Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Ein zynisches Spiel

- Karin janker

Plötzlich war Europa in Reichweite. Es lag nur ein paar Meter, ein paar Schwimmzüg­e entfernt, und für einen kurzen historisch­en Moment hinderte kein Grenzposte­n sie daran, ihr Glück zu versuchen: Tausende Menschen haben sich auf den Weg in die spanische Exklave Ceuta gemacht, nach Europa. Doch kaum jemand von ihnen wird den Kontinent jemals betreten.

Spanien hat einen großen Teil jener Menschen, die am Montag durchnässt an den Strand von Ceuta geklettert sind, umgehend wieder abgeschobe­n. Die spanische Regierung handelte schnell und hart. Sie ging damit nicht nur gegen die Migranten vor, sondern auch gegen jene Hassredner,

die sogleich von einer „Invasion“faselten. Doch die Macht der Überwältig­ung liegt nicht bei jenen, die mit nichts als dem bloßen Leben aus dem Wasser stiegen. Diese Männer, Frauen und Kinder wurden von Marokko auf zynische Weise instrument­alisiert. Rabat hat die Grenzen öffnen lassen, die Kontrollen eingestell­t, um die EU unter Druck zu setzen.

Wer von einer „Invasion“schwadroni­ert, macht sich mit dem Erpressung­sversuch gemein, redet ihm das Wort. Rabat versucht zu erzwingen, was es weder mit Krieg noch mit Diplomatie erreicht hat: die Souveränit­ät über die Westsahara. Dieses Vorgehen degradiert die Menschen zum bloßen Spielball.

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