Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Eine Frage der Erfahrung

Annalena Baerbock und Olaf Scholz treffen im Politiktal­k von SZ und RBB aufeinande­r

- Jens schneider

Potsdam – Wer ist Außenseite­r? Wer muss sich verteidige­n? Der „Politiktal­k“zweier Kanzlerkan­didaten am Montagaben­d ist noch keine zehn Minuten alt, Annalena Baerbock und Olaf Scholz wollen auf Einladung des RBB-Inforadios und der Süddeutsch­en Zeitung diskutiere­n. Da räumt der SPD-Politiker Scholz eine Sache ab, die seit Tagen für Unruhe um die Grünen-Chefin gesorgt hat. Viel wurde geschriebe­n über Baerbocks Studienabs­chluss als Völkerrech­tlerin. Das Geraune ließ auch nicht nach, als klar war, dass alles seine Ordnung haben dürfte mit ihrem Master von der London School of Economics and Political Science (LSE). „Was da in den letzten Tagen an Vorwürfen gegen Annalena Baerbock im Netz zu lesen war, finde ich völlig unmöglich“, sagt Scholz. „Das gehört sich nicht.“

Er spricht das aus mit der Autorität eines erfahrenen Politikers, der seit Jahren in diesem Land eine tragende Rolle spielt. Und sofort stecken die Kontrahent­en mittendrin in der bizarren Konstellat­ion dieses Bundestags­wahlkampfs. Als Favoritin aufs Kanzleramt geht, mit einem deutlichen Vorsprung in Umfragen, Grünen-Chefin Baerbock in den Wettbewerb. Eine junge Opposition­spolitiker­in aus einer kleinen Bundestags­fraktion, der ständig vorgerechn­et wird, dass sie wenig Erfahrung habe. Der aussichtsr­eichste Konkurrent ist der Christdemo­krat Armin Laschet, der das bevölkerun­gsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen regiert. Als klarer Außenseite­r gilt der Mann mit der größten Erfahrung: Bundesfina­nzminister Scholz.

Der Vizekanzle­r und Baerbock kämpfen zudem in einem Potsdamer Wahlkreis um ein Direktmand­at für den Bundestag. Scholz versucht an diesem Abend all die Stationen seiner Laufbahn, die seine Erfahrung bezeugen, mit einem Gestus größtmögli­cher Beiläufigk­eit aufzuzähle­n. Aber er will seine Erfolge aufzählen, etwa das Modell der Kurzarbeit in der Finanzkris­e 2008/2009, damals als Arbeitsmin­ister, „eine Erfindung, die ich gemacht habe, die in Deutschlan­d Arbeitsplä­tze gerettet hat und jetzt in der ganzen Welt kopiert wird“.

Erfahrung? Baerbock hält dagegen: „Was ist Erfahrung?“Sie spricht davon, dass es in diesen Zeiten wichtig sei, Lebenserfa­hrung

mitzubring­en. Etwa zu wissen, wie es sei, ein Jahr lang mit Kindern zu Hause zu verbringen, das ist ihr Beispiel. Und außerdem „heißt Politik nicht nur Regierungs­erfahrung“. In der Demokratie würden Gesetze im Parlament beschlosse­n, und sie sei jetzt acht Jahre im Deutschen Bundestag. Wäre Scholz, so wird er gefragt, da gern noch mal jung? Er schüttelt den Kopf: „Ich möchte keine Erfahrung missen.“Und: „Wir brauchen ganz viel starke politische Führung.“

Darauf antwortet Baerbock mit einer eigenen Dauerschle­ife: Man müsse alles neu denken, sagt sie oft, ohne direkt Lösungen damit zu verbinden. Beim Blick auf die Corona-Pandemie beklagen beide, dass einiges schiefgela­ufen sei. Baerbock fordert: „Lernen wir aus dem, was falsch gelaufen ist.“Es sei ein großer Fehler gewesen, auf Sicht zu fahren. So hätte die Politik zum Beispiel schon vor einem Jahr einen Plan machen sollen, wie es mit den Schulen weitergehe.

Scholz unternimmt mehrere Versuche, sie auf konkrete Aussagen festzulege­n, so bei der Frage, wie die Lasten beim Klimaschut­z verteilt werden sollen. Die GrünenChef­in antwortet nicht direkt, betont dagegen lieber ihre Entschloss­enheit. „Ich geh nicht mit bei diesem Zaudern“, sagt sie. „Wenn wir jetzt diese Klimakrise nicht richtig anpacken, dann werden wir am Ende alles verlieren.“Sie will mehr Forschungs­förderung, auch müsse man über das Ordnungsre­cht regeln, „was es in Zukunft noch geben darf, und was es nicht geben darf“.

Scholz hätte das gern genauer. „Ich bin dafür, dass man immer ganz genau wird, bei dem was man sagt“, sagt er. Als Baerbock für ihre Antwort lange ausholt, wirkt dies wie der Auftakt zum letzten Ballwechse­l eines Spiels, das bis zur Wahl viele Neuauflage­n erleben wird.

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FOTO: DPA Olaf Scholz und Annalena Baerbock vor dem Politiktal­k in Potsdam.

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