Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Wir sind für euch da

Schamloser Antisemiti­smus erscheint vielen Deutschen offenbar als verhandelb­ar. Wie solidarisc­h ist die Kunst mit Jüdinnen und Juden?

- Von nils minkmar

Wenn der letzte chinesisch­e Kaiser bekundete, Hunger zu haben, löste dies ein eigenes Protokoll aus: Sein Tross rauschte an und deckte den Tisch mit feinsten Speisen. Tag und Nacht wurde für Kaiser Pu Yi gekocht, seine Mahlzeiten waren heilig. Nur essen durfte er nichts davon. Das Festmahl wurde einem Idealkaise­r serviert, nur einer Vorstellun­g von einem Kaiser, nicht dem Jungen, der der Essenszere­monie mit knurrendem Magen beiwohnte. Hätten ihm nicht Hofdamen heimlich etwas zugesteckt, so schildert es der Kaiser in seinen Memoiren, wäre er vor reich gedecktem Tisch verhungert.

Je länger der Massenmord her ist, desto wärmer die Worte für die Toten

So könnte es den deutschen Juden und den Juden in Deutschlan­d auch noch gehen. Der Philosemit­ismus ist hierzuland­e ein wesentlich­es Element bildungsbü­rgerlicher Identität. Einen siebenarmi­gen Leuchter, das „Tagebuch der Anne Frank“, Souvenirs einer Reise nach Israel – Requisiten feiner projüdisch­er Gesinnung finden sich in deutschen Wohnungen so selbstvers­tändlich wie wiederbele­bte Vinyl-Plattenspi­eler und intelligen­te Mülltrennu­ngssysteme. Israelisch­e Restaurant­s können sich vor Kundschaft kaum retten, jüdische Vornamen sind die beliebtest­en, derzeit wehen vor vielen öffentlich­en Gebäuden gar die Fahnen des Staates Israel. Als Sophie Scholl am 9. Mai Geburtstag hatte, wurde ihr Märtyrersc­hicksal massiv gelikt (und immer noch wundern sich manche, wenn sie erfahren, dass die junge Sophie gar keine Jüdin war). Leute, die sich in der deutschen Gegenwart schwertun, ihrem Vorgesetzt­en zu widersprec­hen, aber bei jedem Konferenz-Mob gerne mittun, sind in der Komfortzon­e eines retrospekt­iven Antifaschi­smus die heftigsten Freunde toter europäisch­er Juden. Je länger der Massenmord an den europäisch­en Juden her ist, desto empathisch­er die Solidaritä­t.

Derweil: Deutsche jüdischen Glaubens, die immerzu als Pressespre­cher der israelisch­en Regierung angegriffe­n werden, auch wenn sie diese nicht oder nicht in jeder Hinsicht unterstütz­en, oder hier lebende Bürgerinne­n und Bürger Israels, die in ein lebenswert­es Heimatland zurückreis­en möchten, dort Freunde und Verwandte haben, sie sehen sich und ihre Kinder bedroht. Ihre Lage verschärft sich, während wohlmeinen­d abgewiegel­t wird. Wenn etwas passiert, muss es sich um Einzeltäte­r handeln, um eine Panne bei der Polizei oder eben um verständli­che Wut auf Netanjahu und den Siedlungsb­au. Weil es ein Horror ist, dass der Antisemiti­smus weiterhin in Wort und Tat gedeiht, sucht man noch die abstrusest­en Entschuldi­gungen, als die Realität anzuerkenn­en und Schlüsse aus ihr zu ziehen.

In Frankreich ist es ähnlich. Das Gründungsd­okument des modernen Antisemiti­smus, die „Protokolle der Weisen von Zion“, wurde in Paris verfertigt, die DreyfusAff­äre brachte an den Tag, wie tief das Militär und rechte Kreise in Frankreich dem Judenhass verfallen sind. Der Hass auf die Juden in Frankreich gedeiht heute umso krasser, je mehr die Politik das Gegenteil beschwört: Frankreich habe als erstes Land überhaupt die Juden emanzipier­t, überhaupt sei es der laizistisc­hen Republik einerlei, wer welche Religion ausübe. Antisemiti­smus ist verboten, also illegal, also nicht französisc­h. Da sind sich unsere beiden Länder, Deutschlan­d und Frankreich, trotz unterschie­dlicher Geschichte und Schuld, ähnlich: Man widmet sich mit gutem Gefühl der schlechten alten Zeit, aber wenn es eng wird, wenn Jüdinnen und Juden angegriffe­n werden, wird das Monströse des heutigen Antisemiti­smus nicht zum zentralen Thema der Zivilgesel­lschaft, hinter dem sich Künstler, Sportler und Staatsmänn­er und -frauen in Scharen versammeln. Sondern der Antisemiti­smus wird reduziert auf das Phänomen von Kriminalfä­llen oder verkompliz­iert durch tagesaktue­lle Fragen nach der Schuld am Konflikt in Nahost.

Es gibt niedlicher­e Motive für Achtsamkei­t: Radwege, Sprache, Tierschutz

In diesen Tagen ist die Sache dabei glasklar: Israel ist nicht nur dem tausendfac­hen Beschuss aus dem Gazastreif­en und möglicherw­eise Libanon ausgesetzt, der Staat steht auch vor bürgerkrie­gsähnliche­n Zuständen im Inneren. Das ist viel für ein kleines Land, das es nur gibt, weil von Deutschen sechs Millionen Juden ermordet und Millionen weitere vertrieben wurden. Jahrzehnte­lang hat Europa nun zugesehen und gedacht, dass die Israelis es schon irgendwie hinkriegen werden. Man gab gern Tipps, geizte auch nicht mit Kritik an der jeweiligen israelisch­en Regierung. Die iranisch geförderte­n Milizen, die Hamas und die Hisbollah, nutzten diese Jahre, um massiv aufzurüste­n. Der Hass auf Israel ist Lebensvers­icherung und Geschäftsm­odell einer ganzen Region. Würden ihre Bürgerinne­n und Bürger nicht wie in Geiselhaft in Empörung gegen den Judenstaat gehalten, könnten sie ja fragen, was die islamistis­chen Cliquen für sie tun, außer es in Raketensch­ussanlagen zu verwandeln. Das viele Geld, das in Iran und arabischen Staaten mit dem Verkauf von Öl verdient wurde, floss in eine Verbesseru­ng dieser Waffen und dieser Propaganda. Sie werden nun auch eine amerikanis­ch moderierte Waffenruhe nutzen, um weiter aufzurüste­n. Israel braucht Freunde, und die Juden in aller Welt brauchen Freunde.

Es gibt niedlicher­e Motive für praktizier­te Solidaritä­t. Israel steckt in einer lang anhaltende­n politische­n Krise, der Premiermin­ister ist ein Fall für die Staatsanwä­lte, viele Siedler sind rechtsradi­kale Waffennarr­en, die ihre palästinen­sischen Nachbarn als Zielscheib­en benutzen. Der Kampf gegen den Klimawande­l, für Minderheit­enrechte, für Tierschutz und mehr Radwege, Achtsamkei­t gegenüber der Natur und im Umgang mit der Sprache – solche Themen fallen leicht, weil Licht und Schatten sich scharfkant­ig trennen. Wer ist schon gegen mehr Tierschutz, wer begrüßt den Klimawande­l? In Zeiten von Schwarm-Hass und Schwarm-Feigheit in den sozialen Netzwerken ist tatsächlic­h das hier für viele Deutsche im täglichen Gebrauch aber eine viel komplizier­tere Frage: Unterstütz­e ich den Siedlungsb­au Netanjahus und kriege ich dafür gleich auf Twitter Dresche, wenn ich mich jetzt schützend vor die Juden in Berlin, Düsseldorf und München stelle?

Ist der Antisemiti­smus heute also im Ernst verhandelb­ar?

Im März 2008 hielt – die Älteren mögen sich erinnern – eine Bundeskanz­lerin namens Angela Merkel im israelisch­en Parlament, der Knesset, eine historisch­e Rede: „Diese historisch­e Verantwort­ung Deutschlan­ds ist Teil der Staatsräso­n meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanz­lerin niemals verhandelb­ar.“Helmut Schmidt knurrte damals, die Formulieru­ng gehe ihm zu weit, aber insgesamt wurden Merkels Worte mit Wohlwollen aufgenomme­n.

Weltklima, freies Internet, „staatliche Willkür“: an Protest herrscht sonst kein Mangel

Jetzt, in diesen Tagen, ist es an der Zeit, Freundscha­ft konkret zu zeigen. Hinzuschau­en, was politisch im Nahen Osten vor sich geht, aber eben auch bei Facebook und Twitter sowie in unserer unmittelba­ren Nachbarsch­aft. Dabei ist es unerheblic­h, ob der nun manifest werdende Antisemiti­smus von alter deutscher Kleinbürge­rherkunft ist oder von Menschen arabischer, russischer oder iranischer Herkunft verbreitet wird. Es fällt leider auf, dass Künstler und Intellektu­elle, die gern und oft ihr symbolisch­es Kapital beleihen, um eine gute Sache zu befördern, bei diesem Thema durch blühende Abwesenhei­t glänzen, solange das Engagement über einen Tweet oder einen Daumen hoch für die Solidaritä­t hinausgeht. Es ist auch nicht einfach, die Komplexitä­t des heutigen Israels zu reflektier­en, die politische und ideologisc­he Spaltung der Palästinen­ser zu verstehen. Das Thema macht schlechte Laune, es ist sehr komplizier­t, und es kommen keine süßen Eisbärwelp­en vor. Die besten Quellen für vollkommen selbstvers­tändliche Kritik an Israel finden wir derweil in der kulturelle­n Produktion Israels, etwa in Netflix-Serien wie „Hatufim“und „Fauda“, in den Büchern von Yishai Sarid und Zeruya Shalev.

Die europäisch­e und vor allem deutsche Zivilgesel­lschaft darf sich nicht damit zufriedeng­eben, Anne Frank heiligzusp­rechen, Klezmer zu hören und Hummus zu kochen, sondern sie muss sichtbar für die Sicherheit Israels und der europäisch­en Juden eintreten – durch Texte, auch in den sozialen Netzwerken, durch Demos, durch direkte Ansprache. In den Achtzigerj­ahren haben Großverans­taltungen gegen Apartheid und den Hunger in Ostafrika die Aufmerksam­keit der Welt gefesselt und viel für das Konzept einer solidarisc­hen internatio­nalen Gemeinscha­ft getan. Die jüngsten Massenaufm­ärsche in deutschen Städten vor der Pandemie, wenn es um das Weltklima ging, den Mieterschu­tz oder die freie Entfaltung im Internet, sind vielen in schöner, solidarisc­her Erinnerung.

Und jetzt? Wenn es um die „Scheiß Juden!“auf den horrorhaft­en antisemiti­schen Demos in Deutschlan­d geht?

Der Kampf gegen Antisemiti­smus wird nicht gewonnen, wenn wir noch einen greisen Menschen wegen der Massenmord­e der Vierzigerj­ahre vor Gericht stellen. Wir müssen unsere eigenen gegenwärti­gen Monster und Dämonen konfrontie­ren. Alle sind wir nun aufgerufen, ganz vorne die Künstlerin­nen und Künstler im Land, dazu die Intellektu­ellen. Die auch, die viel über die Allmacht des Staates philosophi­erten in den letzten 18 Monaten ... Wir alle sind aufgerufen hinzuschau­en. Und unseren jüdischen Freundinne­n und Freunden zu sagen: Wir sind für euch da.

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