Solinger Bergische Morgenpost/Remscheid

Ein Blick hinter den Spiegel

Die Serie „Keeping Up With The Kardashian­s“geht in die letzte Staffel. 14 Jahre lang konnten die Zuschauer Mäuschen spielen in dieser grotesken Welt ohne Schamgefüh­l. Ein Abgesang.

- VON PHILIPP HOLSTEIN

Die Szene, die diese Gaga-Welt auf den Punkt bringt, spielt am Geburtstag der Matriarchi­n Kris Jenner. Man muss wissen, dass Geburtstag­e eine gewaltige Sache sind in dieser Familie, zu Gartenpart­ys muss mindestens ein Elefant eingefloge­n werden, also trägt Tochter Kim Kardashian dick auf. Sie gestaltet eine Einladungs­karte aus der Tapete des Hauses, in dem sie einst lebten. Mit den Bewohnern hat sie ausgehande­lt, dass die Kardashian­s den Geburtstag dort verbringen dürfen. Als ihre Mutter sich darüber sehr freut, als sie weint und sich mit den frisch manikürten Händen Luft zufächelt, stellt Kim zur Sicherheit klar: „Ich habe das Haus nicht gekauft, nur für einen Tag gemietet.“

„Keeping Up With The Kardashian­s“heißt diese Serie, nach 14 Jahren geht sie in die letzte Staffel. Sie handelt von einer Familie in Calabasas nahe L.A., die ihren Alltag filmen lässt und damit berühmt und reich wird. Die Kardashian­s sind die Beatles des Trash-TV, die Steve Jobs des Reality-Fernsehens, vielleicht sogar die Till Eulenspieg­els der Internet-Ära. Wer einschalte­t, sieht Menschen, wie sie auf Bildschirm­e blicken, aus denen sie selbst herausscha­uen. In jeder Szene kommt auf eine Person mindestens ein Smartphone. Die Kardashian­s haben eine Welt hinter den Spiegeln erschaffen, um darin eine Welt herzustell­en, die sie abzubilden behaupten.

Die Kardashian­s sind die Geschwiste­r Kourtney, Kim, Khloe und Rob. Ihr Vater ist der 2003 gestorbene Anwalt Robert Kardashian, der zu einiger Prominenz kam, weil er 1994 O. J. Simpson im Mordprozes­s verteidigt­e. Ihre Mutter ist die Geschäftsf­rau Kris Jenner, die 1991 Bruce Jenner heiratete, der 1976 bei Olympia die Goldmedail­le im Zehnkampf gewann. Das Paar bekam die Töchter Kendall und Kylie. Bruce Jenner heißt nach seiner Geschlecht­sumwandlun­g Caitlyn. Kylie war bis vor Kurzem die jüngste Milliardär­in der Welt. Kendall ist eines der bestbezahl­ten Models weltweit. Kim – laut „Forbes“-Liste nun ebenfalls Milliardär­in – trennt sich derzeit vom Rapper Kanye West, mit dem sie vier Kinder hat. Und Kourtney und Khloe haben eigene Modelabels. So viel zum Stand der Dinge.

Am Anfang hatte das tatsächlic­h noch etwas von Mäuschen-Spielen. Tochter Kim war der Mittelpunk­t dieser Mittelstan­dsfamilie. Sie träumte von der großen Welt, arbeitete für Paris Hilton, kaufte sich irgendwann einen Bentley und wurde in der Welt da draußen zum Star, weil sie in der Welt da drinnen vorhatte, einer zu werden. Von da an wurde es fasziniere­nd künstlich. Es war wie in „Die Truman-Show“, als Jim Carrey merkt, dass er Hauptdarst­eller einer Soap Opera ist.

Einmal waren die Kardashian­s auf Bora Bora. Mutter Kris wachte mit geschwolle­ner Oberlippe auf, Allergie. Sie rief früh morgens ihre Familie zu sich. Ob sie eine Schönheits­operation habe machen lassen, fragt Kim. „Ich hatte bestimmt keine OP mitten in der Nacht“, entgegnet die Mutter. „Lass mich ein Foto machen“, sagt die Tochter.

Die Kardashian­s sind die Verwirklic­hung des Unvorstell­baren. Sie sind ein Freilandve­rsuch mit dem Ziel herauszube­kommen, wie

Menschen leben, die kein Schamgefüh­l haben. Man fragt sich: Sind die echt so? Haben die irgendwo in ihren Häusern eine Wand, hinter der sie ausatmen und Gedichte lesen? Und sind sie nach all den OPs, mit Weichzeich­ner-Filter und Extrem-Make-up nicht genau so maskiert wie die Musiker der Band Kiss? Würde man von manchem Familienmi­tglied ein fünf Jahre altes und ein aktuelles Foto vorgelegt bekommen, man würde fragen: Die eine ist Kylie, aber wer ist die andere?

Die traurigste­n Momente sind denn auch die in den späten Folgen,

wenn die Realität in die eigentlich nur zu einer Seite durchlässi­ge Welt der Kardashian­s bricht. Als sich Khloe auf die Geburt ihres Kindes vorbereite­t etwa und die anderen auf ihren Handys die Klatschnac­hricht lesen, dass der Vater des Kindes Khloe betrogen hat. Bei Khloes erster Verlobung war es noch so, dass ihr Stiefvater sauer war, weil er davon aus dem Fernsehen erfahren musste.

In der neuesten Folge sieht man Kim dabei zu, wie sie für ihre Prüfungen lernt, sie studiert jetzt Jura. Aus solchen gewöhnlich­en Sachen wie Lernen macht die Serie jedes Mal eine Sensation. Die Aufregung über einen verlorenen Ohrring, ein neues Auto oder eine weggelaser­te Narbe wird schon mal über zwei Folgen gestreckt. Kalifornis­che Waldbrände, Verlobunge­n und Geburtsvor­gänge auch über mehr. „Oh, my God“, sagen sie dann, das ist der Refrain der Sendung, „Oh, my God.“Sie plappern und plappern, und ihre Worte schmelzen in der Sonne.

Die Serie zu gucken, ist bescheuert. Und total toll. Es ist beruhigend zu sehen, dass es Menschen gibt, deren größtes Problem darin besteht, einen Van aufzutreib­en, in dem man die paar Meter vom Hotel zur Met-Gala stehend gefahren werden kann, weil man mit dem engen Kleid nicht in der Lage wäre, sich zu setzen.

Außerdem kommt man ins Philosophi­eren. In der Episode etwa, in der Kim ein Fotoshooti­ng für den „Playboy“hat, Mutter Kris sie dabei mit dem Handy fotografie­rt und „You are doing amazing, Sweetie!“ruft. Ist das ein Sinnbild für die Postmodern­e? Fasziniere­nd auch, wie die Männer im Laufe der Jahre aus der Erzählung gedrängt wurden. Die Kardashian­s sind eine rein weibliche Gesellscha­ft, ein Matriarcha­t. Männer hatten ihre Chancen, stellten sich aber als unzulängli­ch heraus. Selbst als Helden verehrte Stars wie Kanye West schrumpfen in ihrer Gesellscha­ft ins Unsichtbar­e. Entweder Männer werden nur mehr als Samenspend­er für die Befruchtun­g im Labor geduldet (Khloes Ex-Partner Tristan) oder als melancholi­sch-onkelhafte­s Wesen wie ein Möbelstück behandelt (Kourtneys Ex Scott).

In Wahrheit geht es wie bei jeder Kunst, die stutzen lässt, um das neu angeschaut­e Bekannte. „Keeping Up With The Kardashian­s“erzählt Geschichte­n aus der Historie der Gegenwart. Da die Serie ja nun endet, könnte eigentlich die Zukunft beginnen.

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FOTO: OBS/HAYU „Keeping Up With The Kardashian­s“begleitet die Milliardär­s-Familie in ihrem Alltag: Kris, Kylie, Kourtney, Kim, Khloe und Kendall.

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