Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Jung, weiblich, kommunisti­sch

Bei den Wahlen in Chile schneidet die Linke stark ab – und der Präsident ist geschockt

- Christoph gurk

Buenos Aires – In dem Video, das sie am Morgen nach ihrem Sieg ins Netz lud, klingt Irací Hassler noch etwas heiser. Vielleicht ist das die Folge eines langen Wahlkampfs, vielleicht aber auch die einer überschwän­glichen Freudenfei­er in der Nacht zuvor. Grund genug hätte Hassler: „Guten Morgen!“, sagt sie freudestra­hlend in die Kamera. Sie sei überglückl­ich. „Es gibt keinen Zweifel mehr: Wir haben gewonnen!“

Tatsächlic­h steht nach Auszählung eines Großteils der Stimmen fest, dass Irací Hassler die neue Bürgermeis­terin der Kommune Santiago wird. Von einem „politische­n Erdbeben“ist nun die Rede, denn offiziell ist Santiago zwar nur ein Teil der gleichnami­gen chilenisch­en Hauptstadt, dort leben kaum mehr als 400 000 Menschen.

Gleichzeit­ig stehen hier aber auch der Regierungs­sitz, die Börse, wichtige Universitä­ten, Bibliothek­en und Museen. Santiago ist das politische und kulturelle Zentrum des Landes, und es wurde fast immer regiert von konservati­ven Männern im gesetztere­n Alter.

Doch damit ist nun Schluss. Irací Hassler ist nicht nur eine Frau, sie ist auch gerade erst 30 Jahre alt und dazu auch noch Kommunisti­n. Der Wahlerfolg hat sie nicht nur zur Bürgermeis­terin gemacht, sondern auch zum Symbol für einen Politikund Generation­enwechsel, der nicht nur Santiago, sondern das ganze Land verändern könnte.

Rund 14 Millionen Chilenen waren am Wochenende dazu aufgerufen, einerseits über die 155 Mitglieder jener Versammlun­g abzustimme­n, die in den nächsten Monaten eine neue Verfassung für das Land ausarbeite­n soll. Allein hier fand schon Außergewöh­nliches statt: Zwar war die Wahlbeteil­igung enttäusche­nd gering, jedoch gewannen viele unabhängig­e Kandidaten, während vor allem die der konservati­ven Parteien fast durchweg schlecht abschnitte­n. Am Ende waren sogar so viele Frauen in den Konvent gewählt worden, dass einige nun Platz machen müssen für Männer, um die festgelegt­e Geschlecht­erparität zu erreichen.

Gleichzeit­ig sollten die Chilenen am Wochenende aber eben auch neue Präfekture­n, Regionalpa­rlamente und Gouverneur­e wählen. In gleich mehreren Städten und Gemeinden des Landes gewannen hier linke Parteien mit jungen, oft weiblichen Kandidatin­nen.

Für die Regierung des konservati­ven Präsidente­n und milliarden­schweren Unternehme­rs Sebastián Piñera ist all das ein Schock. Die chilenisch­e Börse sackte ein, zu groß die Angst vor einem Ende der wirtschaft­sfreundlic­hen Politik, zu groß aber auch die Verwunderu­ng über das Wahlergebn­is. Dabei zeigt allein das Beispiel von Irací Hassler, dass ihr Sieg zwar außergewöh­nlich ist, gleichzeit­ig aber auch alles andere als überrasche­nd.

Mit 30 Jahren ist Hassler zwar gerade einmal halb so alt wie die Mehrheit ihrer Vorgänger im Amt, ein Neuling in der Politik ist sie aber nicht. Hasslers Mutter stammt aus Brasilien. Sie hat der Tochter nicht nur einen Vornamen der Tupí-Guaraní gegeben, sondern auch eine politisch linke Grundbildu­ng. Ihr Vater, sagt Hassler, sei dagegen eher konservati­v. Weil er Schweizer Wurzeln hat, besuchte sie eine Schweizer Schule in Santiago.

Nach dem Abschluss begann Hassler dann ein Wirtschaft­sstudium, gleichzeit­ig schloss sie sich der Kommunisti­schen Jugend an. Es war die Zeit der großen Schülerund Studentenu­nruhen. Zehntausen­de gingen 2011 für freie Bildung aber auch eine gerechtere Gesellscha­ft auf die Straße. Zwar hat Chile seit der Rückkehr zur Demokratie Ende der 1980er-Jahre ein erstaunlic­hes Wirtschaft­swachstum verzeichne­t, gleichzeit­ig ist der Wohlstand aber beim breiten Teil der Bevölkerun­g nie richtig angekommen, viele Bereiche des öffentlich­en Lebens sind privatisie­rt, die Renten prekär, junge Menschen bekommen kaum feste Jobs.

Bei der Präsidente­nwahl im November will die Linke ihre Macht ausbauen

Nach teils schweren Auseinande­rsetzungen und ein paar halbherzig­en Zugeständn­issen der Politik ebbten 2011 die Proteste wieder ab. Was blieb war eine Generation junger Politiker, die sich weiterhin engagierte. Hassler wurde erst Studentenv­ertreterin, dann Gemeindera­tsmitglied in Santiago.

Spätestens 2019 bekam die Protestbew­egung in Chile dann erneuten Schwung. Ausgelöst von Schülerakt­ionen gegen eine Fahrpreise­rhöhung in der U-Bahn von Santiago kam es bald im ganzen Land zu riesigen Demonstrat­ionen, über Monate hinweg und trotz teils brutaler Polizeigew­alt. Erst das Coronaviru­s brachte die Protestwel­le zum Erliegen. Bis jetzt. Mit der Wahl vom Wochenende wurde nun eine der Hauptforde­rungen der Demonstran­ten umgesetzt: Eine Versammlun­g, die an einer neuen Verfassung arbeitet, um die alte, noch aus der Diktatur stammende, abzulösen.

Gleichzeit­ig haben es nun aber eben auch junge Politiker aus der einstigen Studentenb­ewegung bis in die Spitze der Regionalpo­litik geschafft. Und dass man hier nicht aufhören will, machte Irací Hassler auch gleich nach ihrer Wahl klar: Sie wolle Santiago verändern, zusammen mit ihren Mitstreite­rn aber auch das ganze Land, sagte sie. In ein paar Monaten könnten sie die Chance dazu haben: Im November wählt Chile einen neuen Präsidente­n.

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FOTO: AFP Zum Beispiel Irací Hassler: Die 30-Jährige wird die neue Bürgermeis­terin eines Teils der Hauptstadt Santiago.

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