Mit zwei Oh­ren

Bin­au­ra­len Auf­nah­men eilt ein le­gen­dä­rer Ruf vor­aus. Trotz­dem fris­ten sie ein Ni­schen­da­sein. Was steckt hin­ter ih­rer über­ra­gen­den Rä­um­lich­keit?

Stereoplay - - Titel- Cd -

Der Mensch nimmt sei­ne Um­ge­bung akus­tisch mit bei­den Oh­ren wahr, die sich seit­lich am Kopf be nden und ei­nen ge­wis­sen Ab­stand zu­ein­an­der ha­ben. Üb­li­cher wei­se rech­net man mit 15 bis 20 cm. Da­durch er­ge­ben sich ge­wis­se Un­ter­schie­de zwi­schen den bei­den Sei­ten: Schall­wel­len kom­men an dem Ohr, das der Schall­quel­le zu­ge­wandt ist, et­was frü­her und auch et­was lau­ter an, als am ab­ge­wand­ten Ohr. Da­zu kom­men noch cha­rak­te­ris­ti­sche Fre­quenz­mus­ter, die durch Bre­chung und Re exi­on an den Ohr­mu­scheln ent­ste­hen. Das Ge­hör wer­tet die­se kom­ple­xen Si­gnal­merk­ma­le aus und kann dar­aus ab­lei­ten, aus wel­cher Rich­tung der Schall ein­fällt – und zwar mit ei­ner er­staun­lich ho­hen Ge­nau­ig­keit.

Die Si­gnal­merk­ma­le las­sen sich auch mess­tech­nisch er­fas- sen, die Ex­per­ten spre­chen dann von ei­ner kopf­be­zo­ge­nen Über­tra­gungs­funk­ti­on oder von ei­ner HRTF, was das­sel­be be­deu­tet und nur die Ab­kür­zung der eng­li­schen Über­set­zung ( He­ad Re­la­ted Trans­fer Func­tion) ist. Das Dia­gramm zeigt so­wohl das Er­geb­nis bei seit­li­chem Schal­lein­fall auf das zu­ge­wand­te ( rot) und auf das ab­ge­wand­te Ohr ( blau), als auch bei fron­ta­lem Schall ein­fall für bei­de Oh­ren ( grün). Im zwei­ten Fall tre­ten zwar kei­ne fre­quenz­ab­hän­gi­gen Lauf­zeit- oder Pe­gel­dif­fe­ren­zen auf, weil sich die Schall­quel­le genau mit­tig zwi­schen den bei­den Oh­ren be ndet, aber das Fre­quenz­mus­ter, das die Rich­tung be­stimmt, ist deut­lich zu er­ken­nen.

Mit sim­plen Mit­teln

Die Idee der Bin­au­r­al­tech­nik ist so ein­fach wie ge­ni­al: Er­fasst man die­se Si­gnal­un­ter­schie­de di­rekt an den Oh­ren, zum Bei­spiel mit ei­nem Mi­kro­fon im Ge­hör­gang, und gibt sie spä­ter mit ei­nem Kopfhörer di­rekt an den Oh­ren wie­der, blei­ben al­le Rich­tungs­in­for­ma­tio­nen für das Ge­hör er­hal­ten. So nimmt man ei­ne ex­ak­te akus­ti­sche Ko­pie der Ori­gi­nal­sze­ne mit al­len räum­li­chen De­tails wahr.

Um die Tech­nik auf der Auf­nah­me­sei­te hand­hab­ba­rer zu ma­chen, ent­wi­ckel­te man so­ge­nann­te Kunst­köp­fe. Sie bil­den die Ana­to­mie ei­nes mensch­li­chen Kopfs mehr oder we­ni­ger ex­akt nach und ha­ben Oh­ren mit ein­ge­bau­ten Mi­kro­fo­nen. Man ex­pe­ri­men­tier­te auch mit ein­fa­che­ren An­ord­nun­gen, et­wa kopf­gro­ßen Ku­geln oder zwei Mi­kro­fo­nen im Ohr­ab­stand mit ei­ner Trenn­schei­be da­zwi­schen, wo­bei sich letzt­lich doch der Kunst­kopf durch­setz­te.

Bei Kunst­kopf­auf­nah­men kann man Schal­lein­fall aus al­len Rich­tun­gen wahr­neh­men, al­so auch von der Sei­te, von hin­ten

Der Smyth Rea­li­ser si­mu­liert vir­tu­el­le Mehr­ka­nal­sys­te­me mit Bin­au­r­al­tech­nik, wo­bei er Kopf­be­we­gun­gen kom­pen­siert.

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