Sei­ten­wech­sel

Siegessaeule - - Tach Auch -

Die At­ten­ta­te von Pa­ris und Bei­rut ha­ben uns al­le sprach­los und ver­un­si­chert zu­rück­ge­las­sen. War­um wir gera­de jetzt ge­nau auf die Ve­rän­de­run­gen in un­se­rer Ge­sell­schaft ach­ten müs­sen, er­klärt SIE­GES­SÄU­LE-Chef­re­dak­teur Jan Noll > „Pa­ris än­dert al­les“, sag­te der baye­ri­sche Fi­nanz­mi­nis­ter Mar­kus Sö­der (CSU) in ei­nem In­ter­view mit der Welt­amSonn­tag kurz nach den er­schüt­tern­den Ter­roran­schlä­gen vom 13. No­vem­ber, bei de­nen in der fran­zö­si­schen Haupt­stadt weit über 100 Men­schen von IS-Scher­gen nie­der­ge­met­zelt wur­den. Dass er sich da­bei sug­ges­tiv auf die Flücht­lings­po­li­tik von Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel be­zog, muss wohl nicht ex­tra er­wähnt wer­den. Lei­der hat er auf ei­ne Art wohl recht, denn die An­schlä­ge von Pa­ris – die durch ih­re un­mit­tel­ba­re Nach­bar­schaft im Ge­gen­satz zu den kurz zu­vor ver­üb­ten IS-An­schlä­gen von Bei­rut in Eu­ro­pa als kon­kre­te­re Be­dro­hung emp­fun­den wer­den – könn­ten wirk­lich ei­ne Men­ge än­dern. Doch nicht die von ihm und CSU-Chef See­ho­fer her­bei­ge­sehn­te Kurs­än­de­rung der Kanz­le­rin ist da­bei das Schreck­bild – die ist eher un­wahr­schein­lich –, son­dern viel­mehr die Tat­sa­che, dass die An­schlä­ge in ein ge­sell­schaft­li­ches Kli­ma plat­zen, das sel­ten so emp­fäng­lich war für die Bot­schaf­ten kon­ser­va­ti­ver Hard­li­ner wie heu­te. Sie könn­ten das oh­ne­hin brü­chi­ge Will­kom­mens­kli­ma für ge­flüch­te­te Men­schen in Deutsch­land end­gül­tig zum Kip­pen brin­gen. Ne­ben Sö­der spran­gen un­mit­tel­bar rech­te Po­pu­lis­ten wie Lutz Bach­mann (Pe­gi­da) oder Alex­an­der Gau­land (AfD) an, um mit mar­ki­gen Sprü­chen den IS-Ter­ror für ih­re Sa­che zu in­stru­men­ta­li­sie­ren und wei­ter Stim­mung ge­gen Flücht­lin­ge zu ma­chen. Ge­gen Men­schen, die vor­nehm­lich vor dem glei­chen Ter­ror nach Eu­ro­pa flo­hen, der nun auch die EU in Atem hält. Das nach den An­schlä­gen von Pa­ris und Bei­rut höchst­wahr­schein­lich wei­ter nach rechts rut­schen­de Kli­ma in Deutsch­land macht Angst. Und hier­bei sind es we­ni­ger die gei­fern­den, kei­fen­den Klein­geist-Na­zis, die zum Pro­blem wer­den könn­ten, denn de­ren eng­stir­ni­ges Welt­bild ist oh­ne­hin längst ze­men­tiert. Es sind viel­mehr die vor­der­grün­dig ver­nünf­ti­gen, ge­mä­ßig­ten Stim­men, die sich durch die At­ten­ta­te von Pa­ris, den An­griff auf das „eu­ro­päi­sche Wer­te­sys­tem“, in der po­li­ti­schen Ge­men­ge­la­ge ver­schie­ben könn­ten. Die ei­gent­lich fried­li­chen, mit­tel­stän­di­schen Klein­bür­gerIn­nen, die sich plötz­lich auf ei­ner Sei­te po­si­tio­nie­ren, auf der man sie frü­her nicht ge­fun­den hät­te. All die ehe­ma­li­gen CDU-Wäh­le­rIn­nen, die nun zur AfD über­lau­fen, so­dass die­se laut Um­fra­gen – die be­reits Wo­chen vor Pa­ris er­folg­ten – bei Wah­len zum ers­ten Mal die 10-Pro­zen­tMar­ke über­schrei­ten wür­de. Die­se „ver­nünf­ti­ge Mit­te“, die sich bei ge­mä­ßig­ten Be­sorg­te-Bür­ger-De­mos, wie kürz­lich in Plau­en, öf­fent­lich ma­ni­fes­tiert, reißt dem rech­ten Ge­dan­ken­gut die Frat­ze des Na­zis her­un­ter und ver­passt ihm statt­des­sen das auf­klä­re­ri­sche Ge­sicht der abend­län­di­schen Ver­nunft. Deutsch­land, mir graut vor dir. <

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