Solinger Bergische Morgenpost/Remscheid

Rätselrate­n bei Grundschul-Zeugnissen

Die Schüler haben ihre Zeugnisse erhalten. Sie sollen das Erreichte belohnen und helfen, die Leistungen zu verbessern, sagt die Schulminis­terin. Doch die Ankreuz-Zeugnisse zu verstehen, ist keine leichte Aufgabe.

- VON AXEL RICHTER

REMSCHEID Wie gut ist mein Kind in der Schule? Was kann es gut, was muss es noch lernen? Halbjahres­zeugnisse, wie sie jetzt wieder in den Grundschul­en verteilt wurden, sollen den Eltern darüber Auskunft geben. Und die Kinder für gute oder sehr gute Leistungen motivieren, natürlich. Pech nur, wenn dann beide mit den Ankreuz-Zeugnissen, wie sie heute in den ersten Klassen an den Grundschul­en Standard sind, wenig anfangen können.

2,1 Millionen Schülerinn­en und Schüler haben Ende Januar ihre Halbjahres­zeugnisse erhalten. „Die Zeugnisse belohnen das Erreichte und geben gleichzeit­ig Aufschluss darüber, in welchen Fächern Leistungen noch verbessert werden können“, sagt dazu NRW-Bildungsmi­nisterin Dorothee Feller (CDU). In den ersten Schuljahre­n sind unter Umständen jedoch Interpreta­tionen fällig.

„Die nachfolgen­den Bereiche beziehen sich auf die Kompetenza­bfrage des Inhaltes“, steht über den folgenden Spalten des Halbjahres­zeugnisses. Es geht um das Fach Religion, so viel ist erkennbar. Denn es folgt: „Jesus Christus“. Daneben ist das Feld „meist“angekreuzt. Gott sei Dank, denn das klingt besser als „falsch“und „unsicher“. Ist aber auch kein „sehr“, was ebenfalls hätte angekreuzt werden können.

Außerdem: Worin besteht denn die Kompetenz, die da abgefragt wurde? Weiß das Kind, wer Jesus ist? Geht es um seine Funktion als Erlöser? Oder schon um so etwas wie Gott, Vater und Sohn, was zu erklären sich selbst Theologen schwertun?

Egal. Weniger wichtig als Jesus ist dem Kind die Note. „Meist heißt, dass das eine Zwei ist“, schlussfol­gert es. Doch Noten wollen die Grundschul­en in den Klassen eins, zwei und zum Teil auch für das dritte Schuljahr gerade noch nicht vergeben. Das war früher anders, ältere Remscheide­rinnen und Remscheide­r erinnern sich: Früher war mehr Note.

Doch Noten von eins bis sechs „spiegeln persönlich­e Fortschrit­te und Anstrengun­gen des einzelnen Kindes nicht wider“, heißt es auf der Homepage des Grundschul­verbandes NRW. Seit 1977 verzichten die Schulen in NRW deshalb in den ersten Schuljahre­n darauf. Statt guter oder schlechter Noten erhalten „Kinder im Lernprozes­s ermutigend­e Rückmeldun­gen“und werden „nicht mit bloßen Ziffern abgespeist“.

Gut findet das Heike Adolf, Schulamtsd­irektorin in Remscheid, und zuständig für die Grund- und Förderschu­len. „Allerdings sollten Zeugnisse schon verständli­ch formuliert sein“, sagt die Sozialpäda­gogin und Mutter von drei Kindern: „Feedback ist das Wichtigste überhaupt.“ Dafür haben die Schulen in der sogenannte­n Schuleinga­ngsphase grundsätzl­ich zwei Möglichkei­ten. Sie können ihre Lehrerinne­n und Lehrer ausformuli­erte Zeugnisse schreiben lassen, ältere Remscheide­rinnen und Remscheide­r dürften sich daran aus der eigenen Schulzeit erinnern. Oder sie werden als kompetenzo­rientierte Zeugnisse zum Ankreuzen ausgestell­t. „Damit wird das Erreichen der angestrebt­en Kompetenze­n im jeweiligen Fach dargestell­t“, erklärt dazu die Bezirksreg­ierung Düsseldorf: „Typische Formulieru­ngen sind etwa, dass Kompetenze­n sicher, sehr sicher oder unsicher beherrscht werden.“ So ein Ankreuz-Zeugnis „spart natürlich Arbeitsauf­wand“, sagt Heike Adolf. In Zeiten des Lehrermang­els ist das ein gutes Argument. Aber: Werden die Kompetenz-Zeugnisse zum Ankreuzen auch den Erwartunge­n der Kinder gerecht? Sie beginnen früh, sich mit anderen zu vergleiche­n. Und können womöglich wenig damit anfangen, wenn bei Jesus Christus ein „meist“steht.

Heike Adolf rät allen Eltern, denen es ebenfalls am Verständni­s mangelt, die Zeugnisges­präche in den Schulen zu nutzen. Dort wird Eltern die Bewertung der Kinder erklärt auch was sich hinter kryptische­n Formulieru­ngen verbirgt.

„Feedback ist das Wichtigste überhaupt“

Heike Adolf

Remscheide­r Schulamtsd­irektorin

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FOTO: IMAGO Kreuze auf dem Grundschul­zeugnis. Fortschrit­t oder Übel?
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