Die mit dem Wolf tan­zen

Siegessaeule - - Bühne -

Grimm – Die wirk­lich wah­re Ge­schich­te von Rot­käpp­chen und ih­rem Wolf, 02.–05., 10.–13., 17.–22., 26., 27., 30.12., Neu­köll­ner Oper

neu­ko­ell­ner­oper.de Al­les an­de­re als vor­weih­nacht­li­cher Kin­der­kram: „Grimm – die wirk­lich wah­re Ge­schich­te von Rot­käpp­chen und ih­rem Wolf“ist das Stück der St­un­de. Weil es sinn­fäl­lig und deut­lich die Ur­sa­chen von Frem­den­hass bloß­legt. Es schafft da­bei gleich mehr­fach die Qua­dra­tur des Krei­ses: Gan­ze drei Mär­chen wer­den auf der Büh­ne durch­ein­an­der­ge­wir­belt. Als flot­tes Mu­si­cal packt es ein erns­tes The­ma an. Als po­li­ti­sches Stück bie­tet es Tem­po und Witz. Und LGBTIQ ist auch noch drin > Was wä­re, wenn Rot­käpp­chen sich bei sei­nem Aus­flug durch den Wald in den Wolf ver­lie­ben wür­de? Der ist in Wahr­heit näm­lich gar nicht bö­se, son­dern wird nur von den an­de­ren als ge­fähr­lich ab­ge­stem­pelt. Die brau­chen ei­nen Sün­den­bock, weil seit Lan­gem et­was faul ist im Dorf. Über­haupt heißt „Rot­käpp­chen“ei­gent­lich Do­ro­thea, ist ein ver­lieb­ter Te­e­nie und hasst den in­fan­ti­len Spitz­na­men, den ihr die spie­ßi­gen Dorf­be­woh­ner ga­ben. Die Groß­mut­ter lebt als AltHip­pie-Aus­stei­ge­rin im Wald. Mut­ter Geiß ver­zählt sich fol­gen­schwer bei ih­ren Zick­lein. Ein bis­her ängst­li­ches Haus­schwein hat sein Co­m­ing-out mit ei­nem Wild­schwein. Will­kom­men bei „Grimm – die wirk­lich wah­re Ge­schich­te von Rot­käpp­chen und ih­rem Wolf“an der Neu­köll­ner Oper: Mu­si­cal-Au­tor Pe­ter Lund und sein Kom­po­nist Tho­mas Zauf­ke klop­fen kri­tisch bis sar­kas­tisch die be­kann­ten Mär­chen­mo­ti­ve ab und neh­men ih­re Ver­si­on der Ge­schich­te als Fo­lie, um in­tel­li­gent, treff­si­cher und sehr büh­nen­wirk­sam die Ur­sa­chen von Ras­sis­mus und Aus­gren­zung zu ver­han­deln. „Die klei­nen Schwein­chen“und „Der Wolf und die sie­ben Geiß­lein“wer­den da­bei auch gleich ge­gen den Strich ge­bürs­tet. Pe­ter Lund – Ber­li­ner Au­tor, Re­gis­seur und seit ei­ni­gen Jah­ren Pro­fes­sor für Mu­si­cal/Show an der Uni­ver­si­tät der Küns­te – hat ein Händ­chen da­für, po­li­ti­sche The­men lo­cker und leicht auf die Büh­ne zu brin­gen, oh­ne dass die Bot­schaft ver­wäs­sert wird. Im Ge­gen­teil: Mit Gro­tes­ke und Wort­witz bringt er sei­ne An­lie­gen oft noch ei­ne Do­sis schär­fer über die Büh­ne. Das Gan­ze ser­viert in der fluf­fi­gen Kon­sis­tenz ei­nes Mu­si­cals. Da­mit hat sich Lund ei­nen Na­men ge­macht: Er be­dient mit Lust die Kon­ven­tio­nen und Kli­schees des Gen­res, um sie im nächs­ten Mo­ment auf­zu­spie­ßen. „Grimm – die wirk­lich wah­re Ge­schich­te von Rot­käpp­chen und ih­rem Wolf“wur­de vor ei­nem Jahr er­folg­reich in Graz ur­auf­ge­führt und hat­te die­sen März in der Re­gie von Pe­ter Lund Deutsch­land­pre­mie­re an der Neu­köll­ner Oper. Mit sei­nen Stu­die­ren­den von der Uni­ver­si­tät der Küns­te hat Lund ein fu­rio­ses Büh­nen­spek­ta­kel hin­ge­legt. Die en­er­gie­ge­la­de­nen jun­gen Darstel­le­rin­nen und Darstel­ler ro­cken die Büh­ne. Als Lund das Buch für sein Mu­si­cal ent­wi­ckel­te, woll­te er ei­nen Kom­men­tar an­ge­sichts Pe­gi­da, An­ti­se­mi­tis­mus und Frem­den­hass ab­ge­ben. Jetzt steppt sein Wolf Grimm wie­der an der Neu­köll­ner Oper. Nie war das so wert­voll wie heu­te.< Eck­hard We­ber

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