Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Alles für die Himmlische­n Hundert

Berliner Architekte­n schenken Kiew Pläne für ein Museum

- Cathrin kahlweit

Der Maidan ist nicht nur der größte Platz in Kiew, er ist auch Symbol für einen Aufstand gegen die prorussisc­he Regierung, der von Herbst 2013 bis zum Frühjahr 2014 das ganze Land erfasste und den viele Ukrainer als eine Art zweite Geburt ihrer Nation begreifen. Die Politiker, die damals an die Macht kamen, sind fast alle schon wieder Geschichte. Präsident ist mittlerwei­le der ehemalige Schauspiel­er Wolodimir Selenskij, der sich nach der „Revolution der Würde“, wie der MaidanAufs­tand in der Ukraine heißt, in seiner TV-Show über korrupte Politiker lustig machte – bevor er selbst Politiker wurde.

Am Montag unterzeich­nete Selenskij eine Vereinbaru­ng mit dem deutschen Architektu­rbüro Kleihues + Kleihues, mit dem das Copyright für den Entwurf eines „Museums für die Revolution der Würde“an den ukrainisch­en Staat übertragen wurde. Die Berliner hatten 2018 die Ausschreib­ung gewonnen und hofften lange, den Bau selbst betreuen zu können. Aber wenngleich das Projekt laut Selenskij eine „Priorität für das Land“ist, so hatte es doch rund um die konkrete Umsetzung so viele Probleme gegeben, dass die Architekte­n sich entschiede­n, das Urheberrec­ht abzugeben.

„Es ist ein Geschenk, in dem sich eine gewisse Frustratio­n spiegelt“, räumt Jan Kleihues ein; jetzt liege es an der Ukraine, das Konzept umzusetzen, das Tausende Artefakte wie Barrikaden, Katapulte und Gulaschkan­onen, aber auch Puppen, Poster und einen Weihnachts­baum enthalten soll. Das Projekt steht unter dem Motto „Den Hügel stürmen“: Vom Unabhängig­keitsplatz bergauf Richtung Parlament hatten sich im Februar 2014 die Kämpfe zwischen Regierungs­einheiten und Aufständis­chen erstreckt.

Ein Massaker gilt als Wendepunkt der Ereignisse in Kiew; mehr als hundert Menschen waren, unter anderem durch Scharfschü­tzen, ums Leben gekommen und als die „Himmlische­n Hundert“Teil des postrevolu­tionären Selbstvers­tändnisses geworden.

Die Nationalhe­lden sollen, so die ziemlich ausufernde Planung der Behörden, nun endlich ein offizielle­s „Denkmal des Ruhms und der Würde“entlang jener Straße bekommen, die zum geplanten Museum führt. Dafür soll ein 2014 spontan entstanden­es Bürgerdenk­mal unter offenem Himmel samt kleinen Altären teilweise weichen, teilweise überbaut werden – ein Sakrileg in den Augen vieler Ukrainer.

Überhaupt kollidiere­n die ambitionie­rten, mit viel nachgetrag­enem Pathos verkündete­n Beschlüsse mit der politische­n Realität. Wegen des Widerstand­s gegen die teilweise Zerstörung der Gedenkstät­te musste ein Baustopp eingelegt werden. Maidan-Aktivisten fordern endlich eine engagierte juristisch­e Aufarbeitu­ng der Morde vom Maidan anstelle musealer Großprojek­te. Zweifel an der geplanten Fertigstel­lung bis 2026 häufen sich.

Marci Shore, Osteuropa-Historiker­in der Yale-Universitä­t, glaubt trotzdem, die Bedeutung der Himmlische­n Hundert sei kaum zu überschätz­en: Im Februar 2014 hätten viele Hundert Menschen auf dem Maidan die existenzie­lle Entscheidu­ng gefällt, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. „Das war einer der seltenen Momente, bei denen die Würde mehr zählte als das eigene Schicksal.“

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