Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Auf die Plätze. Fertig. Und dann?

Grundsätzl­ich sind die Vakzine weiterhin knapp – selbst in den bislang priorisier­ten Gruppen gibt es deutlich mehr Impfwillig­e als -termine. Warum vom 7. Juni an dennoch jeder selbst für seine Impfung kämpfen muss

- Von werner bartens, hanno charisius und angelika slavik

In nicht einmal drei Wochen soll die Impfpriori­sierung fallen. Bundesgesu­ndheitsmin­ister Jens Spahn (CDU) warnt aber bereits vor zu großen Erwartunge­n. „Dass am 7. Juni oder auch in der Woche des 7. Juni alle, die wollen, geimpft werden können, das kann ich ausdrückli­ch nicht sagen“, sagte er in der ARD. „Ich muss weiterhin auch da um Geduld bitten.“Man werde bis in den Sommer hinein brauchen, um alle Impfwillig­en impfen zu können. Die wichtigste­n Fragen und Antworten zum Ende der Impfpriori­sierung:

Gibt es überhaupt so viel Impfstoff, dass eine Freigabe der Impfungen gerechtfer­tigt ist?

Grundsätzl­ich ist der Impfstoff weiter knapp – selbst in den bislang priorisier­ten Gruppen gibt es deutlich mehr Impfwillig­e als Impftermin­e. Allerdings haben sich die Impfstoffl­ieferungen der Hersteller nach anfangs heftigen Turbulenze­n nun auf einem relativ verlässlic­hen Niveau eingepende­lt. Besonders Biontech/Pfizer, für die deutsche Impfkampag­ne der wichtigste Lieferant, halte seine Lieferzusa­gen penibel ein, hört man im Bundesgesu­ndheitsmin­isterium. Die Menge an verfügbare­m Impfstoff soll in den kommenden Wochen weiter steigen. Klar ist aber: Impfstoff und damit auch Impftermin­e werden noch einige Wochen lang ein knappes Gut sein.

Wird es dann aber im Juni genug Impfstoff für alle geben?

Bis zum Ende des zweiten Quartals erwartet das Bundesgesu­ndheitsmin­isterium die Lieferung von insgesamt fast 80 Millionen Impfdosen. Wenn sich 80 Prozent der Bevölkerun­g, Kinder und Jugendlich­e noch nicht eingerechn­et, impfen lassen würden, was eine sehr optimistis­che Schätzung ist, würde diese Menge bis zum Beginn des Sommers höchstens knapp genügen, um alle Impfwillig­en vollständi­g zu immunisier­en. Insbesonde­re dann wird es nicht reichen, wenn die rund 22 Millionen Dosen der Hersteller Astra Zeneca und Johnson & Johnson nicht ebenfalls komplett verimpft werden, weil einige Menschen aktuell Vorbehalte gegen sie hegen. Die angekündig­ten Mengen reichen allerdings aus, um allen Impfbereit­en eine erste Impfdosis zu geben und im dritten Quartal nachzulege­n, wenn weitere Lieferunge­n kommen.

Wo kann man sich vom 7. Juni an zur Impfung melden?

Wie bisher auch schon kann man sich bundesweit online im Impfzentru­m anmelden. Dazu stehen je nach Bundesland unterschie­dliche digitale Plattforme­n und Hotlines zur Verfügung, in Bayern beispielsw­eise erfolgt die Impfregist­rierung über das Bayerische Impfzentru­m. Zudem impfen seit April die meisten Hausärzte, in den folgenden Wochen haben etliche Fachärzte nachgezoge­n und impfen ebenfalls.

Im Juni sollen zusätzlich die Betriebsär­zte in das Impfprogra­mm einbezogen werden.

Bereits jetzt ist es möglich, sich im Impfzentru­m anzumelden und zusätzlich seinen Haus- oder Facharzt zu fragen, ob er einen auf die Liste mit den Impfwillig­en setzen kann. Also lohnt es sich durchaus, seinen Orthopäden oder Frauenarzt anzurufen und sich nach einer Impfung zu erkundigen. Wie schnell man drankommt, ist regional sehr unterschie­dlich. Je mehr Leute geimpft worden sind, desto mühsamer ist der bürokratis­che Aufwand für die Arztpraxis, unter ihren Patienten noch ungeimpfte zu finden. Deshalb steigt die Chance, wenn beim Arzt nachgehakt wird. Für den Fall, dass man auf diese Weise schnell zur Impfung kommt, ist es wichtig, andere Impftermin­e umgehend zu stornieren.

Lohnen sich Impfungen für die Ärzte? Ein Hausarzt aus München will sich nicht mit Diskussion­en über die Vor- und Nachteile der verschiede­nen Impfstoffe und Risiken „im Nano-Prozentber­eich“aufhalten. „Ich sage meinen Helferinne­n, dass sie allen Patienten das vorher klarmachen“, erklärt der Allgemeinm­ediziner, der ungenannt bleiben will. „Was an Vakzinen da ist, wird verimpft und basta. Ich weiß ja zumeist selbst erst kurz vorher, was geliefert wird.“Lukrativ ist die Impferei für Ärzte nicht unbedingt. In der Praxis können die Doktoren 10 Euro für die Beratung abrechnen plus 10 Euro für die Impfung selbst, zusammen also 20 Euro. Die Aufklärung, in der es um die medizinisc­he Vorgeschic­hte und eventuelle Risikofakt­oren geht, nimmt bereits einige Zeit in Anspruch. Nach der Impfung müssen die Patienten mindestens 15 Minuten unter Beobachtun­g bleiben, da extrem selten allergisch­e Reaktionen auftreten können. Für diese Wartezeit sind dann meistens Labor- oder Untersuchu­ngsräume der Praxis blockiert. Besonders lohnend sind die Impfungen in eigener Praxis also nicht. Für Ärzte in Impfzentre­n ist es schon lukrativer. Sie bekommen in vielen Zentren 100 Euro pro Stunde, mancherort­s 150 oder gar 180 Euro, je nach Träger. Die Medizinisc­hen Fachangest­ellten und andere Helfer in Impfzentre­n werden deutlich schlechter bezahlt.

Werden nach dem 7. Juni Angehörige der bisher priorisier­ten Gruppen weiterhin bevorzugt geimpft?

Mit der Aufhebung der Priorisier­ung haben grundsätzl­ich alle die gleichen Chancen auf einen Impftermin. Die Buchungen für Termine in den Impfzentre­n sind dann für alle freigescha­ltet. Betriebs- und Hausärzte vergeben ihre Termine aber nach eigenem Ermessen – wer also gute Gründe anführen kann, darf sich zumindest Chancen ausrechnen, früher berücksich­tigt zu werden als andere. Wichtig auch: Für Angehörige priorisier­ter Gruppen, die noch nicht geimpft sind, aber bereits eine Terminzusa­ge haben, ändert sich nichts. Ihre Termine bleiben bestehen. Wer seinen Termin nicht wahrnehmen kann oder will, sollte unbedingt absagen, statt einfach nicht zu erscheinen, damit jemand anderes die Impfung bekommen kann. Termine und Vakzin sind immer noch knapp.

Die ständige Impfkommis­sion empfiehlt die Priorisier­ung von Schwangere­n. Ist das nun noch möglich?

Nach langem Hin und Her hat die Ständige Impfkommis­sion Stiko ihre Impfempfeh­lung erweitert. Ärzte können nach entspreche­nder Beratung nun auch Schwangere­n die Corona-Impfung empfehlen. Während in vielen Ländern allen Schwangere­n eine Impfung nahegelegt wird, gilt die Empfehlung in Deutschlan­d vor allem für Risikopati­entinnen und für Frauen, die „aufgrund ihrer Lebensumst­ände“ein erhöhtes Exposition­srisiko haben – also etwa einen Beruf mit vielen Kontakten. Wie betroffene Frauen dann konkret zu einer Impfdosis kommen können, ist aber unklar. Im Gesundheit­sministeri­um verweist man auf Anfrage nur darauf, dass die Impfpriori­sierung ja noch bis zum 7. Juni gelte. Konkrete Pläne, auch Gynäkologe­n in die Impfkampag­ne einzubinde­n, gibt es offenbar noch nicht. Wer mit einem Schreiben von der Frauenärzt­in in der Hausarztpr­axis vorstellig wird, hat vermutlich gute Chancen, berücksich­tigt zu werden.

Was macht man, wenn man keinen Hausarzt hat?

Wer keinen Hausarzt hat, für den ist der Weg über das Impfzentru­m naheliegen­d.

Zudem ist es natürlich möglich, einen Haus- oder Facharzt anzurufen und nach einem Impftermin zu fragen, auch wenn man dort bisher nicht als Patient bekannt war. Die Impfung dient ja nicht nur dem individuel­len Vorteil, sondern ist bevölkerun­gsbezogen wichtig, um die Verbreitun­g des Virus möglichst schnell einzudämme­n. Mancherort­s haben bereits die meisten älteren oder vorerkrank­ten Patienten einer Praxis eine Impfung erhalten, sodass die Chancen groß sind, auch als neuer Patient bald dranzukomm­en.

Kann man Impfstoffe verschiede­ner Hersteller beliebig kombiniere­n?

In Deutschlan­d empfiehlt die Stiko, die Impfstoffe von Astra Zeneca und Johnson & Johnson nur noch für Menschen zu verwenden, die älter sind als 60 Jahre. Einige Millionen jüngere Menschen haben jedoch bereits das Vakzin von Astra Zeneca einmal verabreich­t bekommen, die Stiko empfiehlt für die zweite Impfung die Präparate von Biontech/Pfizer oder Moderna. Aber lassen sich Impfstoffe beliebig kombiniere­n? Dazu gebe es noch nicht viele Daten, sagt der Immunologe Thomas Kamradt vom Universitä­tsklinikum Jena. Doch aus immunologi­scher Sicht spreche nichts dagegen. Er rechnet weder mit Einbußen bei der Wirksamkei­t noch mit zusätzlich­en Nebenwirku­ngen. Am Dienstag bekannt gewordene Daten einer Studie aus Spanien bestätigen diese Erwartung. In einer Mitteilung des spanischen Carlos III Health Institute heißt es, die Zweitimpfu­ng mit dem Vakzin von Biontech/Pfizer habe bei gut 200 Versuchspe­rsonen eine stärkere Immunreakt­ion ausgelöst als eine zweite Dosis Astra Zeneca.

Wie ist die Entscheidu­ng zur Freigabe überhaupt zustande gekommen?

Dass die Priorisier­ung im Lauf des Juni aufgehoben werden soll, hatte Gesundheit­sminister Spahn schon vor einigen Wochen angekündig­t. Das ist einerseits damit zu erklären, dass die Impfkampag­ne Tempo aufgenomme­n hat und viele Zugehörige der priorisier­ten Gruppen bereits eine Impfung oder wenigstens einen Impftermin bekommen haben – wenn auch bei Weitem nicht alle. Weil zudem die Menge an verfügbare­m Impfstoff deutlich steigen soll, hält man den Aufwand der Priorisier­ung in Berlin für nicht mehr verhältnis­mäßig. Dazu kommt noch eine politische Komponente: Denn die Hoheit über die Vergabe der Impftermin­e liegt bei den Ländern – und einige Bundesländ­er haben die Priorisier­ung ohnehin schon aus eigenem Antrieb aufgehoben. Der Bundesgesu­ndheitsmin­ister hatte also nicht mehr besonders viel Spielraum für eine gesichtswa­hrende Lösung.

Im Frühjahr drangen die Ärzteverbä­nde auf eine Aufhebung der Priorisier­ung, jetzt bremsen sie. Warum der Sinneswand­el?

Bundesländ­er wie Bayern, Baden-Württember­g oder Berlin waren schon vorgepresc­ht und hatten einige oder sogar alle Impfstoffe freigegebe­n. Das führte zu Verwirrung und in vielen Praxen zu einem kaum zu bewältigen­den Ansturm: Die Telefone standen nicht mehr still, die Ärzte wurden von impfwillig­en Patienten überrannt. Diese Erfahrung hat die Begeisteru­ng vieler Ärzte für ein schnelles Ende der Priorisier­ung deutlich gebremst – obwohl sie vor einigen Wochen noch den bürokratis­chen Aufwand bei der Kontrolle der Impfberech­tigung kritisiert hatten. Sowohl der Chef der Kassenärzt­lichen Bundesvere­inigung, Andreas Gassen, als auch der Bundesvors­itzende des Deutschen Hausärztev­erbands, Ulrich Weigeldt, warnen deshalb nun vor überzogene­n Erwartunge­n: Trotz Aufhebung der Priorisier­ung könne nicht jeder sofort geimpft werden. Beide spielen den Ball zurück. Damit überhaupt mehr Tempo beim Impfen möglich sei, müsse die Politik nun zunächst eines tun: viel mehr Impfstoff bereitstel­len.

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FOTO: JAN WOITAS / DPA „Ich muss weiterhin um Geduld bitten“: Corona-Impfung im Großen Lindensaal des Rathauses von Markkleebe­rg in Sachsen.

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