„Im All­tag Zi­vil­cou­ra­ge zei­gen“

Ge­denk­ver­an­stal­tung am ehe­ma­li­gen Stand­ort der Sy­nago­ge an­läss­lich des 80. Jah­res­tags der Po­grom­nacht.

Solinger Morgenpost - - SPORT -

VON UWE VET­TER

Er­in­ne­run­gen müs­sen ge­pflegt wer­den, „auch wenn das schmerz­haft ist“, sag­te Ul­rich Nacht­kamp, Lei­ter des Gym­na­si­ums Sch­wert­stra­ße. Im Hof der Schu­le an der Mal­te­ser­stra­ße, dort, wo einst die Sy­nago­ge ih­ren Stand­ort hat­te, ver­sam­mel­ten sich am Frei­tag mehr als 250 Men­schen zu ei­ner Ge­denk­ver­an­stal­tung. Denn vor 80 Jah­ren, in der Nacht zum 10. No­vem­ber, wur­de die 1872 ein­ge­weih­te Sy­nago­ge durch na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sches Un­recht zer­stört. „Un­ser Ge­den­ken ist ei­ne Mah­nung zur Wach­sam­keit. Wir müs­sen Po­si­ti­on be­zie­hen und dür­fen nicht schwei­gen. Es gilt, den Rechts­staat zu ver­tei­di­gen, gera­de in Zei­ten der Po­pu­lis­ten und Rat­ten­fän­ger“, sag­te Ober­bür­ger­meis­ter Tim Kurz­bach.

Der Ver­wal­tungs­chef be­gann sei­ne Re­de mit dem an­ti­se­mi­ti­schen Ge­walt­an­schlag im ame­ri­ka­ni­schen Pitts­burgh, bei dem kürz­lich elf Men­schen ge­tö­tet und sechs Per­so­nen ver­letzt wor­den wa­ren.„Aber der An­ti­se­mi­tis­mus ist nicht weit weg“, sag­te Kurz­bach und ver­wies auf Kri­mi­nal­sta­tis­ti­ken in Deutsch­land: 1453 Straf­ta­ten, dar­un­ter 28 Kör­per­ver­let­zun­gen, sind hier of­fi­zi­ell re­gis­triert. Von da­her müs­se es auch 80 Jah­re nach den Po­gro­men Ver­an­stal­tun­gen des Ge­den­kens ge­ben. „Wenn das Schimpf­wort ,du Ju­de’ auf un­se­ren Schul­hö­fen zu hö­ren ist, trifft mich das hart“, sag­te Tim Kurz­bach und er­gänz­te: „Der Auf­stieg der Na­zis wie in den 1920er Jah­ren, darf sich in Deutsch­land nie­mals wie­der­ho­len.“

Sehr vie­le Ju­gend­li­che nah­men an der Ge­denk­ver­an­stal­tung teil, und gera­de an die rich­te­te der Ober­bür­ger­meis­ter den Ap­pell, „sich zu en­ga­gie­ren und wach­sam zu sein, und da­zwi­schen zu ge­hen, wenn je­mand drang­sa­liert wird“. „Vor­ur­tei­le und Ras­sis­mus dür­fen kei­ne Chan­ce in un­se­rem Land ha­ben“, sag­te Kurz­bach.

Pas­tor Ed­gar Daub von der Ar­beits­ge­mein­schaft Christ­li­cher Kir­chen er­klär­te mit Blick auf den No­vem­ber 1938, dass da­mals „das Gr­und­ver­trau­en in die mensch­li­che Ge­sell­schaft“ver­nich­tet wor- den sei. Auch Chris­ten hät­ten weg­ge­schaut. So et­was dür­fe heu­te nicht noch ein­mal ge­sche­hen.„Frem­den­hass ist der Ur­sprung al­len Übels und nicht die Aus­sa­ge von Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer, Mi­gra­ti­on ist die Mut­ter al­ler Pro­ble­me“, er­klär­te Daub.

Er freut sich über die viel­fäl­ti­gen Ak­tio­nen von Ju­gend­li­chen in So­lin­gen. Bei­spiels­wei­se, dass die die Stol­per­stei­ne von ih­nen ge­putzt wer­den. Denn die Na­men der Men­schen auf den Stol­per­stei­nen wer­den so in Er­in­ne­rung ge­hal­ten. Der Vor­sit­zen­de des Ju­gend­stadt­ra­tes, Finn Grim­sehl-Schmitz, griff die Ge­schich­te von Max Le­ven auf. Der jü­di­sche Jour­na­list wur­de in der Po­grom­nacht von SA-Män­nern in sei­ner So­lin­ger Woh­nung er­mor­det. Sei­ne Frau und zwei Töch­ter wur­den de­por­tiert. „Wir brau­chen aber nicht 80 Jah­re zu­rück­zu­schau­en, um Hass und Ge­walt ge­gen Min­der­hei­ten zu er­le­ben“, sag­te der Vor­sit­zen­de des Ju­gend­stadt­ra­tes und er­in­ner­te in die­sem Zu­sam­men­hang an den Brand­an­schlag von So­lin­gen vor 25 Jah­ren. „Auf­ga­be von uns al­len ist es, im All­tag Zi­vil­cou­ra­ge zu zei­gen und sich für ein de­mo­kra­ti­sches und welt­of­fe­nes Deutsch­land ein­zu­set­zen“, for­der­te Finn Grim­sehl-Schmitz.

Be­vor sich ein Ge­denk­marsch von der Mal­te­ser­stra­ße in Rich­tung Rat­haus be­zie­hungs­wei­se Thea­ter in Be­we­gung setz­te, rich­te­te der Vor­sit­zen­de der jü­di­schen Kul­tus­ge­mein­de, Leo­nid Gold­berg, das Wort an die Ver­an­stal­tungs­teil­neh­mer. „Das, was da­mals ge­schah, darf sich nie­mals wie­der­ho­len“, sag­te Gold­berg mit Blick auf den 9. No­vem­ber 1938. Gleich­wohl sei die Zahl der an­ti­se­mi­ti­schen Straf­ta­ten ge­stie­gen. „Und es ver­geht kein Tag oh­ne Ha­ken­kreuz­schmie­re­rei­en“, sag­te Gold­berg. Das al­les ver­un­si­che­re die jü­di­sche Ge­mein­de.

Die Po­gro­me vom 9. zum 10. No­vem­ber 1938 gel­ten als Be­ginn der ge­walt­sa­men Über­grif­fe von Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ge­gen Ju­den in Deutsch­land. Rund 1400 Sy­nago­gen wur­den laut Leo­nid Gold­berg in Brand ge­steckt – auch im Ber­gi­schen.

FO­TOS: PE­TER MEUTER

Pas­tor Ed­gar Daub fin­det: „Frem­den­hass ist der Ur­sprung al­len Übels.“Er ent­geg­ne­te da­mit ei­ne Aus­sa­ge von Bun­des­in­nen­mi­nis­ter See­ho­fer, der er­klärt hat­te, die Mi­gra­ti­on sei die „Mut­ter al­ler Pro­ble­me“.

Der Vor­sit­zen­de der jü­di­schen Kul­tus­ge­mein­de, Leo­nid Gold­berg (links), warn­te vor der stei­gen­den Zahl an­ti­se­mi­ti­scher Straf­ta­ten. Nach der Ge­denk­ver­an­stal­tung setz­te sich ein Ge­denk­marsch in Rich­tung Rat­haus in Be­we­gung.

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