Schwe­re Ak­kord- Ar­beit

Jo­hann Sebastian Bach: So­na­ten und Par­ti­ten für Vio­li­ne so­lo. Gi­u­lia­no Car­mi­gno­la ( 2018)

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Bachs So­na­ten und Par­ti­ten für Vio­li­ne so­lo sind ei­ne Kunst der Grenz­über­schrei­tung. Dem Me­lo­diein­stru­ment wird ei­ne Po­ly­pho­nie ab­ge­trotzt, wie sie ihm nie zu­vor auf die Sai­ten no­tiert wur­de. Bei Gi­u­lia­no Car­mi­gno­la klingt das nach schwe­rer Ak­kord- Ar­beit: Die drei- oder vier­stim­mi­gen Bre­chun­gen kra­chen wie ge­spreng­te Bar­rie­ren ins Spiel­feld, wo der me­trisch- or­ga­ni­sche Fluss merk­lich lei­det – na­ment­lich in den Fu­gen der drei So­na­ten. Wie es ge­schmei­di­ger geht, hat bei­spiels­wei­se Ra­chel Har­ris in ih­rer vor ei­nem Jahr er­schie­nen Ge­samt­ein­spie­lung ge­zeigt. Car­mi­gno­la aber fühlt sich – mit Ver­laub – in der Ho­ri­zon­ta­len woh­ler als in der Ver­ti­ka­len. Durch Sät­ze wie das Al­le­gro- as­sai- Fi­na­le der C- Dur- So­na­te oder das Pre­ludio der E- Dur- Par­ti­ta, wo Har­mo­nik und la­ten­te Po­ly­pho­nie in flit­zen­de Sech­zehn­tel­ket­ten auf­ge­löst sind, fetzt er mit ra­sant- ele­gan­tem Bo­gen­strich – nicht in der Ma­nier des Her­un­ter­spu­lens, son­dern schnit­tig phra­sie­rend ( ab­ge­se­hen vom Tick, die Eins im Takt über­zu­mar­kie­ren). Und hier weicht denn auch sein sonst scharf for­cie­ren­der Kraft­akt- Ton ei­ner jo­via­len Ver­ve. Die De­fi­zi­te aber sei­ner In­ter­pre­ta­ti­on sind um­so be­dau­er­li­cher, als der for­sche Ba­rock­gei­ger sich durch­aus auch als sti­lis­tisch sen­si­bler Gestal­ter prä­sen­tiert. Sei­ne elas­ti­sche Ago­gik et­wa im Ad­a­gio der g- Moll- So­na­te trifft oh­ne über­zo­ge­ne Ru­ba­ti ex­akt den „ spre­chen­den“Ges­tus, die Dy­na­mik wird schlüs­sig aus der Phra­sie­rung ent­wi­ckelt. Und die lang­sa­men drit­ten Sät­ze der So­na­ten at­men bei Car­mi­gno­la sehr wohl den Geist emp­find­sa­mer Re­fle­xi­on und ver­son­ne­ner Ly­rik, bis hin zu Echos zar­ter Tanz­schrit­te. So ge­lin­gen ihm – bei ten­den­zi­ell durch­weg eher mä­ßi­gen Tem­pi – auch in den Par­ti­ten Mo­men­te be­dacht­sa­mer Poe­sie statt blo­ßen Nach- vor­ne- Spie­lens. Und die gro­ße Cha­conne der d- Moll- Par­ti­ta geht er mit dra­ma­tur­gi­scher Dif­fe­ren­zie­rung an. Nur: Je­ne Schat­ten­sei­ten kön­nen all die­se Vor­zü­ge nicht lich­ten.

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