RWE – der Ener­gie­rie­se wankt

Die Ner­vo­si­tät im Kon­zern wächst. Die dro­hen­de Mil­li­ar­den-Lü­cke bei den Atom­rück­stel­lun­gen könn­te den hoch ver­schul­de­ten Kon­zern das Ra­ting kos­ten, die Fi­nan­zie­rung könn­te schwie­rig wer­den. Heu­te be­rät der Auf­sichts­rat.

Solinger Morgenpost - - WIRTSCHAFT - VON ANT­JE HÖ­NING

ES­SEN Beim zweit­größ­ten deut­schen Ener­gie­kon­zern lie­gen die Ner­ven blank. Vol­ler Ent­set­zen muss­ten die RWE-Ma­na­ger am Di­ens­tag mit­an­se­hen, wie ih­re Ak­tie we­gen der dro­hen­den Kos­ten des Atom­aus­stiegs in die Tie­fe rausch­te – in der Spit­ze um mehr als 13 Pro­zent. Ei­lig wur­den Teams zu­sam­men­ge­trom­melt, um die La­ge zu be­ra­ten, heißt es in Kon­zern­krei­sen.

Das Pro­blem: RWE ist mit über 25 Mil­li­ar­den Eu­ro hoch ver­schul­det und lebt be­reits von der Sub­stanz, der freie Cash Flow ist laut Halb­jah­res­bi­lanz ne­ga­tiv (mi­nus 325 Mil­lio­nen Eu­ro). Falls die Ra­ting-Agen­tu­ren nun we­gen mög­li­cher Lö­cher bei den Atom-Rück­stel­lun­gen ih­re Kre­dit­no­te sen­ken, dürf­ten Fremd­ka­pi­tal­ge­ber un­ru­hig und die Fi­nan­zie­rung teu­rer wer­den, heißt es wei­ter. Die Ra­ting-Agen­tu­ren ha­ben be­reits vor Wo­chen den Aus­blick für RWE auf „ne­ga­tiv“ge­senkt.

Die RWE-Spre­che­rin sag­te: „Über Än­de­run­gen des Ra­tings spe­ku­lie­ren wir nicht. Nur so viel: An­ders als der sehr vo­la­ti­le Ak­ti­en­markt neh- men Ra­ting­agen­tu­ren ei­ne eher lang­fris­ti­ge Per­spek­ti­ve ein.“Zu­dem ha­be RWE jüngst ei­ne An­lei­he er­folg­reich fi­nan­ziert.

Am Mon­tag­abend wa­ren die ers­ten Zah­len aus dem Gut­ach­ten be­kannt ge­wor­den, das im Auf­trag des Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums die Nach­hal­tig­keit der Atom­rück­stel­lun­gen un­ter­sucht. Im schlech­tes­ten Sze­na­rio klafft dem­nach ei­ne Lü­cke von bis zu 30 Mil­li­ar­den Eu­ro, al­lein bis zu zehn Mil­li­ar­den bei RWE. Als am Di­ens­tag die La­wi­ne an den Bör­sen los­brach, hal­fen we­der Be­teue­run­gen der Kon­zer­ne, die Rück­stel­lun­gen sei­en aus­rei­chend, noch die Er­klä­rung des Mi­nis­te­ri­ums-Spre­chers, das Er­geb­nis des Stress­tes­tes lie­ge noch gar nicht vor. Am En­de muss­te Wirt­schafts­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el selbst in die Bütt. Sei­ne Er­klä­rung, die Zah­len­spie­le sei­en kei­ne Grund­la­ge für kon­kre­tes Han­deln, brach­te die Bör­sen­la­wi­ne vor­erst zum Stop­pen.

Doch seit­dem re­gie­ren Hek­tik und Hilf­lo­sig­keit in Es­sen – wie sich auch ges­tern zeig­te. Zu­nächst kam es RWE min­des­tens zu­pass, dass die „Wirt­schafts­wo­che“am Mor­gen mel­de­te, die ara­bi­sche In­vest­ment­ge­sell­schaft Aa­bar In­vest­ment ste­he kurz vor ei­nem Ein­stieg bei RWE oder sei­nen Pro­jek­ten. Prompt ging die Ak­tie hoch. Erst ver­zö­gert er­klär­te RWE: „Wir kön­nen die Mel­dung so nicht be­stä­ti­gen. Wir kon­zen­trie­ren uns in fort­lau­fen­den Ge­sprä­chen dar­auf, die Mög­lich­kei­ten zur ge­mein­sa­men Durch­füh­rung von ein­zel­nen lo­ka­len Pro­jek­ten aus­zu­lo­ten. Das The­ma Ka­pi­tal­be­tei­li­gung ver­fol­gen wir nicht wei­ter.“

Da­mit nicht ge­nug: Nun droht RWE auch noch der Aus­stieg aus dem Dax. Zum Stich­tag 27. No­vem­ber ent­schei­det die Bör­se, ob ein Kon­zern au­ßer­or­dent­lich den Dax ver­las­sen muss. Das wä­re der Fall, wenn RWE in der Rang­lis­te der Un­ter­neh­men (ge­mes­sen an Wert und Han­dels­vo­lu­men) nicht mehr un­ter den Top 45 wä­re. We­gen der Tal­fahrt der Ak­tie liegt RWE in punc­to Ka­pi­ta­li­sie­rung laut Lan­des­bank Ba­denWürt­tem­berg auf Platz 40. Weil Fonds, die sich am Dax ori­en­tie­ren, Ab­stiegs­kan­di­da­ten meist ver­kau­fen, droht wei­te­rer Kurs­ver­fall.

Das ist die schwar­ze Ku­lis­se, vor der heu­te in Es­sen der Auf­sichts­rat zu­sam­men­kommt. RWE-Chef Pe­ter Te­ri­um muss sich auf bei­ßen­de Kri­tik der kom­mu­na­len Auf­sichts­rä­te ge­fasst ma­chen. „Wir er­war­ten ei­ne scho­nungs­lo­se Ana­ly­se des Vor­stands“, sag­te ein Ver­tre­ter von ih­nen. Es wer­de nicht rei­chen, wenn Te­ri­um al­lein auf die all­ge­mei­ne Bran­chen­kri­se ver­wei­se. Er müss­te auch sa­gen, wie er die haus­ge­mach­ten Pro­ble­me lö­sen wol­le. Da­zu ge­hö­ren der Ge­winn­ab­sturz in En­g­land, die dro­hen­de Mil­li­ar­den-Stra- fe im Streit mit dem ara­bi­schen Gas­kon­zern Da­na und die von der EU in­fra­ge ge­stell­ten ge­plan­ten Hil­fen für Braun­koh­le-Kraft­wer­ke.

Die Kri­tik der Städ­te an Te­ri­um, des­sen Ver­trag bis 2021 läuft, wächst. Nun wol­len sie auch per­so­nell die Wei­chen neu stel­len: In der Sit­zung des Per­so­nal­aus­schus­ses wol­len sie heu­te Auf­sichts­rats-Chef Man­fred Schnei­der be­auf­tra­gen, Ge­sprä­che mit Wer­ner Mül­ler auf­zu­neh­men und ihn als neu­en Auf­sichts­rats-Chef zu ge­win­nen. Schnei­der tritt im Früh­jahr al­ters­be­dingt ab. Mül­ler, Chef der RAG-Stif­tung, ist der Fa­vo­rit der Kom­mu­nen, weil er en­er­gie­po­li­tisch er­fah­ren und (an­ders als sein Kon­tra­hent, der frü­he­re SAP-Fi­nanz­chef Wer­ner Brandt) stra­te­gisch ver­siert ist.

Auf der Ta­ges­ord­nung des Auf­sichts­ra­tes ste­hen auch „Vor­stands­per­so­na­li­en“. RWE will im Zu­ge sei­nes Um­baus zum Stamm­haus sei­nen Vor­stand er­wei­tern. Statt ei­nem soll es vier ope­ra­ti­ve Vor­stän­de ge­ben (sie­he Kas­ten). Das Gan­ze soll aber erst 2017 kom­men und ist auch mit kei­nem neu­en Ge­schäfts­mo­dell ver­bun­den. Die RWE-Kri­se bleibt.

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