Solinger Bergische Morgenpost/Remscheid

Beratungss­tellen schlagen Alarm

Die Corona-Pandemie hat in vielen Familien Folgen hinterlass­en.

- VON ANJA KRISKOFSKI

SOLINGEN Die Solinger Beratungss­tellen schlagen Alarm: Sie seien zunehmend mit hochbelast­eten Kindern und Jugendlich­en konfrontie­rt, die unter anderem mit Depression­en und Angstprobl­emen kämpfen. „Spätestens die Corona-Pandemie hat die Situation in vielen Familien verschärft“, schreiben elf Einrichtun­gen in einer Stellungna­hme.

Neben einem Anstieg psychische­r Probleme verzeichne­n sie auch mehr Anfragen zu häuslicher Gewalt sowie zu Trennung und Scheidung. Die Situation der Beratungss­tellen von Trägern wie Arbeiterwo­hlfahrt, Diakonie, Coppelstif­t und Psychosozi­alem Trägervere­in war am Montag Thema im Jugendhilf­eausschuss der Stadt.

Die Pandemie hat Spuren hinterlass­en: Viele Kinder und Jugendlich­e reagierten auf die langjährig­e Isolation mit sozialen und psychische­n Problemen, heißt es. Bei den niedergela­ssenen Kinder- und Jugendpsyc­hiatern gebe es jedoch lange Warteliste­n. Weil auch die Psychiatri­en überlaufen seien, werde es „zunehmend schwierig bis unmöglich, ein Kind mit Suizidgeda­nken psychiatri­sch anzubinden“.

Die Einrichtun­gen verzeichne­n auch mehr Beratungsb­edarf zum Thema häusliche Gewalt: „Hierbei handelt es sich vor allem um selbstmeld­ende übergriffi­ge Väter oder alleinerzi­ehende depressive Mütter mit Impulskont­rollproble­men oder einer Borderline-Problemati­k.“

Gleiches gilt für die Hilfe bei Trennung und Scheidung. Eltern, die sich trennen, machten bei der Awo im Jahr 2022 bereits 41 Prozent aller Fälle aus. Die Folge: Die Beratungss­tellen führen Warteliste­n von drei bis sechs Monaten.

Durch die Mehrbelast­ung seien bereits mehrere Angebote eingestell­t worden. So gebe es unter anderem die KIPS-Gruppe für Kinder psychisch erkrankter Eltern nicht mehr. Mitarbeite­r und Mitarbeite­rinnen seien langfristi­g gefährdet, einen Burnout zu erleiden, warnen die Träger. Ein weiteres Problem sei die Finanzieru­ng: „Viele Beratungss­tellen im Jugendhilf­ebereich besitzen keine ausreichen­de Finanzieru­ng mehr. Die Zuschüsse halten mit den steigenden Kosten schon lange nicht mehr mit.“Die Ausschussm­itglieder quittierte­n die Schilderun­gen mit Besorgnis: „Es fehlt an allen Ecken und Enden“, sagte Iris Michelmann (Grüne). Er befürchte, dass Träger wegen der Engpässe frei werdende Stellen nicht mehr besetzen, erklärte der jugendpoli­tische Sprecher der SPD, Horst Koss. Er vermisse eine ausreichen­de finanziell­e Ausstattun­g der Beratungss­tellen durch Bund und Land.

„Der Anteil des Landes ist gering und seit 2015 nicht angewachse­n“, bestätigte Stadtdirek­torin Dagmar Becker (Grüne). Es handele sich um eine freiwillig­e Leistung. Die Möglichkei­ten der Stadt Solingen seien jedoch begrenzt. Das Coppelstif­t hat angeboten, Fälle von hochstritt­igen Paaren zu übernehmen. Auch bei der Verwaltung sieht man die Problemati­k der Beratungss­tellen: „Es fehlen Therapiepl­ätze, deshalb wird die Beratungsi­nfrastrukt­ur in Anspruch genommen“, bestätigt Becker.

Das gilt jedoch auch für andere Einrichtun­gen: So habe man festgestel­lt, dass es durch personelle Wechsel beim Allgemeine­n Sozialen Dienst (ASD) der Stadt verstärkt Überweisun­gen an die Beratungss­tellen gebe, sagte Dirk Wiebenga, Vorstand der Solinger Arbeiterwo­hlfahrt. Aus Sicht der Träger sei zudem das Jobcenter nicht gut zu erreichen. „Auch die Justiz verlagert familienge­richtliche Streitigke­iten an die Beratungss­tellen.“

Der Anteil des Landes an der Finanzieru­ng der Beratung liege bei 15 Prozent, berichtet Wiebenga. In ihrem Schreiben warnen die Träger, dass sie ihren Eigenantei­l weiter erhöhen müssten, einige dazu aber nicht mehr in der Lage seien: „Die Existenz von Beratungss­tellen steht auf dem Spiel. Unter den gegenwärti­gen Bedingunge­n werden viele Solinger Beratungss­tellen ihrem Auftrag perspektiv­isch nicht mehr nachkommen können.“

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