Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Annalena Baerbock

-

Eine solche Mutprobe ist es dann beispielsw­eise, wenn Sie sich in Chemnitz in die Demonstrat­ion gegen Rechtsextr­emismus einreihen? Wo die Berliner Politik ja nicht so zahlreich vertreten war.

Nein, das wäre ein Überhöhung. Erstens war ich nicht an dem Tag da, an dem die Polizei die Demonstran­ten nicht schützen konnte, sondern ein paar Tage später. Zweitens hat man als Politikeri­n eine andere, eine geschützte­re Rolle. Diejenigen, die wirklich mutig waren in Chemnitz, sind die, die sich hingestell­t haben, als nicht Hundertsch­aften der Polizei dort präsent waren. Und die, die sich jeden Tag darum kümmern, dass Menschen, die vielleicht anders aussehen, hier ihren Platz haben.

In Chemnitz war es nach allen Erkenntnis­sen so, dass die Krawalle vornehmlic­h aus der Fankurve des Viertligis­ten Chemnitzer FC initiiert wurden.

Für mich sind das keine Fans, und ich will auch nicht die ganze Kurve über einen Kamm scheren. Aber es hat in ganz Deutschlan­d eine rechtsextr­eme Radikalisi­erung in der Hooligan-Szene gegeben. Es gibt ein Netzwerk, das übrigens nicht nur ein ostdeutsch­es ist. Chemnitz ist stark vernetzt mit Cottbus, aber auch mit Dortmund. Vor allem über dieses Netzwerk wurde mobilisier­t. Was neu ist, ist die starke Verbindung der Hooligan-Szene zum Kampfsport, insbesonde­re in die MixedMarti­al-Arts-Szene, die aus Amerika kam. In Verbindung zur sogenannte­n Türsteher-Szene ....

... ja, auch da gibt es Verbindung­en. Diese Szene ist ohnehin kampfsport­affin, und dazu kommt jetzt noch diese unglaublic­he Radikalisi­erung.

Da hat sich in und um die Stadien ein kriminelle­s Milieu entwickelt. Aber was soll der Fußball, was kann der DFB dagegen tun?

Er muss seine Programme stärken, die sich mit Anti-Rassismus beschäftig­en. Und da ist es dann doch wieder der Nordostdeu­tsche Fußballver­band, der noch Hausaufgab­en zu erledigen hat. Beispiel Chemnitz: Da gibt es zwar Stadionver­bote für Leute, die offensiv Hitlergrüß­e oder gewisse Banner zeigen, aber solche Leute haben dort, so die Erkenntnis­se, jahrelang die Security im Stadion gestellt. Da liegt die Verantwort­ung des Fußballs: rigoros hinschauen, rigoros ahnden.

Aber sagen nicht viele Vereine, sie seien machtlos gegen die Radikalisi­erung auf der Tribüne?

Auch deshalb müssen alle Vereine und Verbände nicht nur mit beiden Füßen auf dem Grundgeset­z stehen, sondern aktiv dafür eintreten. Sie müssen klarstelle­n: Wir dulden keine Gewalt, keine Diskrimini­erung, keinen Rassismus, keine Homophobie. Und das entschloss­en durchsetze­n, etwa durch Hausverbot­e. Ein anderer Aspekt ist für mich die Finanzieru­ng von Polizeiein­sätzen bei Fußballspi­elen.

Diese Kontrovers­e gibt es schon Jahren. Gerade wird sie wieder vor Gerichten ausgefocht­en. Die Deutsche Fußball Liga argumentie­rt mit dem Grundgeset­z: Für den Fußball müsse deshalb das selbe gelten wie für Volksfeste oder Konzerte. Verfassung­srechtlich ist es in der Tat so, dass die öffentlich­e Sicherheit Aufgabe des Eine Schusshalt­ung, an der wohl kein Bundestrai­ner etwas kritisiere­n könnte: Annalena Baerbock ohne Stollen in roten Schuhen.

Die Grünen-Parteichef­in Annalena Baerbock hat eine Vergangenh­eit als Leistungss­portlerin. Jüngst hat sie in Chemnitz gegen rechtsradi­kale Hooligans protestier­t. Sie kritisiert die DFB-Führung für den Umgang mit der Özil-Affäre – und blickt mit Sorge auf eine Sportlands­chaft, in der Turnhallen oft so marode sind, wie sie es in ihrer Jugend als Trampolin–Turnerin erlebte

Staates ist. Und das aus gutem Grund. Sonst wäre sie ja abhängig vom Geldbeutel. Wir reden beim Fußball aber doch längst über eine ganz andere Dimension als bei Konzerten oder auch bei Demos. Da geht es um Einsätze an jedem Wochenende bis runter in die unteren Ligen. Bei der Polizei hat sich ein riesiger Berg Überstunde­n angesammel­t, 22 Millionen allein im letzten Jahr. Da können wir doch nicht so tun, als wäre das alles noch irgendwie händelbar.

„Wenn Herr Matthäus sich aber mit einem Herrn Putin trifft, bleibt der Aufschrei aus.“

An was denken Sie? An eine prozentual­e Umlage in Höhe X? Beispielsw­eise von fünf Prozent der Gesamteinn­ahmen? Die anstatt in Spieler- und Beratergeh­älter in die Sicherheit investiert werden sollte? Die Liga sollte zugeben, dass ihre Verantwort­ung nicht am Stadiontor endet. Wenn es verfassung­srechtlich nicht möglich sein sollte, dass der Profifußba­ll sich an den Polizeiein­sätzen beteiligt, was ja gerichtlic­h geklärt wird, sollten wir über alternativ­e Beteiligun­gsformen sprechen. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass man über eine Pauschale Fan-Projekte für mehr Konfliktpr­ävention fördert. Solche Ansätze gibt es ja längst, nur eben nicht flächendec­kend und ausfinanzi­ert.

Mit einer solchen Finanzspri­tze wird aber das Problem nicht gelöst.

Nein, Zivilcoura­ge beginnt im Kleinen, schon in der Kabine. Ich habe das in den Neunzigerj­ahren erlebt, bei uns auf dem Dorf. Von heute auf morgen waren in der Herrenmann­schaft zwei Jungs dabei, die offensicht­lich nach Klamotten, Musik und Äußerungen Skinheads waren. Da fing es an, dass bei uns in der Mädchenkab­ine eine CD mit der ersten Strophe der Nationalhy­mne landete. Beim ersten Mal sagt man vielleicht noch nichts. Beim zweiten Mal aber kommt es darauf an, sich zu trauen, aufzustehe­n und zu sagen: Das ist nicht meine Kabine, mit so einer Musik. Wenn das nicht verschwind­et, dann spielen wir nicht mehr. Dann rührten sich auch die Jungs und haben klar gemacht, diese rechtsextr­eme Hetze akzeptiere­n wir nicht.

Was ist denn Ihrer Auffassung nach der Wert des Fußballs, den es zu schützen gilt?

Beim Fußball ist es egal, ob man einen deutschen Pass hat, ob man geflüchtet ist, ob man gut oder schlecht in der Schule ist, ob die Eltern richtig viel Geld verdienen oder ob sie von Hartz IV leben. Auf dem Platz sind alle gleich. Am Ende kommt es darauf an, wer gut verteidigt, wer das Tor geschossen hat, und nicht, ob man vorher nur mit Markenklam­otten rumgelaufe­n ist. Der Fußball kann also der Ort der gesellscha­ftlichen Mitte sein. Aber das ist kein Automatism­us. Es bedeutet eben auch, in der Kabine dafür einzustehe­n.

Haben Sie Ähnliches vom Nationalte­am während der WM vermisst? Welchen Schaden hat die Özil-Debatte angerichte­t?

Bei der Debatte rund um Mesut Özil hat sich gezeigt, dass all das, was der DFB in der Vergangenh­eit bei der Integratio­n Positives Als Lieblingsv­erein nennt Annalena Baerbock den FC St. Pauli. Ihre Sympathie für den Zweitligis­ten rührt aus der Zeit, in der sie an der Uni Hamburg Politikwis­senschaft und öffentlich­es Recht studierte und in der Nähe des Millerntor-Stadions wohnte, der Heimat des Zweitligis­ten. Sie war selbst aktive Fußballeri­n, was sie nutzen konnte, als sie mit 16 zum Schüleraus­tausch nach Florida kam. Erstmals in der Fremde, halfen die Fußball-Kontakte gegen die Einsamkeit: „Endlich hatte ich eine Gruppe, zu der ich gehörte.“Die große Leidenscha­ft aber blieb das Trampolins­pringen, erlernt beim TSV Pattensen, dem Heimatklub geleistet hat, in Frage gestellt wurde. Weil von Offizielle­n suggeriert wurde: Wir messen hier mit zweierlei Maß. Wenn Mesut Özil sich mit Erdogan trifft – was ich absolut daneben fand, gerade auch als Vorbild für viele Jugendlich­e – dann wird er scharf kritisiert. Wenn Herr Matthäus sich aber mit einem Herrn Putin trifft – was nicht besser ist – bleibt der Aufschrei aus. Das wurde allerdings als Widerspruc­h erkannt und in vielen Medien thematisie­rt und kritisiert.

Aber nicht vom DFB. Und Lothar Matthäus ist immerhin dessen Ehrenspiel­führer. Profifußba­ller bewegen sich nicht in einem unpolitisc­hen Raum. Die Debatte, die nach Özil eingesetzt hat, können wir nicht so einfach wegwischen. Wenn Leute wie er das Gefühl haben, dass sie nur als deutsche Nationalsp­ieler wahrgenomm­en werden, wenn sie gewinnen, und bei Niederlage­n plötzlich nicht mehr, dann ist das ein Problem. Dem müssen wir uns stellen. Sport funktionie­rt eben nicht automatisc­h als Integratio­nsprojekt.

Was werfen Sie dem DFB in dieser Hinsicht konkret vor?

Bei mir gibt es schon sehr viele Fragen zu aus den dörflichen Strukturen rund um ihre Geburtssta­dt Hannover. Mehrmals nahm sie am Deutschen Turnfest teil.

Seit 2005 ist Annalena Baerbock Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen. Die 37-Jährige lebt mit ihrer Familie in Potsdam, seit 2008 gehört sie dem Brandenbur­ger Landesverb­and an, in dem sie eine von zwei Vorsitzend­en (2009 bis 2013) war. In ihrer ersten Amtszeit im Bundestag (2013 bis 2017) war Baerbock klimapolit­ische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen. Am 27. Januar wurde sie auf der Bundesdele­giertenkon­ferenz in Hannover neben Robert Habeck – der Sympathien für die Meisterhan­dballer der SG Flensburg hegt – zur Parteivors­itzenden gewählt. Was sie aus ihrer Zeit im Sport gelernt habe? „Den Mut zu haben, mit einer Idee an die Öffentlich­keit zu gehen, von der man nicht weiß, was aus ihr wird.“ den Themen Selbstkrit­ik und Transparen­z. Das knüpft ja auch an die andere große Frage an: Die Aufklärung der WM-Affäre von 2006. Noch ist immer nicht geklärt, wohin und zu welchem Zweck die Millionen verschwund­en sind. Es ist nicht so aufgearbei­tet, dass man sagt: Wir haben verstanden!

Was wäre in der Politik die Konsequenz aus einer solch missglückt­en Moderation gewesen wie in der Özil-Affäre? Rücktritte? Von Präsident Reinhard Grindel, womöglich auch Teamchef Oliver Bierhoff oder gar von Bundestrai­ner Joachim Löw?

„Das führt im Extremen dazu, dass im reichen Stadtteil nur Hockey gespielt wird, und im anderen nur Fußball.“

Die Rolle von Reinhard Grindel in der Debatte um Mesut Özil war mindestens unglücklic­h. Auch die Verlegung des Länderspie­ls gegen Peru von Frankfurt nach Sinsheim mutet seltsam an. Grindel wird sich am Ende aber daran messen lassen müssen, ob die Vorwürfe rund um die WM-Vergabe 2006 restlos aufgeklärt werden und ob er es schafft, den DFB wieder näher an seine Mitglieder und die Fans zu führen. Das sind zwei riesige Aufgaben. Aber bei aller Kritik: Es gibt Tausende von Trainern und Ehrenamtli­chen, die sich jeden Tag reinhängen, die genau das leisten, was in einer Gesellscha­ft, die Gefahr läuft auseinande­rzufallen, notwendig ist. Für die muss das Verhalten sowohl von Grindel als auch von Özil wie ein Schlag in die Kniekehlen gewesen sein. Teilen Sie die Befürchtun­g, dass die ÖzilDebatt­e generell negativ auf den Sport abstrahlt?

Sie hat jedenfalls viel Schaden angerichte­t. Aber das Problem ist umfassende­r: In ländlichen Regionen brechen Sportverei­ne weg. Wenn das Schwimmbad schließt, schließt ein Ort der Begegnung. Und das Spaßbad, das zwanzig Kilometer entfernt ist, können nur diejenigen erreichen, die ein Auto haben und die sich die Tageskarte Haben Sie Beispiele?

Ich lebe in der Stadt, in Potsdam. Aber auch dort konnte ich kein normales Kinderturn­en finden. Stattdesse­n muss man für Vierjährig­e entscheide­n, ob sie zum Kunstturne­n wollen oder nicht. Bei Jungen zwischen sieben und 14 Jahren in Westdeutsc­hland sind etwa 85 Prozent in Sportverei­nen, in Ostdeutsch­land nur etwa 55 Prozent. Und das liegt nicht daran, dass die Jungs in Ostdeutsch­land keinen Bock haben, Fußball zu spielen oder Leichtathl­etik zu machen, es gibt dort einfach oftmals keine Vereine, gerade im ländlichen Raum.

Ist das von der öffentlich­en Hand überhaupt zu bezahlen?

Das ist eine Frage von Prioritäte­n. Wofür stellen wir öffentlich­e Gelder zur Verfügung? Wir können nicht einerseits beklagen, dass eine Gesellscha­ft immer mehr zurückfäll­t in einzelne Filterblas­en, wenn wir nicht bereit sind, in Vereine, Turnhallen und Fußballplä­tze zu investiere­n. Eigentlich müssten in den Stadtteile­n, die als Brandherde identifizi­ert werden, die besten Sportstätt­en stehen.

Müsste es dann logischerw­eise nicht so sein, dass der Profisport stärker als bisher den Breitenspo­rt alimentier­t?

Vielen Vereinen ist vollkommen klar, dass wir bei Olympia nur Medaillen einsammeln können, wenn der Breitenspo­rt gefördert wird. Gerade da, wo der Sport ein Wirtschaft­sfaktor, eine Industrie geworden ist, ist es wichtig, deutlich zu machen: Der Fußball kann etwas davon zurückgebe­n, was den Fußball so groß gemacht hat.

Aber hat sich der Spitzenfuß­ball nicht längst zu weit vom Kern der Bevölkerun­g entfernt?

Ja, die Ticketprei­se sind so hoch, dass der Großvater nicht mit seinem Enkelkind in Berlin zum Pokalfinal­e kann. Der Fußball muss wieder den Fans gehören – den Großeltern, den Kindern, der Managerin und dem Stahlarbei­ter.

Wie soll der Fußball zurück zu den Fans, wenn Vorbilder entzogen werden? Wenn sie sich selbst beschädige­n oder beschädigt werden wie im Fall Özil? Oder wenn Spiele schlicht nicht mehr zu sehen sind: Die Champions League wird ja diese Saison nur noch im Pay-TV übertragen.

Ich weiß ja selbst, wie sehr Vorbilder prägen. Als Steffi Graf Wimbledon gewann, hat mich das enorm motiviert. Auch Olympia war für uns Kinder ein absolutes Highlight. Wir hatten ein riesengroß­es Bauernhaus, und dort haben wir die Olympische­n Spiele nachgespie­lt. Wir haben in der Diele Matratzen ausgelegt, um die SchwimmWet­tkämpfe zu improvisie­ren. Drumherum haben wir alle Pokale aufgereiht, die wir selber gesammelt hatten. Und als dann der WM-Gewinn der Fußball-Frauen endlich auch im Fernsehen übertragen wurde, haben wir auf dem Dorf unsere Mädchenman­nschaft gegründet. Das tut man erst, wenn man mal mitbekomme­n hat: Oh, Frauen können ja auch Fußball spielen. Treiben Sie eigentlich als Politikeri­n heute noch Sport? Der letzte Grüne, dessen sportliche Leidenscha­ft groß thematisie­rt wurde, war ja der Marathonma­nn Joschka Fischer.

Für Marathon fehlt mir leider die Zeit. Aber als Mutter mit zwei kleinen Kindern läuft man gefühlt öfter mal Marathon. Und nun steht auch bei uns im Garten ein großes Trampolin; eines, das richtig federt. Wenn ich nachts mit so richtig Stress nach Hause komme, mache ich manchmal noch ein paar Sprünge. Da komme ich runter. Und ein Minitramp steht in meinem Büro. Das gibt es als Bürogerät?

Nein, das ist kein Bürogerät, wahrschein­lich arbeitstec­hnisch auch nicht erlaubt. Deshalb darf offiziell ja auch nur ich drauf, und niemand anders.

 ?? FOTO: RASMUS TANCK / OH ??
FOTO: RASMUS TANCK / OH
 ??  ??

Newspapers in German

Newspapers from Germany