Der al­te Af­fe Angst

Siegessaeule - - Tach Auch -

Di­ver­se Über­grif­fe am Kott­bus­ser Tor und im Motz­stra­ßen­kiez sor­gen in der Com­mu­ni­ty für Angst. War­um wir dar­aus jetzt kei­ne fal­schen Schlüs­se zie­hen soll­ten, er­klärt SIE­GES­SÄU­LE-Chef­re­dak­teur Jan Noll

> Ei­gent­lich ist es ein al­ter Hut: In den ver­gan­ge­nen Wo­chen wur­den mal wie­der zwei Ber­li­ner LGBTI-Bal­lungs­ge­bie­te in Me­di­en und so­zia­len Netz­wer­ken zu „No-go-Are­as“er­klärt. Dies­mal traf es den Ho­mo­kiez rund um den Nol­len­dorf­platz und das Kott­bus­ser Tor in Kreuz­berg. Nach ei­ni­gen mehr oder we­ni­ger als ho­mo­phob be­leg­ba­ren Über­grif­fen wur­den Stim­men laut, die „Mi­gran­ten“als Haupt­tä­ter­grup­pe be­nann­ten, mehr Po­li­zei­prä­senz, mehr Staats­ge­walt, gar ei­ne Art schwu­le Bür­ger­wehr for­der­ten (sie­he da­zu S. 8/9). Das Be­dürf­nis, et­was zu un­ter­neh­men, in al­len Eh­ren, aber ganz ehr­lich: Das Letz­te, was wir in Ber­lin brau­chen, ist ei­ne Hor­de von pri­va­ten Ord­nungs­hü­terIn­nen, die schlimms­ten­falls auf­ge­la­den mit Res­sen­ti­ments ge­gen be­stimm­te Be­völ­ke­rungs­grup­pen durch den Kiez zie­hen und „für Si­cher­heit sor­gen“! Um das vor­ab hier aber gleich mal klar­zu­stel­len: AL­LE Über­grif­fe ge­gen Schwu­le, Les­ben, Trans*, People of Co­lor, Re­fu­gees, Men­schen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund, Frau­en, Män­ner, Di­cke und Dün­ne sind ver­ach­tens­wert und müs­sen be­kämpft wer­den. Eben­so muss die Angst der Men­schen vor ei­ner sol­chen Ge­walt ernst ge­nom­men wer­den, was auch im­mer das ei­gent­lich heißt. Man soll­te an die­ser Stel­le aber auch rea­lis­tisch blei­ben und die in Zei­ten der so­ge­nann­ten Flücht­lings­kri­se hys­te­risch ge­führ­te De­bat­te schnell wie­der run­ter­ko­chen: Wir le­ben in ei­ner Me­tro­po­le, in der ver­schie­de­ne Le­bens­rea­li­tä­ten mit­un­ter schmerz­haft auf­ein­an­der­pral­len, psy­cho­ti­sche Men­schen und Fa­na­ti­ker al­ler Art täg­lich un­se­ren Weg kreu­zen kön­nen. Übe­r­all, wo Men­schen zu­sam­men­le­ben, gibt es im­mer auch Ge­walt. Und in der Re­gel, das zeig­te die Ge­schich­te oft ge­nug, rich­tet sich die­se Ge­walt ge­gen Min­der­hei­ten wie Ho­mo­se­xu­el­le oder Men­schen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund. Dies gilt für Ber­lin ge­nau­so wie für je­de an­de­re Groß­stadt die­ser Welt. Soll man die­se Ge­walt des­halb ein­fach als ge­ge­ben hin­neh­men? Na­tür­lich nicht! Aber man soll­te sich rea­lis­tisch und re­flek­tiert mit ihr aus­ein­an­der­set­zen, an­statt gleich zu hy­per­ven­ti­lie­ren. Wer als schwu­ler Mann, les­bi­sche Frau, Trans*mensch oder gar He­te­ro nachts durch so­ge­nann­te so­zia­le Brenn­punk­te läuft oder sich an Hots­pots des Nacht­le­bens auf­hält, ris­kiert viel­leicht eins auf die Fres­se. Das ist nicht schön, aber ei­ne Rea­li­tät, die wir nicht ne­gie­ren kön­nen. Wir dür­fen uns des­halb si­cher nicht zu Op­fern ma­chen las­sen, soll­ten aber ge­nau über­le­gen, wen wir vo­rei­lig zu Tä­tern er­klä­ren. Die be­rech­tig­te Ve­r­un­si­che­rung auf­grund ei­ner Welt, die durch Krieg, Flucht und Ter­ror ins Wan­ken zu ge­ra­ten scheint, darf nicht als Le­gi­ti­ma­ti­on für Ras­sis­mus, Selbst­jus­tiz oder die Au­ßer­kraft­set­zung ei­nes vor­ur­teils­frei­en Mit­ein­an­ders her­hal­ten. Das gilt für das Kot­ti ge­nau­so wie für die Motz­stra­ße oder den Gen­dar­men­markt. <

Wo Men­schen le­ben

... gibt es im­mer auch Ge­walt

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