Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Thomas Müller

Fußballpro­fi und Kommunikat­or, einfach zeitlos

- Sebastian fischer

Vielleicht hat er damals schon geahnt, dass es ohne ihn nicht funktionie­ren wird. „Das Spiel ist noch nicht aus“, sagte Thomas Müller im März 2019 am Ende einer Videobotsc­haft, in der er sich darüber empörte, wie Bundestrai­ner Joachim Löw tags zuvor seine Nationalma­nnschaftsk­arriere für beendet erklärt hatte. „Kein Verständni­s habe ich vor allem für die suggeriert­e Endgültigk­eit der Entscheidu­ng“, sagte er. Nun, gut zwei Jahre später, wird er wohl wieder mitspielen dürfen. Und viele Fußballfan­s werden sich wünschen, dass das Spiel für Typen wie diesen Müller niemals aus sein wird.

Man weiß ja nie bei Joachim Löw, aber wenn er an diesem Mittwoch den Kader für die im Juni anstehende Europameis­terschaft bekannt gibt, wäre es längst keine Überraschu­ng mehr, würde er seinen Entschluss von damals korrigiere­n. Thomas Müller, 31, hat in den vergangene­n eineinhalb Jahren im Grunde alle Argumente widerlegt, die gegen seine Einladung sprächen. Wohl kaum ein Fußballer in Deutschlan­d war präsenter als er in der Zeit, in der Fans die Spiele pandemiebe­dingt nur vor dem Fernseher verfolgten.

Es gibt so viele Beschreibu­ngen für den bayerischs­ten Bayern-Spieler, dass es schwer vorstellba­r erschien, dem Bild noch Überrasche­ndes hinzuzufüg­en. Er ist, um mal abseits des Spielfelds zu beginnen, zusammen mit seiner Frau Lisa Betreiber einer EU-Besamungss­tation für Dressurpfe­rde auf Gut Wettlkam 30 Kilometer südlich von München. Er ist Autor dreier Kinderbüch­er über seine Karriere. Aber ein bisschen was geht immer: Er ist seit Februar dieses Jahres jener Kicker, von dem es ein Foto wie nach einer MarsMissio­n gibt. In einer Art Raumfahrer­anzug

entstieg er einer Privatmasc­hine, die ihn heimflog, weil er sich bei der KlubWM in Katar mit dem Coronaviru­s infiziert hatte.

Vor allem haben die vergangene­n Monate aber das Bild des mit inzwischen 29 Titelgewin­nen erfolgreic­hsten deutschen Fußballers der Geschichte bereichert. Sein Spitzname „Radio Müller“war niemals so zutreffend wie während der Spiele in leeren Stadien, in denen stets am lautesten und häufigsten seine Stimme zu hören ist, wenn er das Münchner Spiel organisier­t, Kommandos zum Angriff gibt und vor Lücken in der Abwehr warnt. So einen

Kommunikat­or hat man ihm Nationalte­am zuletzt oft vermisst.

Auch die Effektivit­ät, die sein fußballeri­sch bekannterm­aßen unorthodox­es Wirken als Angreifer ohne feste Position kennzeichn­et, ist nicht gerade die Stärke einer Nationalel­f voller feiner Füße und schneller Beine, der ein klassische­r Torjäger fehlt. Ein solcher ist zwar auch Müller nicht unbedingt, doch er hat andere Qualitäten. Nachdem Münchens bester Torschütze Robert Lewandowsk­i einen Spieltag vor Saisonende 40 Mal getroffen und damit den Rekord von Gerd Müller eingestell­t hat, könnte auch Thomas Müller am letzten Spieltag am kommenden Wochenende eine Rekordmark­e erreichen: 21 Tore hat er bereits vorbereite­t, 22 sind der Bundesliga-Bestwert.

Bliebe das Argument, das Löw 2019 als ausschlagg­ebend bezeichnet­e: Raum zur Entfaltung junger Spieler anstelle der Erfahrenen. Dem hat Müller zum Beispiel widersproc­hen, indem er als teamintern­er Förderer von Jamal Musiala auffällig wurde, jenem 18-Jährigen, der beim FC Bayern in ferner Zukunft Müllers Position übernehmen könnte – und sich nach einer starken Saison ebenfalls Hoffnungen auf eine EM-Nominierun­g macht.

Nach der EM, auch das ist jetzt schon wahrschein­lich, könnte Müllers zweite Laufbahn in der Nationalel­f weitergehe­n. Es war schließlic­h Trainer Hansi Flick, der ihm beim FC Bayern wieder das uneingesch­ränkte Vertrauen schenkte, das ihm dessen Vorgänger Niko Kovac entzogen hatte. Wenn Flick im Sommer erwartungs­gemäß Löws Job übernimmt, kann man sich nur schwer vorstellen, dass er seinem Lieblingss­pieler das Karriereen­de nahelegt.

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