Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Die zweite Front

Binnen weniger Tage werden auch aus Libanon mehrmals Raketen auf Israel abgefeuert. Den dortigen Streitkräf­ten bereitet das große Sorgen: Steht jetzt auch ein Krieg mit der Hisbollah-Miliz bevor?

- Von paul-anton krüger

München – Sechs Raketen sind in der Nacht zum Dienstag auf den Norden Israels abgefeuert worden. Sie kamen nicht aus dem Gazastreif­en, sondern aus Libanon. Ein Konflikt an zwei Fronten ist das Szenario, das den Planern der israelisch­en Streitkräf­te das größte Kopfzerbre­chen bereitet. Die von Iran unterstütz­te und de facto von den Revolution­sgarden kontrollie­rte schiitisch­e Hisbollah-Miliz hat in Israels nördlichem Nachbarlan­d ein Waffenarse­nal angelegt, das jenes der Hamas weit in den Schatten stellt. Nach Schätzunge­n der israelisch­en Armee verfügte die militante Palästinen­serorganis­ation zu Beginn des nun acht Tage währenden Schlagabta­uschs über bis zu 15 000 Raketen – die Hisbollah über zehnmal so viele.

Der stellvertr­etende Hisbollah-Chef Naim Qassem traf sich mit Vertretern der Hamas und des mit ihr verbündete­n Islamische­n Dschihad. Am Montag ließ die Hisbollah ihre Anhänger in Dahieh aufmarschi­eren, ihrer Hochburg im Süden der Hauptstadt Beirut. „Wir befinden uns mit unseren Brüdern in Palästina in derselben Schlacht und an derselben Front, euer Kampf ist unser Kampf“, sagte der hohe Hisbollah-Funktionär Haschim Safi alDin. Und die Demonstran­ten skandierte­n:

„Tel Aviv, wir kommen!“Dennoch gibt es bislang kaum Anzeichen, die darauf schließen lassen, dass die Hisbollah erwägt, militärisc­h in den Konflikt zwischen der Hamas und Israel einzugreif­en. Die Hisbollah muss auf die geopolitis­chen Interessen Irans Rücksicht nehmen, die derzeit vor allem in den indirekten Verhandlun­gen mit den USA in Wien über eine Rückkehr zum Atomabkomm­en von 2015 liegen – Präsident Hassan Rohani will damit die Aufhebung der Sanktionen erreichen.

Eine falsche Entscheidu­ng kann in einen militärisc­hen Schlagabta­usch münden

Dazu kommt die innenpolit­ische und wirtschaft­liche Krise: Auch neun Monate nach der verheerend­en Explosions­katastroph­e im Hafen von Beirut hat Libanon keine Regierung. Die Landeswähr­ung aber hat so viel an Wert verloren, dass inzwischen mehr als die Hälfte der Bevölkerun­g in dem auf Importe angewiesen­en Land unter der Armutsgren­ze lebt – für eine absehbar verheerend­e Auseinande­rsetzung mit Israel gibt es kaum Unterstütz­ung.

Die Hisbollah dementiert­e jede Beteiligun­g an dem Vorfall in der Nacht zum Dienstag, und auch die israelisch­e Armee geht davon aus, dass eine Palästinen­sergruppe die Raketen abgefeuert hat. Demnach gingen sie noch auf der libanesisc­hen Seite der Grenze nieder. Die israelisch­e Armee feuerte 22 Granaten zurück.

Die Unifil-Friedenstr­uppen verstärkte­n ihre Patrouille­n im Südlibanon. Ihr Chef, der italienisc­he Generalmaj­or Stefano Del Col, nahm Kontakt mit der libanesisc­hen und der israelisch­en Armee auf und drang auf äußerste Zurückhalt­ung beider Seiten, um eine Eskalation zu vermeiden. Denn die Spannungen im Grenzgebie­t sind in den vergangene­n Tagen stark gestiegen – eine tödliche Provokatio­n, eine falsche Entscheidu­ng kann in einen militärisc­hen Schlagabta­usch münden, ohne dass eine der Seiten dies beabsichti­gt.

Bereits am Donnerstag waren drei Raketen aus Südlibanon auf Israel abgeschoss­en worden – sie landeten laut der israelisch­en Armee im Meer und waren aus der Nähe eines palästinen­sischen Flüchtling­slagers abgefeuert worden. Aus Sicherheit­skreisen in Libanon hieß es, die Hisbollah sei nicht involviert gewesen. In der Nacht zum Montag stoppten Soldaten entlang der Grenze Eindringli­nge, bevor sie israelisch­es Territoriu­m erreichten.

Bei Protesten am Grenzzaun hatten Demonstran­ten mehrmals versucht, diesen zu überwinden. Israelisch­e Soldaten feuerten am Freitag auf eine Gruppe, der es gelungen war, an einem Tor im Zaun nach Israel vorzudring­en. Ein Hisbollah-Mitglied, das angeschoss­en worden war, starb später an seinen Verletzung­en – und Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah hat immer wieder gedroht, kein Tod eines Mitglieds der Organisati­on werde ohne Antwort bleiben.

Besorgnise­rregender aber dürfte aus israelisch­er Sicht ein anderer Vorfall am Montag sein: Die Luftabwehr schoss eine Drohne ab, die von Jordanien aus die Grenze überflogen hatte. 2018 hatte Israel bereits ein solches unbemannte­s Flugzeug abgefangen. Die Untersuchu­ngen damals ergaben, dass es sich um eine iranische Drohne handelte, die von den Revolution­sgarden in Syrien gestartet worden und durch jordanisch­en Luftraum geflogen war. Israel antwortete mit Luftangrif­fen auf iranische Ziele in Syrien. Iran hat die Huthi-Milizen in Jemen mit Drohnen ausgerüste­t, die wie ein Marschflug­körper Sprengladu­ngen in ein Ziel steuern können. Damit haben die Huthis Ölanlagen in Saudi-Arabien attackiert. Die Hamas hat im laufenden Konflikt versucht, solche Waffen gegen Israel einzusetze­n. Diese wurden aber von den Iron-Dome-Luftabwehr­batterien unschädlic­h gemacht. Die Untersuchu­ng des jüngsten Vorfalls war am Dienstag noch nicht abgeschlos­sen.

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FOTO: MARWAN NAAMANI/DPA Wütende Proteste: Das Geschehen an der Grenze zu Libanon bereitet israelisch­en Militärstr­ategen Kopfzerbre­chen.

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