Tach auch!

Täg­lich pras­seln fie­se Wahr­hei­ten auf uns ein und ma­chen das Le­ben in der Wohl­stands­ge­sell­schaft zum per­ma­nen­ten ethisch-mo­ra­li­schen Kon­flikt. Wie sol­len wir da­mit bloß um­ge­hen, fragt sich SIE­GES­SÄU­LE-Chef­re­dak­teur Jan Noll

Siegessaeule - - Inhalt -

Im di­gi­ta­len In­for­ma­ti­ons­zeit­al­ter ist es un­mög­lich ge­wor­den, mit Scheu­klap­pen durchs Le­ben zu ge­hen. Wie sol­len wir mit all den kras­sen Wahr­hei­ten um­ge­hen, fragt sich SIE­GES­SÄU­LE-Chef­re­dak­teur Jan Noll

> Wis­sen ist Macht. Was auf den ers­ten Blick als ab­ge­lutsch­te Bin­sen­weis­heit da­her­kommt, fin­det im di­gi­ta­len In­for­ma­ti­ons­zeit­al­ter ei­ne flä­chen­de­cken­de Ent­spre­chung, die uns je­den Tag aufs Neue zwingt, ethisch-mo­ra­li­sche Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Kei­ne Shop­ping­tour, kein Mit­tag­es­sen, kein Aus­kos­ten von Pri­vi­le­gi­en der west­li­chen Zi­vi­li­sa­ti­on mehr oh­ne fa­den Bei­ge­schmack. Wir wis­sen zu viel, wir wis­sen qua­si al­les: Wir ken­nen die Bil­der aus Le­bens­mit­tel­fa­bri­ken und Schlacht­hö­fen. Wir wis­sen, wie mies die Be­din­gun­gen für Men­schen sind, die Kla­mot­ten für un­se­re Mo­de­dis­coun­ter her­stel­len. Wir wis­sen in die­sen Ta­gen vor al­lem nur zu genau, wie der qual­vol­le Weg für Flücht­lin­ge nach Eu­ro­pa aus­sieht, wie vie­le von ih­nen in den Flu­ten des Mit­tel­meers er­trin­ken. Si­cher­lich wa­ren sol­che In­for­ma­tio­nen auch schon frü­her ver­füg­bar, wenn man sich mehr oder we­ni­ger be­wusst für sie ent­schied. Aber nie war es so un­mög­lich wie heu­te, sie aus­zu­blen­den. Selbst wenn man sel­ten Nach­rich­ten schaut und kei­ne Zei­tung liest, brin­gen ei­nem spä­tes­tens so­zia­le Netz­wer­ke in mil­lio­nen­fach ge­teil­ten Bei­trä­gen die er­trun­ke­nen Kin­der und ein­ge­stürz­ten Tex­til­fa­bri­ken ins hei­mi­sche Wohn­zim­mer. Das ist auf der ei­nen Sei­te wich­tig und gut, denn weg­schau­en ist so­wie­so schei­ße, auf der an­de­ren Sei­te ist die­ser stän­di­ge In­for­ma­ti­ons­fluss aber auch ein Fluch: Wir al­le müs­sen uns täg­lich die Fra­ge stel­len, wie wir mit den auf uns ein­stür­men­den Wahr­hei­ten um­ge­hen wol­len, be­fin­den uns qua­si in ei­nem an­dau­ern­den Kon­flikt: Kön­nen wir uns noch in den H&M-Fum­mel schmei­ßen, ‘ne güns­ti­ge Piz­za be­stel­len und da­nach ins Ki­no ge­hen, wenn wir um das Leid an­de­rer wis­sen, das die Ba­sis für die­se Le­bens­qua­li­tät ist? Wenn wir wis­sen, dass an den Gren­zen un­se­rer Wohl­stands­ge­sell­schaft Men­schen ster­ben? Na­tür­lich blen­den wir das meis­te da­von im All­tag aus – wenn wir ir­gend­wie wei­ter­ma­chen wol­len, müs­sen wir das wohl ler­nen. Aber es wird täg­lich schwe­rer. Die Wel­le der Hilfs­be­reit­schaft im Zu­sam­men­hang mit der Flücht­lings­kri­se be­weist, dass sich im­mer we­ni­ger Men­schen mit Scheu­klap­pen ar­ran­gie­ren kön­nen. Doch auch, wenn vie­le be­reits zu Hel­fe­rIn­nen ge­wor­den sind, gibt es mehr Men­schen, die noch nicht wis­sen, wie sie ihr Be­dürf­nis, zu hel­fen, ka­na­li­sie­ren sol­len. Sie ha­ben viel­leicht nicht die Zeit, um sich ne­ben Job, Be­zie­hung und Fa­mi­lie auch noch ans LAGeSo zu stel­len. Das ist o.k., denn es zäh­len nicht nur die gro­ßen Ges­ten. Die di­gi­ta­le Welt macht zum Glück auch Hel­fen sehr ein­fach, und wenn es nur im schein­bar lä­cher­lich Klei­nen durch das Be­nut­zen ei­ner der zahl­rei­chen Spen­den-Apps oder Ähn­li­ches statt­fin­det. Wir müs­sen ir­gend­wo an­fan­gen, denn das ist der mi­ni­ma­le Preis, den wir für un­se­ren Wohl­stand zu zah­len be­reit sein soll­ten. <

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