Pro­to­koll ver­pflich­tet

Siegessaeule - - Buch -

Cor­ne­lia Scheel, die lang­jäh­ri­ge Le­bens­ge­fähr­tin von Hel­la von Sin­nen, hat ih­rer be­rühm­ten Mut­ter Mild­red ei­ne Er­in­ne­rungs­bio­gra­fie ge­wid­met. Sehr per­sön­lich nä­hert sie sich der ehe­ma­li­gen First La­dy der BRD an – mit Hang zum Ver­klä­ren­den > Mild­red Scheel ist mit Si­cher­heit ei­ne der her­aus­ra­gen­den und ver­dien­tes­ten Frau­en der Vor­wen­de-Bun­des­re­pu­blik: First La­dy an der Sei­te von Prä­si­dent Wal­ter Scheel, Ärz­tin und Grün­de­rin der Deut­schen Krebs­hil­fe. Lan­ge galt sie mit ih­ren bio­gra­fi­schen Brü­chen als In­be­griff der „mo­der­nen“Frau der Nach­kriegs­ge­ne­ra­ti­on. Sie be­frei­te die Mas­sen­krank­heit Krebs von ih­rem so­zia­len Stig­ma und trieb die For­schung vor­an. Be­son­ders da­für ist sie in die Ge­schichts­bü­cher ein­ge­gan­gen. Ih­re Toch­ter, Cor­ne­lia Scheel, hat ihr nun mit ei­ner Er­in­ne­rungs­bio­gra­fie ein wei­te­res, sehr per­sön­li­ches Denk­mal ge­setzt. Mit­un­ter fast schon zu per­sön­lich und nicht ganz treff­si­cher auf dem schma­len Grat zwi­schen Ver­drän­gung und Ver­klä­rung. Im Plau­der­ton reiht Scheel hu­mo­ri­ge An­ek­do­ten und ernst­haf­te Epi­so­den an­ein­an­der und preist die un­be­strit­te­ne Grö­ße ei­ner Frau, die Be­deu­ten­des ge­leis­tet hat. Nichts Un­an­ge­neh­mes soll dem An­den­ken ih­rer Mut­ter im We­ge ste­hen. So rüh­rend und in­for­ma­tiv es ist und so sehr je­der Mensch das Recht hat, die Schwe­re ei­nes Dra­mas selbst zu be­wer­ten, ist es eher tra­gisch als ko­misch, von der viel zi­tier­ten „Reit­leh­re­rin­ne­n­epi­so­de“zu le­sen, die wie ein lus­ti­ger Schwank da­her­kommt. Die 16-jäh­ri­ge Cor­ne­lia und ih­re ers­te Freun­din, ih­re Reit­leh­re­rin, wer­den von Mild­red Scheel im Bett er­wischt. Ih­rer Toch­ter ver­bie­tet sie dar­auf­hin ri­go­ros je­den Um­gang mit die­ser Frau. Die bei­den lei­den so sehr un­ter der er­zwun­ge­nen Tren­nung, dass sie ge­mein­sam Selbst­mord be­ge­hen wol­len. Beim ers­ten Ver­such neh­men sie Schlaf­ta­blet­ten und lie­gen be­wusst­los 24 St­un­den auf ei­ner Wald­lich­tung. Nach dem Auf­wa­chen wol­len sie im­mer noch ster­ben und ver­ste­cken sich noch tie­fer im Wald, um ei­nen zwei­ten An­lauf zu un­ter­neh­men. Da­bei kommt es je­doch zu ei­nem Un­fall: Cor­ne­lia bricht sich den Fuß. Sie ruft ih­re Mut­ter an, um ab­ge­holt zu wer­den. Mild­red wür­digt die Freun­din nicht ei­nes Bli­ckes und fährt ih­re Toch­ter nach Hau­se, wo sie die Spu­ren der Nacht im Frei­en weg­du­schen muss, und erst dann ins Kran­ken­haus. In dem fol­gen­den Ge­spräch am Kran­ken­bett ge­steht Cor­ne­lia ih­rer Mut­ter: Sie raucht heim­lich! Und als „Lie­bes­be­weis“or­ga­ni­siert Mild­red ihr ei­ne Kran­ken­schwes­ter, die sie mit Zi­ga­ret­ten ver­sorgt. Von dem Selbst­mord­ver­such und sei­nen Grün­den wird nicht ge­spro­chen. Cor­ne­lia prä­sen­tiert ih­rer Mut­ter dar­auf­hin jah­re­lang Ali­bi-Freun­de und spricht nie wie­der mit ihr über ih­re Lie­be zu Frau­en. Be­kann­ter­ma­ßen starb die Grün­de­rin der Krebs­hil­fe selbst an Krebs. Ih­re Er­kran­kung hielt sie lan­ge ge­heim, aus Angst, dies könn­te ih­re ge­sam­te Ar­beit un­glaub­wür­dig ma­chen und den Spen­den­fluss aus­trock­nen. Bloß sich nicht nach au­ßen an­greif­bar ma­chen, bloß nicht in der Öf­fent­lich­keit schwä­cheln. Mild­red Scheel war da­für be­kannt, das star­re Pro­to­koll ei­ner deut­schen First La­dy ger­ne zu beu­gen, aber wirk­lich ge­bro­chen hat sie da­mit nicht. Auch Cor­ne­lia stellt die Kon­ven­tio­nen nicht wirk­lich in­fra­ge. Sie drückt ih­re be­din­gungs­lo­se Lie­be aus und be­tont im­mer wie­der, wie sehr ih­re Mut­ter sie ge­liebt hat. So sehr, dass sie auch ei­nen se­xu­el­len Über­griff durch ei­nen Be­kann­ten der El­tern ver­heim­licht, aus Angst, ih­re Mut­ter wür­de ihn um­brin­gen. Was für ein Skan­dal! Oh­ne Fra­ge, die Er­in­ne­run­gen sind span­nen­des Selbst­zeug­nis und his­to­risch in­ter­es­sant. Doch ge­ra­ten die warm­her­zi­gen Er­zäh­lun­gen sehr in Schief­la­ge, wenn man beim Le­sen die über­müt­ter­li­che Käl­te wie Zug­luft durch ein ge­schlos­se­nes Fens­ter spürt. Da passt auch ei­ner der be­kann­tes­ten Dis­kri­mi­nie­rungs­fäl­le der 90er plötz­lich viel bes­ser ins Bild: Die Au­to­rin und ih­re Le­bens­ge­fähr­tin für 25 Jah­re, Hel­la von Sin­nen, er­schie­nen ge­mein­sam als Paar beim Bun­des­pres­se­ball. Die of­fe­ne Ho­mo­se­xua­li­tät der First Daugh­ter pass­te der Ge­schäfts­füh­rung der Deut­schen Krebs­hil­fe nicht. Cor­ne­lia Scheel be­en­de­te dar­auf­hin ih­re Ar­beit am Le­bens­werk ih­rer ei­ge­nen Mut­ter und füg­te sich da­durch, trotz spä­te­rem LGBT-Ak­ti­vis­mus, den Kon­ven­tio­nen der al­ten Bon­ner Re­pu­blik für ei­ne hö­he­re Toch­ter: Der schö­ne Schein muss­te ge­wahrt blei­ben. Das Pro­to­koll steht auch in die­sem Buch über al­lem. < Ste­pha­nie Kuh­nen

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