ge­rüch­te wur­den ge­streut. Die Steu­er­gel­der wür­den in der Le­der­sze­ne ver­sa­cken, mut­maſs­te man in kon­ser­va­ti­ven Krei­sen. Die wol­len doch nur Kar­rie­re ma­chen, wur­de von Ak­ti­vis­ten der Ber­li­ner Schwu­len­sze­ne un­ter­stellt. Als dann das Geld end­lich floss, die Räu­me re­no­viert und ein So­zi­al­ar­bei­ter für Be­ra­tun­gen ein­ge­stellt war, brach die Höl­le los. Das Be­ra­tungs­te­le­fon – 24 St­un­den am Tag be­setzt – klin­gel­te pau­sen­los. Aus 50 eh­ren­amt­li­chen Mit­ar­bei­tern wur­den bald 150. Sie un­ter­stütz­ten die Ar­beit, be­glei­te­ten die In­fi­zier­ten in ih­rem Le­bens­all­tag und bei der Be­wäl­ti­gung ih­rer Krank­heit. Auch die öf­fent­li­chen Zu­wen­dun­gen wur­den hö­her. Lan­ge Zeit hat­te man be­wusst all­zu star­re Struk­tu­ren ver­mie­den und woll­te lie­ber spon­tan han­deln, an­statt spieſs­bür­ger­li­cher Ver­eins­meie­rei zu ver­fal­len. Doch mit der wach­sen­den Zahl an Mit­ar­bei­te­rIn­nen konn­te man sich die­sen Lu­xus schlieſs­lich nicht mehr leis­ten. Am 6. No­vem­ber 1985 wur­de die Ber­li­ner Aids-Hil­fe ins Ver­eins­re­gis­ter ein­ge­tra­gen. Wie sich die Ar­beit der BAH seit­her ent­wi­ckel­te, wie HIV und Aids die­se Stadt und ih­re Men­schen be­wegt ha­ben, ist nun im Schwu­len Mu­se­um* zu se­hen. Die Aus­stel­lung „30 Jah­re Po­si­ti­ves er­le­ben“, ku­ra­tiert vom Grün­der des Schwu­len Mu­se­ums*, Wolf­gang Theis, und Ma­ria Bor­muth von der BAH, zeigt an­hand von Fotos, Film­aus­schnit­ten, Fly­ern so­wie ei­ner Au­dio­in­stal­la­ti­on, wie sich in den ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­ten Eh­ren­amt, Auf­klä­rungs­ar­beit oder auch die Trau­er­kul­tur ver­än­dert ha­ben. Par­al­lel da­zu sind im Ca­fé Ul­richs, der Be­geg­nungs­stät­te im Erd­ge­schoss der Ber­li­ner Aids-Hil­fe, 30 Pla­ka­te aus 30 Jah­ren BAH zu se­hen. Ver­än­dert hat sich vor al­lem die Haupt­auf­ga­be der Aids-Hil­fe. Aus den Ster­be­be­glei­tern in den 1980er-Jah­ren sind, dank des me­di­zi­ni­schen Fort­schritts, Le­bens­be­glei­ter ge­wor­den. Und doch gibt es Kon­ti­nui­tä­ten. Den ver­bes­ser­ten The­ra­pie­mög­lich­kei­ten zum Trotz müs­sen sich vie­le HIV-In­fi­zier­te im­mer noch mit Dis­kri­mi­nie­rung und Stig­ma­ti­sie­rung her­um­schla­gen. Und auch 2015 kom­men noch Men­schen mit schwe­ren Er­kran­kun­gen auf die HIV-Schwer­punkt­sta­ti­on des Au­gus­te-Vik­to­ria-Kli­ni­kums. Auch dort wird Ju­bi­lä­um ge­fei­ert. Denn seit nun­mehr 25 Jah­ren schafft das sonn­täg­li­che Ca­fé Vik­to­ria ei­ne Mög­lich­keit für Pa­ti­en­ten, ins Ge­spräch zu kom­men, auſ­ser­dem bie­tet das BAH-Team „Freun­de im Kran­ken­haus“ih­nen Un­ter­stüt­zung und Ab­wechs­lung in der oft emo­tio­nal schwie­ri­gen Zeit des Kli­nik­auf­ent­hal­tes. < Axel Schock

FOTO:BAH

FOTO:JOHANNESAEVERMANN/BAH1987

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