John Grant

Siegessaeule - - Inhalt - < In­ter­view: Jan Noll

Der schwu­le Song­wri­ter mel­det sich mit dem bes­ten Al­bum sei­ner Kar­rie­re zu­rück. Wir tra­fen ihn zum In­ter­view

Die Ent­wick­lung des US-Sän­gers John Grant vom Dro­gen­wrack zum in­ter­na­tio­nal ge­fei­er­ten Künst­ler be­wegt noch im­mer. Mit sei­nem drit­ten Al­bum fügt er die­ser Ge­schich­te nun ei­nen wei­te­ren Mei­len­stein hin­zu, denn „Grey Tick­les, Black Pres­su­re“ist schlicht die bes­te Plat­te sei­ner Kar­rie­re. Wir tra­fen John zum In­ter­view

> John, „Grey Tick­les, Black Pres­su­re“wirkt wie ein Aus­bruch. So­wohl durch die sti­lis­ti­sche Viel­falt als auch durch die neue Här­te. Was war denn wäh­rend der Auf­nah­men an­ders als sonst? Ich hat­te Zeit­druck. Das Al­bum ist kom­plett in­ner­halb von vier Wo­chen auf­ge­nom­men wor­den. Sonst ha­be ich viel mehr Zeit, um an den Songs zu ar­bei­ten. Das hat ei­ne Men­ge Ein­fluss auf die Stü­cke ge­habt, eben­so wie die Tat­sa­che, dass ich der Wut in mir Raum ge­ge­ben ha­be.

Hast du sie sonst zu­rück­ge­hal­ten? Es gab so viel auf­ge­stau­te Wut in mir, dass ich Angst da­vor hat­te, sie raus­zu­las­sen. Ich be­fürch­te­te, so­fort ir­gend­wel­che Men­schen zu tö­ten. Das kann ja vor­kom­men. Wenn ei­nem zwan­zig Jah­re lang ein­ge­trich­tert wor­den ist, dass man min­der­wer­tig ist, dann glau­be ich schon, dass es ir­gend­wann zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen kom­men kann. (lacht) Ich weiß aber, dass ich nicht den Rest mei­nes Le­bens im Ge­fäng­nis ver­brin­gen möch­te. Dein blut­ver­schmier­tes Ge­sicht auf ei­ni­gen Pro­mo-Fo­tos ist al­so gar nicht mal so iro­nisch ge­meint, wie man viel­leicht den­ken könn­te? Nein. Es gibt Leu­te, die mir weh­ge­tan ha­ben, die mich wirk­lich mit Ekel an­ge­schaut und ge­sagt ha­ben: Du bist ein Stück Schei­ße, so was wie dich soll­te es nicht ge­ben, du bist schwach, du bist häss­lich, du bist schwul, krank und ver­pes­tet. Na­tür­lich ha­be ich in Be­zug auf die­se Men­schen Fan­ta­si­en, wie ich ger­ne mit ih­nen um­ge­hen wür­de, wenn das ei­ne Mög­lich­keit wä­re. Ich weiß aber, dass ich nicht ge­nau­so wer­den darf wie sie. Ich wür­de nie­mals je­man­den um­brin­gen. Das wä­re Quatsch. War dir des­halb die dras­ti­sche Spra­che so wich­tig? Im Text zu „You & Him“ver­gleichst du im­mer­hin ei­nen Men­schen mit Adolf Hit­ler und sagst, er sol­le che­misch kas­triert wer­den … Ja, denn was bit­te ist der Un­ter­schied zwi­schen de­nen und Hit­ler? Ich spre­che von Men­schen, die sa­gen, dass al­le Schwu­len um­ge­bracht wer­den soll­ten. Die zie­hen es na­tür­lich nicht durch, so wie Hit­ler das mit den Ju­den ge­macht hat. Wenn je­mand sagt, dass ein ge­wis­ser Teil der Ge­sell­schaft, ein be­stimm­ter An­teil von Men­schen ab­ge­schafft ge­hört, war­um soll­te man die­se Per­son dann nicht mit Hit­ler ver­glei­chen? Das ist doch lo­gisch, oder? In Deutsch­land ist Hit­ler na­tür­lich ein kras­ses Si­gnal­wort. Das weißt du

ja selbst, du hast ja hier ge­lebt. Ich hab die Deut­schen und ihr Land sehr lieb, wie du weißt. Ich woll­te den Leu­ten hier nicht weh­tun. Aber wenn es um die Kunst geht, soll­te man sa­gen, was in ei­nem steckt. Ich hof­fe, die Men­schen sind klug ge­nug, um mich zu ver­ste­hen. Ich ha­be mich sehr viel mit dem Ho­lo­caust be­schäf­tigt, bin in­zwi­schen in Au­schwitz ge­we­sen und fin­de es im­mer noch schwie­rig, da­mit fer­tig­zu­wer­den. Aber es geht ja nicht nur um Deutsch­land. Was war denn bit­te mit den USA? Das Land wur­de auf ei­nem Ge­no­zid ge­grün­det! Wir wol­len hier ein Haus bau­en, ihr steht uns im We­ge, des­halb müsst ihr ster­ben. Das ist nichts an­de­res als das, was in Au­schwitz ge­sche­hen ist. Oder das, was die Ja­pa­ner mit den Chi­ne­sen in Nan­king wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs ge­macht ha­ben. Es gibt vie­le, die auch heu­te noch ver­su­chen, genau so was noch mal zu ma­chen. Das ist nicht nur in Deutsch­land mög­lich. War das Al­bum für dich ei­ne Kat­har­sis? Ein Al­bum ist im­mer ei­ne Kat­har­sis für mich. Ein Über­win­dungs­pro­zess von Ge­füh­len. Es geht um das Los­las­sen der Ver­gan­gen­heit. Frü­her hab ich Al­ko­hol, Ko­ka­in und Sex da­für ver­wen­det. Ich ha­be die­se Din­ge ge­braucht, um vor mir selbst zu flüch­ten. Um nicht mit mir selbst be­schäf­tigt sein zu müs­sen. Das hat mich fer­tig­ge­macht. Ich hat­te kei­ne Kar­rie­re und muss­te kell­nern. Al­ler­dings ha­be ich da­bei auch un­glaub­lich tol­le Men­schen ken­nen­ge­lernt. Leu­te, die ich heiß und in­nig lie­be. Aber Kell­nern wird trotz­dem nie mein Ding sein. (lacht) Die Plat­te ist sehr viel­fäl­tig: fun­ky, ro­ckig, fol­ky, elek­tro­nisch. War die­se sti­lis­ti­sche Band­brei­te ei­ne be­wuss­te Ent­schei­dung? Ja. Das war schon da, als ich die De­mos auf­ge­nom­men ha­be. Ich woll­te die­se Viel­falt ha­ben. Aber auch die Mu­si­ker, die das um­ge­setzt ha­ben, wa­ren wich­tig. Zum Bei­spiel Bob­by Sparks, der Key­board ge­spielt hat – so ei­nen fun­ky Mi­ni-Moog. So was von geil. Ich kann nicht ge­nug da­von be­kom­men. Mu­si­ka­lisch gibt es ei­nen Sprung nach vor­ne, aber auch text­lich. Zum Bei­spiel in „Voo­doo Doll“, wo du zum ers­ten Mal dar­über singst, dass du dich um je­man­den küm­merst, dem es schlecht geht. Das ist neu, ein Wech­sel in der

Per­spek­ti­ve. Genau das woll­te ich auch! Ich woll­te zei­gen, dass sich et­was bei mir ge­än­dert hat, ich mich mit mir selbst aus­ein­an­der­ge­setzt ha­be. Es hat­te ei­nen Grund, war­um ich die­se gan­ze schreck­li­che Selbst­be­ob­ach­tung be­trie­ben ha­be. Weil es wich­tig ist, dass man sich auch um an­de­re küm­mern kann. Man muss mit sich selbst fer­tig­wer­den, um an­de­re Men­schen lie­ben zu kön­nen und sich von an­de­ren Men­schen lie­ben las­sen zu kön­nen. Ich ha­be vie­le Freun­de, die un­ter schwe­ren De­pres­sio­nen lei­den. Und ich möch­te de­nen Mut ma­chen und ih­nen sa­gen, du kommst da durch. Selbst, wenn es schei­ße ist, muss man sich wei­ter­be­we­gen. Nicht ste­hen blei­ben. Es geht dar­um, an der Ge­sell­schaft teil­zu­neh­men. Als so­zia­les We­sen. Das ha­be ich nie ge­macht. Und ich glau­be, das sind die ers­ten Kei­me ei­ner sol­chen Ent­wick­lung. Im Song „Snug Slacks“gibt es die­se un­glaub­li­che Text­zei­le, bei der ich im­mer ki­chern muss: „Jo­an Ba­ez ma­kes GG Al­lin look li­ke Charlene Til­ton“… Geil, oder? (lacht) Ich woll­te ein­fach, dass die Leu­te ei­nen Kno­ten im Hirn krie­gen von die­sem Ver­gleich. Charlene Til­ton ist ei­ne schlim­me Tus­si aus „Dal­las“, GG Al­lin war ein ex­tre­mer Punk-Mu­si­ker und Jo­an Ba­ez ist ei­ne Pro­test-Folk-Iko­ne. Hat dich nur das Bild ge­reizt oder fin­dest du Jo­an Ba­ez wirk­lich ra­di­ka­ler als GG Al­lin? Nee, eben nicht. Aber das war ja der Witz. Ob­wohl man es so­zi­al ge­se­hen viel­leicht so­gar sa­gen könn­te. Das ist ja eben die Fra­ge: Was ist Ra­di­ka­li­tät? Wenn ich auf der Büh­ne mei­ne Schei­ße fres­se oder wenn ich po­li­ti­sche Pro­test­lie­der schrei­be? Noch mal zu­rück zu dei­nem Song: Wie du den Text sprichst, das ist ein­fach nur groß­ar­tig. Ich lag im Bett, als ich den Text ei­gent­lich nur für das De­mo ein­ge­spro­chen ha­be. Ich fand den Ta­ke dann aber so gut, dass ich ihn schließ­lich genau so auf der Plat­te ver­wen­det ha­be. Ich hab das nicht noch mal auf­ge­nom­men. Wenn in der Pres­se über dich ge­spro­chen wird, wer­den be­stimm­te Eck­punk­te dei­ner Bio­gra­fie im­mer wie­der run­ter­ge­be­tet: Ho­mo­se­xua­li­tät, De­pres­sio­nen, Dro­gen­sucht und dei­ne HIV-In­fek­ti­on. War­um ist das den Leu­ten so wich­tig? Ehr­lich ge­sagt, ich weiß es nicht. Aber ich bin be­reit, das zu be­spre­chen, wenn sie das in­ter­es­sant fin­den. Ich fin­de es na­tür­lich in­zwi­schen ein biss­chen lang­wei­lig. Die Men­schen wol­len aber wis­sen, wie ich mit der Be­wäl­ti­gung die­ser Pro­ble­me vor­an­kom­me, schei­nen sich auch, was mich be­trifft, mit­füh­lend zu en­ga­gie­ren. Das fin­de ich ei­gent­lich ei­ne groß­ar­ti­ge Sa­che.

„Wenn je­mand sagt, dass ein be­stimm­ter An­teil von

Men­schen ab­ge­schafft ge­hört, war­um soll­te man die­se Per­son dann nicht mit

Hit­ler ver­glei­chen?“

John Grant: Grey Tick­les, Black Pres­su­re (Bel­la Uni­on/ [PIAS] Co­ope­ra­ti­ve), ab dem 09.10. er­hält­lich SIE­GES­SÄU­LE prä­sen­tiert: John Grant live 2015, 24.11. Köln, Bür­ger­haus Stoll­werck; 25.11. Ham­burg, Ue­bel &amp; Ge­fähr­lich; 26.11. Berlin, Post­bahn­hof

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