Zeit­los gren­zen­los

Siegessaeule - - Buch -

Gleich zwei wun­der­ba­re les­bi­sche Ju­gend­bü­cher wid­men sich dem wohl wich­tigs­ten Er­eig­nis im Le­ben von Her­an­wach­sen­den: der ers­ten gro­ßen Lie­be. Doch egal, ob sie of­fi­zi­ell ge­lebt wer­den darf oder mit Stra­fe be­droht ist, leicht ist sie nie > Zum Jah­res­en­de er­schie­nen gleich zwei tol­le Bü­cher, die sich zu­dem ganz ähn­lich sind. Denn die Ti­tel von Mai­ke St­ein und De­bo­rah El­lis sind bei­de Ju­gend­bü­cher und be­han­deln je­weils die ers­ten Be­zie­hun­gen von zwei Mäd­chen. Und ob­wohl die Hin­ter­grün­de, vor de­nen sich die Sto­rys ent­spin­nen, kaum un­ter­schied­li­cher sein könn­ten – St­eins „Wir sind un­sicht­bar“spielt im ak­tu­el­len Ber­lin und El­lis „Wenn der Mond am Him­mel steht, denk ich an dich“in Iran En­de der 80er –, so mei­ßelt das gera­de die Gren­zen und Zei­ten spren­gen­de Ge­mein­sam­keit her­aus: die Macht und Wucht der ers­ten gro­ßen Lie­be. Ob nun da­mals oder heu­te, ob an­ge­sichts ei­nes re­pres­si­ven re­li- giö­sen Sys­tems oder in ei­ner li­be­ra­len Groß­stadt, sich sei­ne se­xu­el­le Iden­ti­tät nicht nur ein­zu­ge­ste­hen, son­dern sie auch aus­le­ben zu kön­nen, ist und bleibt ein schwie­ri­ger Schritt, der ex­trem viel Mut er­for­dert. Gera­de von jun­gen Men­schen. Mai­ke St­eins Hel­din Val­e­s­ka hat da­bei mehr als Glück ge­habt. In ih­rer Klas­se wis­sen längst al­le, dass sie les­bisch ist, und es gibt höchs­tens mal ei­nen dum­men Spruch vom Al­pha-Boy der Jungs­cli­que. Nur ih­re Mut­ter kommt mit ih­rer Ho­mo­se­xua­li­tät nicht klar. Da ih­re El­tern aber ge­schie­den sind, lebt Val­e­s­ka eh bei ih­rem Va­ter, der in die­ser Hin­sicht kom­plett un­kom­pli­ziert ist. Und ob­wohl sie auch mun­ter über ihr Les­bisch­sein bloggt, auf den ers­ten rich­ti­gen Kuss war­tet sie noch. Bis zu dem Abend, wo sie mit ih­ren Freun­den zu­sam­men Fla­schen­dre­hen spielt und ih­re Lip­pen schließ­lich auf de­nen der stil­len, blon­den Stre­be­rin In­ken lan­den. In­ken, die sie nie wirk­lich auf dem Schirm hat­te – aber die­ser Kuss, die­ser Kuss und all die fol­gen­den las­sen sie nicht los. Nur ist In­ken an­ders als Val­e­s­ka mei­len­weit von ei­nem Co­m­ing-out ent­fernt. Zwar sucht sie Val­es­kas Nä­he, kör­per­lich wie emo­tio­nal, aber da ist et­was, was sie stets zu­rück­hält: tief ver­wur­zel­te Furcht. Die­ser Angst, die In­ken von ei­ner Se­kun­de auf die an­de­re ver­stum­men und weg­ren­nen lässt, will Val­e­s­ka auf den Grund ge­hen. Mai­ke St­ein hat hier ein wirk­lich tol­les Buch hin­ge­legt. Die Ge­schich­te der bei­den Mäd­chen er­zählt sie in ei­nem hoch­mo­der­nen und ex­trem na­he­ge­hen­den Ton, und man drückt Val­e­s­ka al­le Dau­men, dass es trotz manch un­über­leg­ter Ak­ti­on für sie und In­ken gut aus­geht. De­bo­rah El­lis Hel­din Far­rin wie­der­um ist an sich ge­nau­so lo­cker und selbst­be­wusst wie Val­e­s­ka. Als Far­rin an ih­rer Schu­le für hoch­be­gab­te Mäd­chen in Te­he­ran das ers­te Mal Sa­di­ra sieht, ist ihr klar, was sie von ihr will: zu­sam­men al­le nur denk­ba­re Zeit der Welt ver­brin­gen. Und an­schei­nend will Sa­di­ra ge­nau das Glei­che. Für bei­de ist ih­re tie­fe Bin­dung zu­ein­an­der der­art na­tür­lich und we­sent­lich, sich über­haupt da­mit aus­ein­an­der­zu­set­zen, dass ih­re Lie­be sich eben nicht kon­form auf ei­nen Jun­gen, son­dern ein an­de­res Mäd­chen rich­tet, kommt ih­nen gar nicht in den Sinn. Ih­nen nicht. Al­len an­de­ren schon: der Schul­lei­te­rin, die sie nur die „Ko­bra“nen­nen, Par­gol, der Auf­se­he­rin für ih­ren Jahr­gang, und ih­ren El­tern. Es sind über­haupt ge­fähr­li­che Zei­ten für al­les, was nicht ins Sys­tem des Aja­tol­lahs passt. Gera­de ist der jah­re­lan­ge Krieg mit dem Irak zu En­de ge­gan­gen, und nun rich­tet sich der Blick der Mäch­ti­gen im Land wie­der auf die Vor­gän­ge im In­ne­ren, von der Op­po­si­ti­on, die den Schah zu­rück­will, bis hin zu Mäd­chen und Jungs, die nicht der Norm ent­spre­chen. El­lis ge­lingt es be­ein­dru­ckend in dem Ro­man, der auf ei­ner wah­ren Be­ge­ben­heit be­ruht, die schmerz­haf­te Ge­ne­se ei­nes Mäd­chens zu schil­dern, das sich zu Recht kei­nes Fehl­ver­hal­tens be­wusst ist, aber auf­grund der äu­ße­ren Um­stän­de ins of­fe­ne Mes­ser läuft. Zwar schafft es die Ge­schich­te von Far­rin und Sa­di­ra, trotz al­ler sich ab­zeich­nen­der Tra­gik, nicht durch­ge­hend, ei­ne emo­tio­na­le Nä­he und Iden­ti­fi­ka­ti­on mit den Haupt­per­so­nen auf­zu­bau­en, aber die­ser Man­gel wird durch den his­to­ri­schen Hin­ter­grund mehr als auf­ge­wo­gen. Zu­rück bleibt nach der Lek­tü­re von bei­den Bü­chern der Ein­druck, dass es schwer war und ist, jung und Ho­mo zu sein – auch wenn sich we­nigs­tens hier­zu­lan­de po­li­tisch und ge­sell­schaft­lich viel ver­bes­sert hat. < Ro­ber­to Man­teu­fel

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