Sze­ne ma­chen

Siegessaeule - - Communiity -

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Fa­tih, du be­zeich­nest dich als ho­mo­se­xu­el­len Deutsch­tür­ken mit mus­li­mi­schen Wur­zeln. In­wie­weit bist du re­li­gi­ös?

Ich bin gläu­big, aber ich be­te nicht oder so et­was. Mei­ne El­tern sind da­mals in der von Ata­türk ge­präg­ten Tür­kei auf­ge­wach­sen. Da gab es noch ei­ne stär­ke­re Tren­nung zwi­schen Staat und Glau­ben. Frau­en muss­ten kein Kopf­tuch tra­gen. Das hat­te nichts mit dem zu tun, was der­zeit un­ter Er­do­gan pas­siert. Da­von dis­tan­zie­re ich mich, wie ich mich über­haupt von In­sti­tu­tio­nen dis­tan­zie­re, die mei­nen, fer­ti­ge Welt­bil­der in pet­to zu ha­ben und den­ken, sie könn­ten über an­de­re ur­tei­len. Ich glau­be an mich und an die Lie­be.

Hat­test du Pro­ble­me als of­fen Schwu­ler in der tür­ki­schen Com­mu­ni­ty?

Ja, lei­der. Auf mei­ner Su­che nach Iden­ti­tät und Ge­mein­schaft bin ich oft­mals auf Gren­zen ge­sto­ßen. Für Tür­ken mit mus­li­mi­schem Glau­ben war ich ein ro­tes Tuch. Ich ver­wei­ger­te zum Bei­spiel den Be­such von Mo­sche­en, um mei­nen Glau­ben zu prak­ti­zie­ren. Über­haupt scheint mir das Er­fül­len di­ver­ser Er­war­tungs­hal­tun­gen nicht zu lie­gen. Auch in un­se­rer ach so to­le­ran­ten Com­mu­ni­ty be­ob­ach­te ich zu­se­hends Re­geln, die man zu er­fül­len hat, um auf dem Re­gen­bo­gen mit­rut­schen zu dür­fen. Wenn man sich für The­men ab­seits von Brit­ney, Fa­tih Ala­sal­va­rog­lu ist ein um­trie­bi­ger Frei­geist. Der 39-jäh­ri­ge Deutsch­tür­ke stu­dier­te zu­nächst Schau­spiel, ab­sol­vier­te dann ein Stu­di­um der Ge­sell­schafts- und Wirt­schafts­kom­mu­ni­ka­ti­on an der Uni­ver­si­tät der Küns­te und grün­de­te 2009 das Mo­de­la­bel Ur­ber­lin. Als Künst­ler er­stell­te er für das Pro­jekt „365“ein Jahr lang je­den Tag ein Bild. Ein Teil der Wer­ke ist jetzt im ART Stal­ker zu se­hen. Mit SIE­GES­SÄU­LE sprach er über sei­ne Ar­bei­ten, sei­nen Glau­ben und die Com­mu­ni­ty Sex und Grin­dr in­ter­es­siert, so gilt man schnell als schwie­rig. Man dich­te­te mir zum Bei­spiel das Krank­heits­bild der De­pres­si­on an, nur weil ich schlicht­weg nicht bei al­lem, was gera­de lus­tig, sze­nig und an­ge­sagt ist, mit­la­chen, kann ... Es sind übe­r­all so­fort Wer­tun­gen und pau­schal ge­fäll­te Ur­tei­le un­ter­wegs. Mitt­ler­wei­le ist es mir egal. Ich fin­de es wich­ti­ger zu wis­sen, wer ich bin – als das, was man über mich denkt.

Gera­de läuft dei­ne Aus­stel­lung zum Pro­jekt „365“. Was gibt es dort zu se­hen?

Zu se­hen gibt es Bil­der, die den Be­trach­ter her­aus­for­dern ge­nau­er hin­zu­se­hen. Es ist schwer, mei­ne Kunst auf ein Eti­kett her­un­ter­zu­bre­chen. Aber will man ein Mus­ter er­ken­nen, so sieht man oft Ge­sich­ter, die in­ein­an­der­flie­ßen und als Ge­sam­tes wir­ken. Für die Aus­stel­lung ha­be ich aus 365 Bil­dern 50 aus­ge­wählt, da ich nicht je­des Ein­zel­ne prä­sen­tie­ren kann.

Wel­che Plä­ne hast du für 2016?

Ich will auf grö­ße­ren Flä­chen ar­bei­ten und mit mei­ner Kunst in­ter­na­tio­na­ler wer­den. Au­ßer­dem möch­te ich mein Port­fo­lio mit Fil­men und Per­for­man­ces be­rei­chern. Span­nend fin­de ich auch die Ar­beit mit drei­di­men­sio­na­len Ob­jek­ten, al­so Skulp­tu­ren im Raum ... Über­haupt ha­be ich Lust dar­auf, neue Ma­te­ria­li­en aus­zu­pro­bie­ren. <

In­ter­view: Verena Peld­schus

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