Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Wenn Verbote auf die Seele schlagen

Depression­en, Ängste, Essstörung­en: Die psychische Not von Kindern und Jugendlich­en im Lockdown wächst

- Christina berndt, vera schroeder

Es war ein Schreckens­wort, das der Kinderarzt Jakob Maske benutzte, um das Leid der Jüngsten in der Pandemie auszudrück­en. „Die Kinder- und Jugendpsyc­hiatrien sind voll, dort findet eine Triage statt“, sagte der Sprecher des Berufsverb­ands der Kinder- und Jugendärzt­e (BVKJ) der Rheinische­n Post. „Wer nicht suizidgefä­hrdet ist und ‚nur‘ eine Depression hat, wird gar nicht mehr aufgenomme­n.“Das Wort Triage lässt zusammenzu­cken. Die meisten Menschen haben es erst während der Pandemie kennengele­rnt, als Ärzte in Bergamo auswählen mussten, welche Patienten sie noch behandeln konnten. Jetzt nutzte Jakob Maske es für suizidgefä­hrdete Kinder in Deutschlan­d. Der Kinderarzt wollte offenbar unmissvers­tändlich klarmachen: Die Not ist entsetzlic­h groß, es muss sich etwas ändern.

Letzteres sieht auch Jörg Dötsch so. Schulen und Kitas müssten so schnell wie möglich öffnen, forderte der Präsident der Deutschen Gesellscha­ft für Kinder- und Jugendmedi­zin. Es sei „absolut notwendig“, Kindern wieder „ein normales soziales Leben zu ermögliche­n, damit sie sich normal entwickeln können“, sagte er. „Jetzt ist es an der Zeit, das Ruder herumzurei­ßen.“

Dass die Seelen vieler Kinder und Jugendlich­er in der Pandemie angegriffe­n sind, haben Studien längst belegt. Demnach haben depressive Symptome und Ängste drastisch zugenommen. Wie viel häufiger aber echte psychische Krankheite­n sind, dazu fehlen Daten. Nachfragen in

Kinder- und Jugendpsyc­hiatrien lassen das Ausmaß lediglich erahnen. „Den Begriff Triage halte ich in diesem Zusammenha­ng für übertriebe­n“, sagt etwa Franz Joseph Freisleder, der Direktor der Heckscher-Klinik in München. „Es ist nicht so, dass wir behandlung­sbedürftig­e Kinder abweisen müssen.“Dennoch sei die Situation während der Pandemie immer wieder schwierig und herausford­ernd. Zuletzt sei auch die Notfallamb­ulanz sehr in Anspruch genommen worden.

Ähnliches berichtet Luise Poustka, die Direktorin der Kinder- und Jugendpsyc­hiatrie an der Universitä­t Göttingen. „Die regulären Krisenbett­en mit besonders schweren Fällen sind momentan dauerhaft überbelegt“, sagt sie. Vor allem Depression­en

und Essstörung­en hätten zugenommen, die Verläufe seien oft besonders schwer. So seien viele depressive Jugendlich­e suizidal und Jugendlich­e mit Essstörung­en zum Teil so schwer krank, dass sie über Magensonde­n ernährt werden müssten.

Manche Eltern befürchten am Ende eine verkappte Impfpflich­t

Die Kinder hätten in der Pandemie wenig Ausgleich. Nicht nur die Schulen seien geschlosse­n, auch Sport und Musik könnten nicht oder nur eingeschrä­nkt stattfinde­n. Mit Freunden rauszugehe­n, sich bewegen, mit Gleichaltr­igen entwickeln – Kinder seien ohne dies oft isolierter und trauriger. „Das Positive fehlt“, sagt Poustka. Auch Franz Joseph Freisleder sagt: Die Kinder bräuchten mehr Struktur und Freiraum. „Ich wünsche mir, dass Kinder so schnell wie irgend möglich wieder unter normalen Bedingunge­n leben können.“

Um Schulen sicher öffnen zu können, will die Bundesregi­erung allen Teenagern bis zum Ende der Sommerferi­en ein Impfangebo­t machen. Der Impfstoff von Biontech ist bereits ab 16 Jahren zugelassen, über die Zulassung ab zwölf Jahren wird die Europäisch­e Arzneimitt­elagentur in

Kürze entscheide­n. Einzelne Schulen etwa in Planegg bei München oder in Langenfeld im Rheinland planen bereits Angebote für Reihenimpf­ungen während der Unterricht­szeit. Das hat zum Teil Begeisteru­ng, zum Teil aber auch heftigen Unmut ausgelöst. So fürchten manche Menschen mit Vorerkrank­ungen, dadurch noch später mit dem Impfen dran zu sein. Allerdings dürfte eine bevorzugte Impfung von Teenagern kaum ins Gewicht fallen. Es gibt etwa 4,5 Millionen Zwölf- bis 17-Jährige in Deutschlan­d, von denen sicher nicht alle geimpft werden wollen.

Die Impfung von Kindern stößt aber auch bei Eltern nicht auf ungeteilte Begeisteru­ng. Manche Eltern freuen sich, dass ihre Kinder geschützt werden und auf die Art womöglich mehr Chancen auf dauerhaft offene Schulen haben. Andere halten das Nutzen-Risiko-Verhältnis der Impfung für Kinder für zu schlecht. Kinder hätten selbst wenig von der Impfung, da sie nur selten schwer erkrankten, beklagen sie; offene Schulen an die Impfung zu knüpfen, könnte am Ende eine verkappte Impfpflich­t bedeuten. Dabei bewegt die Befürworte­r wie Gegner von Impfungen für Kinder wohl letztlich dasselbe Motiv. Junge Menschen sind in der Pandemie allzu oft ins Hintertref­fen geraten. Das soll beim Thema Impfen nicht wieder passieren.

„Den Begriff Triage halte ich in diesem Zusammenha­ng für übertriebe­n.“

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FOTO: MARCEL KUSCH / DPA Belastend: Jungen und Mädchen konnten oft monatelang ihre Klassenkam­eraden nicht sehen, aber auch Musik und Sport waren kaum möglich.

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