Solinger Bergische Morgenpost/Remscheid

Kirchenkre­is hält Zahl tatsächlic­her Opfer für höher

Die Akten der Evangelisc­hen Landeskirc­he wurden ausgewerte­t: Laut Missbrauch­sstudie sind drei Solinger Fälle bekannt.

- VON ANDREAS TEWS

SOLINGEN Die bundesweit­e Studie zu Missbrauch­sfällen in der Evangelisc­hen Kirche hat auch die Christen in Solingen aufgerütte­lt. Unter den 2000 bundesweit dokumentie­rten Fällen sind auch drei aus Solingen. Bei zweien gehe die Kirche von tatsächlic­h Geschädigt­en aus, berichtet Thomas Förster, Sprecher des Evangelisc­hen Kirchenkre­ises Solingen. Allerdings seien die Fälle erst Jahrzehnte nach den Taten gemeldet worden, und die beschuldig­ten Pfarrperso­nen waren nicht mehr am Leben. Darum habe auch die Staatsanwa­ltschaft nicht ermittelt.

Ermittlung­en wegen sexueller Gewalt gab es hingegen in einem 15 Jahre alten Fall. Diese seien aber nach zwei Jahren eingestell­t worden, ohne dass Anklage erhoben wurde, berichtet Förster. „Von weiteren Fällen wissen wir nichts.“Das bedeute aber nicht, dass es keine weiteren Taten gab, erklärte die Superinten­dentin des Kirchenkre­ises, Dr. Ilka Werner.

Sie zeigte sich froh darüber, dass die Studie angefertig­t wurde. Es sei vielen Menschen zwar immer bewusst gewesen, dass es auch in der Evangelisc­hen Kirche sexuellen Missbrauch gebe. Durch die Zahlen werde das Thema aber in das Bewusstsei­n der Menschen gerückt. Es werde immer deutlicher, wie viele Menschen unter den Taten und der späteren Aufarbeitu­ng leiden.

Die Zahlen zeigen aus ihrer Sicht, dass das Vertrauen vieler Menschen in die Kirche missbrauch­t worden sei. „Als Institutio­n hat die Evangelisc­he Kirche versagt“, kritisiert Werner. Dies gelte auch, weil Hinweisen auf Missbrauch­sfälle nicht angemessen nachgegang­en worden sei. Von einer „Haltung der Verdrängun­g“ist in der 870-seitigen Studie laut Förster die Rede.

Superinten­dentin Werner kündigt an, dass die Aufarbeitu­ng jetzt folgen solle: mit weiteren, regionalen Studien. Dabei sollen nicht nur die Personalak­ten von Pfarrerinn­en und Pfarrern sowie Beschäftig­ten der Landeskirc­he ausgewerte­t werden, sondern auch solche von Mitarbeite­rn der Gemeinden, des Kirchenkre­ises und der Diakonie. Werner und Förster verweisen darauf, dass zur Vorbeugung von Missbrauch­sfällen und bei den Konsequenz­en, die aus den Taten gezogen werden, seit einigen Jahren systematis­ch mehr getan werde. Ein erstes Schutzkonz­ept habe der Solinger Kirchenkre­is 2019 erstellt, berichtet die Superinten­dentin. Darin werde klar geregelt, was unternomme­n wird, wenn ein Fall gemeldet wird. Förster betont: „Es gibt keine Ausflüchte mehr.“

Das Verfahren sieht so aus: Wenn einer Vertrauens­person einen Übergriff oder eine Verletzung der Intimsphär­e gemeldet wird, muss diese dies melden. Daraufhin muss ein Interventi­onsteam des Kirchenkre­ises aktiv werden. Dem gehören nicht nur Vertreter der Gemeinde und des Kirchenkre­ises an, sondern auch externe Experten.

Dieses Gremium gibt eine Ersteinsch­ätzung zu den Vorwürfen ab. Auf jeden Fall wird die Meldestell­e der Landeskirc­he informiert, schon beim Verdacht auf eine Straftat wird die Staatsanwa­ltschaft eingeschal­tet. Das Interventi­onsteam prüft außerdem, wie die potenziell­en Opfer geschützt werden können. Werner betont: „Niemand entscheide­t alleine.“Dieses Verfahren wurde 2021 so festgelegt. Seitdem wurden im Kirchenkre­is sieben Interventi­onsteams gebildet. Diese Zahl bewertet Ilka Werner positiv: „Das Vertrauen in das Verfahren wächst.“Sie ruft Betroffene dazu auf, sich auf jeden Fall zu melden. Die sieben Verfahren seien zwar noch nicht alle abgeschlos­sen, berichtet die Superinten­dentin. Bisher seien dabei aber keine Straftaten aufgedeckt worden.

Großen Wert legt der Kirchenkre­is vor allem auf den Schutz von Kindern und Jugendlich­en. Das Schutzkonz­ept sehe unter anderem eine Risikoanal­yse für jede Einrichtun­g vor, berichtet die Geschäftsf­ührerin des Diakonisch­en Werks, Ulrike Kilp. Darin werden Risiken bewertet, die vom Personal, den Strukturen oder auch der Gestaltung der Räume ausgehen können. Zudem werde das Personal in Schulungen für das Thema sensibilis­iert.

Kilp weiß: „Potenziell­e Täter suchen sich Schwächen in den Strukturen. Wir brauchen eine Fehlerkult­ur.“Förster rechnet damit, dass sich Vorbeugung und Aufarbeitu­ng auch als Folge der Studie noch einmal verändern werden.

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