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Siegessaeule - - Buch -

Gro­ße Li­te­ra­tur kann und darf auch sper­rig sein, das weiß Franz X Brand­mei­er, der Ko­ge­schäfts­füh­rer der Buch­hand­lung Ei­sen­herz > Manch­mal pas­siert es, dass ich ein Buch zu le­sen be­gin­ne und schon nach ei­ner hal­ben Sei­te weiß: das ist mein Buch! Cle­mens J. Setz hat so eins ge­schrie­ben. „Die St­un­de zwi­schen Frau und Gi­tar­re“(Suhr­kamp) heißt der Ro­man, der ab­schre­cken­de 1019 Sei­ten auf­weist, aber mich al­lein durch den Klap­pen­text zum Be­stel­len und Le­sen „ge­zwun­gen“hat. In ei­nem Wohn­heim für Men­schen mit Be­hin­de­rung wird die jun­ge Na­ta­lie Rei­negger Be­zugs­be­treue­rin von Alex­an­der Dorm. Der Mann ist von un­be­re­chen­ba­rem Tem­pe­ra­ment und gilt als „schwie­rig“. Den­noch er­hält er je­de Wo­che Be­such – aus­ge­rech­net von Chris­to­pher Holl­berg, des­sen Le­ben er vor Jah­ren zer­stört ha­ben soll, als er ihn stalk­te und da­mit Holl­bergs Frau in den Selbst­mord trieb. Das Ar­ran­ge­ment funk­tio­nie­re zu bei­der­sei­ti­gem Vor­teil, ver­si­chert man Na­ta­lie, die bei­den sei­en ein­an­der sehr zu­ge­tan. Aber bald ver­stört die jun­ge Frau die un­ver­hoh­le­ne Ab­nei­gung, mit der Holl­berg sei­nem ver­meint­li­chen Freund be­geg­net. Sie ver­sucht, hin­ter das Ge­heim­nis des un­durch­schau­ba­ren Be­su­chers zu kom­men und die Mo­ti­ve sei­nes Han­delns zu ver­ste­hen. Tat­säch­lich ist das gan­ze Wohn­heim sehr un­heim­lich und hat ziem­lich merk­wür­di­ge An­ge­stell­te, und Dorm ist ein äu­ßerst un­sym­pa­thi­scher Ho­mo, der Na­ta­lie her­ab­las­send be­han­delt, im Roll­stuhl sitzt und sich oft schminkt. Wenn „sein Chris“ihn be­sucht, schmach­tet Dorm ihn an und igno­riert völ­lig, wie häss­lich das iro­nisch-dis­tan­zie­ren­de Ver­hal­ten Holl­bergs ist. Die Ein­zi­ge, der dies auf­zu­fal­len scheint, ist Na­ta­lie. Al­le an­de­ren sind zu­frie­den bis glück­lich mit die­sem Ar­ran­ge­ment. Das ist der Hauptstrang des Ro­mans: die an­dau­ern­de Fra­ge, was denn nun die wah­ren Ab­sich­ten al­ler Be­tei­lig­ten sind. In die­sem Sin­ne ist er ein ein­dring­li­cher Psy­cho­thril­ler. Ei­gent­lich aber geht es um Na­ta­lie, die ei­ne sehr ver­rück­te Frau ist. Hy­per­sen­si­tiv und hoch­neu­ro­tisch. Sie nimmt je­de Men­ge Pil­len für und ge­gen al­les Mög­li­che. Sie hat stän­dig ei­ne ima­gi­nä­re Maus auf der Schul­ter. Sie zeich­net ih­re ei­ge­nen Ess­ge­räu­sche mit dem iPho­ne auf und macht dar­aus ei­nen Pod­cast, den sie zur Aus­trei­bung mu­si­ka­li­scher Ohr­wür­mer hört. Un­ter ei­ner Brü­cke hat sie fast täg­lich Oral­ver­kehr mit frem­den Män­nern (manch­mal auch Frau­en), wäh­rend sie mit dem von ihr hin­aus­ge­wor­fe­nen Freund, der sie of­fen­bar noch liebt, Chat-Spiel­chen treibt: Sie schreibt ihm et­wa: „War­um rufst du nicht zu­rück, Schatz?“, nur um dann, wenn er es tat­säch­lich tut, mit den Wor­ten „Ich kann jetzt nicht!“auf­zu­le­gen. Ei­ne fas­zi­nie­ren­de Zu­mu­tung sei die­ser Ro­man, meint ei­ne Re­zen­si­on in der taz. In der Tat. Schwer aus­zu­hal­ten, aber äu­ßerst ful­mi­nant. In ei­ner Spra­che, die zu un­ge­wöhn­lich schö­nen Bil­dern greift. Al­lein schon we­gen die­ser Stil­mit­tel lie­be ich die­sen Ro­man. Mein Buch des Jah­res 2015. Ich ha­be mir jetzt al­le Ti­tel des Au­tors be­stellt. Die­se Sprach­ge­walt bringt mich zu ei­nem Schrift­stel­ler, der (lei­der) noch nicht die Be­kannt­heit von Cle­mens J. Setz hat und den ich im­mer wie­der sehr ger­ne vie­len ans Herz le­ge: Gun­ther Gel­tin­ger. Er ist der letz­te Preis­trä­ger des von uns einst aus­ge­schrie­be­nen Schwu­len Li­te­ra­tur­prei­ses. Sein zu­letzt er­schie­ne­ner Ro­man „Moor“(Suhr­kamp) von 2014 ist ein ra­di­ka­les Sprachmons­ter. Di­on Kat­t­hu­sen ist drei­zehn, stot­tert und wächst oh­ne Va­ter auf. Er ist Au­ßen­sei­ter un­ter den Gleich­alt­ri­gen, Ein­zel­kind, Li­bel­len­samm­ler in ei­ner Mo­or­land­schaft vol­ler My­then und Le­gen­den. Am En­de sei­ner Kind­heit er­zählt das Moor sei­ne Ge­schich­te: von der Sehn­sucht nach ei­ner in­tak­ten Spra­che, von sei­ner schwu­len Nei­gung, vom Ver­hält­nis zu sei­ner Mut­ter, ei­ner er­folg­lo­sen Ma­le­rin, die ihr Schei­tern in der Kunst und im Le­ben mit ih­rer grenz­über­schrei­ten­den Lie­be zum Sohn kom­pen­siert. Von der Ab­na­be­lung. Gro­ße Li­te­ra­tur. <

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