Was ist schon na­tür­lich?

Kürz­lich läs­ter­ten Dol­ce&Gab­ba­na über Re­gen­bo­gen­fa­mi­li­en und reih­ten sich da­mit ein in ei­ne lan­ge Rei­he von Schwu­len, Les­ben und He­te­ros. Die Ar­gu­men­te sind im­mer die glei­chen. Chefredakteurin Chris­ti­na Rein­thal hält da­ge­gen

Siegessaeule - - Tach auch -

> Ir­gend­wann Mit­te März ga­ben Dol­ce&Gab­ba­na ein Interview, in dem Do­me­ni­co Dol­ce äuſ­ser­te, dass er Re­gen­bo­gen­fa­mi­li­en un­na­tür­lich und ir­gend­wie nicht rich­tig fin­det. Die Welt war in hel­ler Auf­re­gung. Zu Recht: Es nervt, dass man sich die­ses Ge­ze­ter nicht nur von durch­ge­knall­ten He­te­ros an­hö­ren muss, son­dern auch qua­si „aus den ei­ge­nen Rei­hen“. Auſ­ser­dem hät­te ich von Mo­de­de­si­gnern mehr Krea­ti­vi­tät er­war­tet und mal ei­nen neu­en Zu­gang zum The­ma. Aber die ha­ben ja nur wie­der­holt, was eh schon seit Jah­ren hoch- und run­ter­ge­be­tet wird: Re­gen­bo­gen­fa­mi­li­en ent­spre­chen nicht dem Lauf der Na­tur. Das be­lieb­tes­te Ar­gu­ment, mit dem man sei­ne na­se­rümp­fen­de Hal­tung ge­gen­über Re­gen­bo­gen­fa­mi­li­en ver­ba­li­siert. Da­zu kann ich als les­bi­sche Mut­ter schon mal Fol­gen­des sa­gen: Nichts in mei­nem Le­ben hat sich für mich so na­tür­lich und selbst­ver­ständ­lich an­ge­fühlt wie der Ent­schluss von mei­ner Frau und mir, ein Kind zu be­kom­men. Ge­nau­so war es bei der Emp­fäng­nis und der Ge­burt un­se­res Kin­des. Das ist üb­ri­gens ein eben­so na­tür­li­cher Vor­gang wie der Ent­schluss ei­ner he­te­ro­se­xu­el­len Frau, kei­ne Kin­der zu be­kom­men und beim Sex mit ei­nem Mann zu ver­hü­ten. Aber die Ar­gu­men­ta­ti­ons­ket­ten, die Re­gen­bo­gen­fa­mi­li­en im­mer wie­der in ei­nen Recht­fer­ti­gungs­zwang brin­gen, ge­hen ja noch weit über das hin­aus, was Dol­ce&Gab­ba­na auf­ge­tischt ha­ben. Ger­ne ge­äuſ­sert wird auch die An­nah­me, dass Schwu­le und Les­ben ih­ren Kin­der­wunsch aus pu­rem Ego­is­mus ver­wirk­li­chen. Je­der, der mal zwei bis drei St­un­den mit ei­nem Kind al­lei­ne ver­bracht hat, wird wis­sen: Kin­der groſs­zie­hen ist das ge­naue Ge­gen­teil von Ego­is­mus. Man gibt so ziem­lich al­les auf – den ei­ge­nen Schlafrhyth­mus, die ei­ge­nen Ess­ge­wohn­hei­ten, das freie Ver­fü­gen über die Frei­zeit und vor al­lem ei­nes: Un­ab­hän­gig­keit. Da­mit wä­ren wir bei Ar­gu­ment Num­mer drei: „Wenn du ein Kind be­kommst, ist ja dein Le­ben vor­bei!“Stimmt. Macht aber nichts. Ar­gu­ment Num­mer vier: „Das ist An­pas­sung an He­te­ro­nor­ma­ti­vi­tät.“Seit mei­ner Schwan­ger­schaft ha­be ich mehr Co­m­ing-ou­tSi­tua­tio­nen als in den 35 Jah­ren da­vor. Ei­ne les­bi­sche Single­frau muss sich – na­tür­li­cher­wei­se – we­sent­lich sel­te­ner er­klä­ren als ei­ne les­bi­sche Frau auf ih­rem Weg durch Frau­en­arzt­pra­xen, Ge­burts­vor­be­rei­tungs­kur­se, Kreiſs­sä­le und Äm­ter. Nie ha­be ich mich als Les­be und da­mit als Ab­wei­chung von der He­te­ro­norm so sicht­bar ge­fühlt wie in den letz­ten fünf Jah­ren. Ach, und dann kommt ja noch das Spieſ­ser­ar­gu­ment, ei­gent­lich mein liebs­tes. Da­zu sa­ge ich Fol­gen­des: Ich ha­be Kaf­fee­kränz­chen in kin­der­lo­sen Haus­hal­ten er­lebt, die sich für mich weiſs Gott spieſ­si­ger an­ge­fühlt ha­ben als ein Nach­mit­tag mit Kin­der­pup­sen, Keks­krü­mel­nie­sern und Brech­durch­fall. Soll­ten Dol­ce&Gab­ba­na ei­ne schi­cke schmutz­ab­wei­sen­de Blu­se ent­wer­fen, ich wür­de sie vi­el­leicht so­gar kau­fen. <

„Das Ge­gen­teil von Ego­is­mus“Wer sich für ein Kind ent­schei­det, gibt so ziem­lich al­les auf

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