Bret­ter­wald

Siegessaeule - - Bühne -

> Das Wort „Angst“er­freut sich, wie ich fin­de, ei­ner selt­sa­men Be­liebt­heit. Ich wun­de­re mich dar­über schon seit Jah­ren. In ei­ner Ge­sell­schaft, in der das Über­le­ben im­mer si­che­rer wird, nimmt die Angst un­auf­halt­sam zu – und ir­gend­wie auch die Ab­sur­di­tät sel­bi­ger. Zum Bei­spiel Angst vor Über­frem­dung oder auch die Angst vor der Be­dro­hung von Ehe und Fa­mi­lie, die im­mer wie­der auf­ploppt, so­bald The­men wie die Öff­nung der Ehe für Schwu­le und Les­ben an­ge­ris­sen wer­den. Ei­ne dum­me Sor­ge, die mit ein­fa­chen Ar­gu­men­ten leicht ent­kräf­tet wer­den könn­te, den­noch hält sie sich hart­nä­ckig bei all den Angst­ha­sen, die re­ak­tio­när durch die Me­dien­land­schaft oder auf „Mär­schen fürs Le­ben“rumhop­peln. „Ver­fech­ter von ein­fa­chen Welt­bil­dern ha­ben Hoch­kon­junk­tur“, be­merkt auch Falk Rich­ter in der An­kün­di­gung zu sei­nem neu­en Stück mit dem pas­sen­den Ti­tel „Fe­ar“, das am 25.10. in der Schau­büh­ne Pre­mie­re hat. In sei­nem Pro­jekt macht er sich ge­mein­sam mit sei­nen Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­lern dar­an, Le­bens­ent­wür­fe jen­seits sim­pler De­fi­ni­tio­nen von Ehe, Fa­mi­lie, Re­li­gi­on oder se­xu­el­ler Iden­ti­tät zu er­grün­den. Dass Rich­ter schwu­le The­men kann, hat er mehr­fach be­wie­sen, un­ter an­de­rem mit sei­ner Stück­ent­wick­lung „Small Town Boy“am Gor­ki oder mit „Ne­ver Fo­re­ver“an sei­nem Stamm­haus Schau­büh­ne. Auch der Ber­li­ner Re­gis­seur Nur­kan Er­pu­lat wid­met sich ei­nem sol­chen Le­bens­ent­wurf, in­dem er ein Stück auf die Büh­ne des Gor­ki bringt, das auf Ol­ga Gr­jas­no­was Ro­man „Die ju­ris­ti­sche Un­schär­fe ei­ner Ehe“be­ruht. Pre­mie­re ist am 24.10. im Gor­ki Thea­ter. Mit die­sem Stoff wagt sich Er­pu­lat an ei­nen Le­bens­ent­wurf, der nicht nur bei rück­wärts­ge­wand­ten He­te­ros als „un­kon­ven­tio­nell“de­fi­niert wer­den wür­de, son­dern si­cher auch bei ei­ni­gen Ho­mos: Die bei­den Haupt­fi­gu­ren Ley­la und Al­tay hei­ra­ten ein­an­der, um ih­re Fa­mi­li­en zu be­ru­hi­gen. Ley­la ist les­bisch, Al­tay schwul, doch ih­re Be­zie­hung ist nicht Schein­ehe im nen­nen wir es mal „klas­si­schen“Sinn, bei der man nur für die Fa­mi­lie so tut, als wür­de man sich lie­ben, und an­sons­ten die Näch­te in ge­trenn­ten Bet­ten ver­bringt. Ley­la und Al­tay ha­ben Sex mit­ein­an­der, aber nicht nur das: Sie füh­len sich für­ein­an­der ver­ant­wort­lich. Bei­de be­geh­ren aber auch an­de­re Men­schen. Da­mit spren­gen sie Gren­zen, die es ganz si­cher nicht sel­ten auch un­ter Schwu­len und Les­ben gibt, wo die Zwei­er­be­zie­hung ja im­mer noch ei­nen Hei­li­gen­schein trägt. Die Angst bleibt al­ler­dings auch ih­nen nicht er­spart. Sie le­ben ei­ne Frei­heit, die sie in ih­rer End­lo­sig­keit zu be­dro­hen scheint. Im Kampf ge­gen die­se Angst su­chen sie nach DER gro­ßen Lie­be, ei­nem Ge­fühl von Hei­mat – ob das die Lö­sung ist, bleibt frag­lich. Dass es mit Falk Rich­ter und Nur­kan Er­pu­lat zwei schwu­le Män­ner sind, die sich in der La­ge zei­gen, aus gän­gi­gen Denk­mus­tern aus­zu­bre­chen, ist zwar er­wart­bar, aber na­tür­lich ein Grund zur Freu­de, sie ma­chen ein­fach gu­te Stü­cke, die es nicht nur we­gen der klu­gen Aus­ein­an­der­set­zung mit span­nen­den The­men wert sind, an­ge­schaut zu wer­den. Sie sind gu­te und klu­ge Un­ter­hal­tung zu­gleich, wenn sie auch wahr­schein­lich den ein­gangs er­wähn­ten Angst­ha­sen kei­nen Mut zu­spre­chen wer­den. <

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