Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

„Das Ohr schnalzt automatisc­h zurück“

Werden wir alle Segelohren vom vielen Maskentrag­en bekommen? Ein Gespräch mit einem HNO-Arzt über die Zweckentfr­emdung der Ohrmuschel

- Interview: felicia klinger

Sie sind rot angelaufen und lugen fast im 90-Grad-Winkel hinter dem Mund-NasenSchut­z hervor. Selten mussten menschlich­e Ohren so viel aushalten wie während der Corona-Pandemie. Der Hals-NasenOhren-Arzt Andre Generalow hat schon so manche Ohren gerichtet, mit denen ihr Besitzer oder ihre Besitzerin unzufriede­n war. Hier erklärt er, warum Ohrmuschel­n ziemlich viel aushalten.

SZ: Herr Generalow, Kopfhörer, Ohrringe, Sonnenbril­le, Masken – an unseren Ohren baumelt momentan ziemlich viel. Könnte man seine Einkaufsta­sche noch dazu hängen?

Andre Generalow: Theoretisc­h ja. Wie das praktisch funktionie­rt, hängt allerdings davon ab, wie voll und schwer die Tasche ist.

Bekommen wir vom Maskentrag­en Segelohren?

Das werde ich in meiner Praxis momentan sehr häufig gefragt. Das Gerüst der Ohrmuschel besteht aus einem sogenannte­n elastische­n Knorpel. Dieser Knorpel heißt so, weil er immer wieder in seine Ursprungsf­orm zurückspri­ngt. Das kann man sehr gut bei sich selbst ausprobier­en. Wenn man sein Ohr nach vorne zieht und dann wieder loslässt, schnalzt es automatisc­h zurück.

Also keine kollektive Segelohrge­fahr? Nein, definitiv nicht. Außerdem liegen die Masken an einer Stelle am Ohr an, wo der Knorpel relativ kräftig ist. Um den Knorpel zu schädigen, müssten die Maskenbänd­er schon eine enorm hohe Zugkraft haben. Im Übrigen gibt es viele Berufsgrup­pen, wie uns Ärzte, die auch unabhängig von der Corona-Pandemie oft und lange Masken tragen. Demzufolge müssten auffällig viele Kollegen abstehende Ohren haben und das wäre vielleicht sogar eine anerkannte Berufskran­kheit. Aber dem ist zum Glück nicht so.

Gibt es Ohr-Probleme, die im Zusammenha­ng mit den Masken auftreten? Wir sehen relativ häufig eine lokale Hautreizun­g durch zu enge Bändchen. Das ist vor allem am Anfang der Pandemie auffällig gewesen. Dadurch, dass viele Masken in Asien produziert werden, waren sie für viele Menschen hier in Europa zu eng. Inzwischen hat sich die Produktion gebessert. Patienten mit Hauterkran­kungen im Bereich der Ohrmuschel­haut, wie etwa Neurodermi­tis oder Schuppenfl­echte, empfehle ich alternativ Masken mit Maskenhalt­ern beziehungs­weise Kopfbänder­n zu tragen.

Wenn die Ohrmuschel­n nicht gerade als Ablageort für Brille und Maske genutzt werden: Wozu sind sie noch gut? Ohrmuschel­n sammeln Schallwell­en wie ein Trichter und leiten sie weiter in den Gehörgang zum Trommelfel­l. Zudem sind sie für das Erscheinun­gsbild eines Menschen wichtig.

Inwiefern?

Es gibt in der ästhetisch­en Chirurgie tatsächlic­h Schönheits­ideale für das Ohr. Da hat man sich irgendwann anhand von Messungen überlegt, was zum Beispiel die „optimale“Länge und Breite für das Ohr wäre und wie der Winkel zwischen Ohr und Schädel sein soll.

Aha.

Letztendli­ch ist es sehr individuel­l, was Menschen als schön empfinden. Manche meiner Patienten finden ihre Ohren schrecklic­h, während ich mir bei deren Ohren gar keinen Kopf gemacht hätte. Vorsichtig könnte man sagen, dass ein schönes Ohr weder zu groß noch zu klein ist, nicht stark absteht und proportion­al gut zum Gesicht passt.

Welche prominente­n Ohren finden Sie besonders auffällig?

Die von Prince Charles, die des Schauspiel­ers Will Smith und natürlich die von Dumbo. Bei allen drei unterstrei­chen die Ohren ganz besonders ihre Persönlich­keit und ihr Charisma.

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FOTO: IMAGO IMAGES/CAVAN IMAGES Vom Maskentrag­en ausgeleier­t und gerötet: Ohren werden derzeit ganz schön in Mitleidens­chaft gezogen, aber sie können das ab.

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