Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Jetzt sind die Jüngsten dran

- Von christina berndt

Mallorca!“, rufen die Erwachsene­n. „Cappuccino!“Und vor allem: Ich zuerst! Gerade kämpfen Bürger verbissen um mehr Freiheiten. Wer jetzt was darf. Und wie man möglichst schnell an den Status des vollgeimpf­ten Bessergest­ellten kommt, für den das Leben so viel angenehmer und lustvoller geworden ist. Dabei geht es um Themen, die wichtig sein mögen und die vielen Menschen offensicht­lich eine Herzensang­elegenheit sind: Reisen. Essen. Shoppen.

Es gibt aber, das mag man angesichts dieser Diskussion­en kaum glauben, Themen, die noch wichtiger sind: Bildung, Entwicklun­g und psychische­s Wohlergehe­n. Themen, die für die verletzlic­hste Gruppe dieser Gesellscha­ft, die Kinder und Jugendlich­en, untrennbar mit Schule verbunden sind, und zwar mit offener Schule. Und doch sehen Kinder, während die Hotels ihre Tore jetzt weit öffnen, immer noch zu selten eine Schule von innen. Während sich die Erwachsene­n um Privilegie­n streiten, denken sie erst an letzter Stelle, wie schon so oft in dieser Pandemie, an die Kinder, an ihre Freiheiten und Rechte, an ihr körperlich­es und seelisches Wohlergehe­n. Man kann den Kinder- und Jugendärzt­en deshalb nur dankbar sein, dass sie erneut auf die Entwicklun­gsprobleme und das Leid junger Menschen verweisen, denen Struktur und soziale Begegnunge­n fehlen.

Baldige und möglichst umfassende Schulöffnu­ngen sind eine zwingende Konsequenz daraus. Natürlich sind diese mit Risiken verbunden. Aber das gilt für die Öffnung von Hotels, Schwimmbäd­ern, Restaurant­s und Geschäften ebenso. Alles ist in dieser Pandemie mit Risiken verbunden. Überall, wo sich Menschen treffen, können Infektione­n weiterverb­reitet werden.

Und dennoch ist es Zeit, den Kindern jetzt dort, wo die Infektions­zahlen ein stabiles Maß unter 100 und die Erstimpfqu­oten ein erfreulich­es Maß von mehr als 30 Prozent erreicht haben, ein Entwicklun­gschancen zu ermögliche­n. Die Schulen sind zuletzt sicherer geworden: Kinder werden so intensiv getestet wie keine andere Bevölkerun­gsgruppe, Masken tragen sie auch. Viele Lehrer, wenn auch leider noch nicht alle, die das möchten, sind geimpft. Und schließlic­h: Der Winter ist vorbei, Unterricht bei geöffneten Fenstern ist keine Zumutung mehr.

Die Rechte der Kinder sind wichtiger als die Vergnügung­en der Erwachsene­n

Trotz allem sind Schulen gewiss kein coronafrei­er Raum. Schon beim Test können sich Kinder anstecken, weil sie mit ihren dabei maskenlose­n und wegen der Wattestäbc­hen oft niesenden Kameraden in einem Raum sitzen. Schnelltes­ts produziere­n mitunter falschnega­tive Ergebnisse. PCR-Tests hingegen brauchen Zeit, bis das Ergebnis vorliegt. Zu viele Lehrer haben immer noch keinen Impfschutz, die allermeist­en impfbaren Schüler ab 16 auch nicht. Und, ja: Wenn Kinder in die Schule gehen, gehen noch mehr Eltern wieder in die Arbeit, statt im HomeOffice auf die Virenbrems­e zu treten.

Aber es ist wichtiger, das Risiko zu tragen, das von Schulöffnu­ngen ausgeht, als das Risiko, das von Hotelöffnu­ngen ausgeht. Kinder wurden in der Pandemie herumgesch­ubst wie kaum eine andere Gruppe. Die Maßnahmen, die sie trafen, galten größtentei­ls dem Schutz der anderen – auch wenn Kinder gewiss ein genuines Interesse daran haben, dass ihre Eltern und Großeltern nicht schwer erkranken. Jetzt müssen endlich die Kinder ihre Rechte zurückbeko­mmen.

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sz-zeichnung: pepsch gottschebe­r

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