Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Furcht vor Eskalation in Nahost

Während der Konflikt im Gaza-Streifen andauert, gerät Israel auch von Libanon aus unter Beschuss. Internatio­nale Vermittler machen sich Sorgen um eine Ausweitung des Konflikts

- Von peter münch

(SZ) „Wir sehen die klügsten, verständig­sten Menschen im gemeinen Leben Schritte tun, wozu wir den Kopf schütteln müssen.“So schrieb Adolph Freiherr von Knigge schon 1788 in seinem Werk „Über den Umgang mit Menschen“, und die Vorstellun­g ist nicht ohne Reiz, was er wohl erst dazu gesagt hätte, wären ihm der ganz normale Ton in den Führungset­agen des Deutschen Fußball-Bundes bereits bekannt gewesen oder die für eine wahlkämpfe­nde Parteichef­in wie Saskia Esken nicht immer günstige Neigung, größere Personengr­uppen auf Twitter kollektiv zu beschimpfe­n, die leider nicht selten zu den Wählern der SPD gehören. Wer durch seichtes Wasser geht, sollte das Krokodil nicht beleidigen – aber wir wollen nicht abschweife­n.

Zu den erstaunlic­hen Verhaltens­weisen sonst vernünftig­er Menschen gehört die Konferenz. Konferenze­n neigen zur immer weiteren, fast pandemisch­en Ausweitung, weshalb selbst zarte Versuche, ihrem Übermaß Einhalt zu gebieten, selber neue und nicht minder grässliche Konferenze­n gebären. Vor allem sind sie die perfekte und daher stark gesuchte Bühne für Lümmler und Laberer, Langweiler und Lehrmeiste­r, um von den In-den-Zähnen-Bohrern und Mit-offenem-Mund-Gähnern, den ins Handy starrenden toten Augen und anderen unschönen Erscheinun­gen der Besprechun­gen ganz zu schweigen. Leider hat der Videocall die Lage nicht verbessert, erlaubt er es den Plagegeist­ern doch, die Zeichen der Ermüdung und Verzweiflu­ng im Publikum noch konsequent­er zu ignorieren, als sie es ohnehin schon tun. Es scheint, als sei Knigges Mahnung nicht auf fruchtbare­n Boden gefallen: „Habe acht auf Dich, daß Du in Deinen Unterredun­gen, durch einen wäßrigen, weitschwei­figen Vortrag nicht ermüdest.“

Wer nun meint, wenigstens der Kirchgang sei ein Hort des guten Benehmens, der irrt freilich. Die fromme, in Demut und Dankbarkei­t den Kanzelwort­en lauschende Herde der Gläubigen war stets nur eine, wie man heute unter Akademiker­n sagt, gesellscha­ftliche Konstrukti­on. Dies hat der Würzburger Liturgiesp­ezialist Guido Fuchs in seiner „Kleinen Geschichte des schlechten Benehmens in der Kirche“nachhaltig belegt, ohne Zweifel eines der Highlights unter den wissenscha­ftlichen Neuerschei­nungen. Demzufolge haben Kirchgänge­r schon in früheren Zeiten die Gottesdien­ste durch Schwatzen, Kichern, Rauchen und den Verzehr mitgebrach­ter Vesper gestört, heute sind die piepsenden Push-Meldungen des Smartphone­s hinzugekom­men. Vor allem aber nutzten die Besucher den Gottesdien­st für eine ausgiebige Siesta, wobei sie ihre Körperform geschickt den harten Holzbänken anzupassen verstanden. Dank dieser Studie weiß man nun, warum über so viele Jahrhunder­te die Menschen selbst nach der einschläfe­rndsten Predigt an Körper und Seele erfrischt aus der Kirche kamen.

Tel Aviv – Ungeachtet aller internatio­nalen Bemühungen um eine Waffenruhe haben Israelis und Palästinen­ser ihre Kämpfe fortgesetz­t. Nach einer mehrstündi­gen Pause, die Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Gewalt genährt hatte, nahm die Hamas am Dienstagna­chmittag das Raketenund Granatenfe­uer wieder mit Wucht auf. Auf israelisch­er Seite wurden dabei zwei thailändis­che Gastarbeit­er getötet. Die internatio­nale Gemeinscha­ft müsse verstehen, dass die Gegenseite mit der Gewalt begonnen habe und nun „einen Preis bezahlen“müsse, erklärte Israels Verteidigu­ngsministe­r Benny Gantz.

Gantz kündigte an, dass die israelisch­e Armee noch Tausende potenziell­e Angriffszi­ele habe. „Keine Person, kein Gebiet in

Gaza ist immun“, sagt er. Die Kämpfe würden erst enden, wenn eine langfristi­ge Ruhe gesichert sei. Bei ihren Angriffen konzentrie­rte sich die Luftwaffe zuletzt auf das weit verzweigte Tunnelsyst­em der Hamas, das als Rückzugsor­t und Kommandoze­ntrale dient.

Im Visier der israelisch­en Armee sind weiterhin die Kommandeur­e der militanten Palästinen­sergruppen. Als Erfolg wurde die Tötung des für den nördlichen Gazastreif­en zuständige­n Militärche­fs des Islamische­n Dschihads vermeldet. Insgesamt spricht die Armee von bislang mehr als 150 getöteten palästinen­sischen Kämpfern. Nach Angaben aus Gaza sollen dagegen fast die Hälfte der etwas mehr als 200 Toten Frauen und Kinder sein.

Die Hamas, die binnen einer Woche mehr als 3300 Raketen auf Israel abgefeuert hat, nahm neben Gemeinden im Grenzgebie­t auch wieder weiter entfernt liegende Städte unter Feuer. Zwei Grenzüberg­änge zum Gazastreif­en, die kurzzeitig geöffnet waren, um Benzin und humanitäre Hilfsgüter in das umkämpfte Gebiet zu bringen, gerieten israelisch­en Berichten zufolge ebenfalls unter Beschuss.

Unterdesse­n drohen sich auch andere Fronten aufzuheize­n. Aus Libanon wurden in der Nacht zum Dienstag sechs Raketen in Richtung Israel abgefeuert, die allerdings keine Schäden anrichtete­n. Im Grenzgebie­t zu Jordanien zerstörte die israelisch­e

Hören Sie zu diesem Thema auch den Podcast. Armee eine Drohne unbekannte­r Herkunft. Im palästinen­sischen Westjordan­land rief Präsident Mahmud Abbas zu einem „Tag des Zorns“mit Demonstrat­ionen gegen Israel auf.

Die internatio­nalen Vermittler befinden sich in einem Wettlauf gegen die Zeit. Mit jedem Tag der Kämpfe wächst die Gefahr, dass der Konflikt außer Kontrolle gerät. USPräsiden­t Joe Biden telefonier­te bereits zum dritten Mal mit Israels Regierungs­chef Benjamin Netanjahu und erklärte dabei seine „Unterstütz­ung für eine Waffenruhe“. Biden mahnte Netanjahu zugleich zum „Schutz unschuldig­er Zivilisten“. Die Amerikaner koordinier­en ihre Bemühungen mit Ägypten und der EU, deren Außenminis­ter am Dienstag per Videokonfe­renz berieten. Eine gemeinsame Erklärung wurde von Ungarn blockiert.

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