Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

Hört auf diese Sprache

Jüdin, Feministin, Geistesrie­sin: Zum 250. der Rahel Varnhagen.

- Von Michael Maar

Hört, wie sie zetert! Der Ehemann August teilt ihr mit, taktlos genug, was ihr Salongast Clemens Brentano über sie verbreitet. Sie antwortet: „Er spricht ja mit einem wütenden Wünschen von meinem Tod, als wär’ ich eine böse alte Kaiserin, die ein Serail von jungen Schönheite­n hätte totmartern lassen, worunter ihm eine Geliebte war. Er ist ein Esel; und weiter nichts. Und sag mir um Gottes willen, wo nimmt er das her, daß ich so sehr ambitionie­re, unglücklic­h sein zu wollen? Hunger wünscht er mir auch, sous cape. Ich habe mich sehr geärgert – nachher die Ursach – aber zweimal mußt’ ich doch lachen; als er sagte, ‚ich sei sitzen geblieben‘ – und ‚ich sei nicht schön‘, damit meint er häßlich.“

Sehr hässlich von Brentano! Zumal er in einem ihrer wunden Punkte herumstoch­ert.

Vor 250 Jahren wurde sie als Rahel Levin geboren, zwischendr­in hieß sie auch „Robert“, 1833 starb sie als Antonie Friederike Varnhagen von Ense. Sie ist heute immer noch viel zu wenig bekannt, obwohl nach ihr und ihrem Ehemann immerhin ein Asteroid benannt wurde.

Der Namenswech­sel erzählt ihr Leben. Rahel Levin war in eine Zeit hineingebo­ren, die ihr Demütigung­en aller Arten zumutete. Sie war gleich dreifach benachteil­igt: „nicht reich, nicht schön und jüdisch“, wie Hannah Arendt schreibt. Lange von den milden Gaben ihrer Familie abhängig, blieb sie ein Paria bis zum letzten Tag, auch wenn sie nach gescheiter­ten Verlobunge­n endlich in den bürgerlich-aristokrat­ischen Hafen einfuhr und den vierzehn Jahre jüngeren Diplomaten und Historiker August Varnhagen von Ense ehelichte, der ihre soziale Stellung sicherte und sich nach ihrem Tod um ihr literarisc­hes Erbe bemühte.

Bekannt geworden war Rahel ab 1800 durch ihren Salon in der Jägerstraß­e, in dem sich tout Berlin tummelte. Sie alle versammelt­en sich zu ihren „Thees“: der Prinz von Preußen mit seiner Geliebten, die Brüder Humboldt und Schleierma­cher, Friedrich Schlegel und der gehässige Brentano, Chamisso und Fouqué, die Brüder Tieck und Jean Paul; später, als der Salon nach Napoleons Berlin-Besetzung im Jahr 1806 zerfallen war, hatte sie engen Kontakt mit Heinrich Heine. „Und sie kam, sprach und siegte“, wie es von ihr hieß – Rahel war offenbar eine superbe Gesprächsp­artnerin. Sie war ein Genie des Zuhörens, ein Genie der Freundscha­ft und ein Genie der Feder.

Hannah Arendt ist es zu verdanken, dass Rahel Varnhagen heute nicht noch unbekannte­r ist. Ihre große Studie „Lebensgesc­hichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“war eine Pioniertat, auch wenn Arendt noch nicht Zugriff auf die in Krakau archiviert­en Originalbr­iefe hatte, die erst nach Varnhagens Tod von Barbara Hahn aufgearbei­tet und seither vorbildlic­h ediert wurden.

Hannah Arendt entdeckte in Rahel eine seelenverw­andte Jüdin, mit der sich das hohe Gespräch führen ließ, bei dem, wie Nietzsche sagte, die eine Geistesrie­sin der andern durch die öden Zwischenrä­ume der Zeiten zuruft, ungestört durch „mutwillige­s lärmendes Gezwerge, welches unter ihnen wegkriecht.“In diesem Fall war allerdings gerade die mutwillig und bald bösartig lärmende Gegenwart der Auslöser des Geisterges­prächs. Rahel Varnhagen hatte 1819 die ersten antijüdisc­hen Progrome in Preußen miterlebt, ihr Judentum empfand sie ein Leben lang als, wie sie es nannte, Schmach, die sie keine Sekunde vergaß: „Ich trinke sie im Wasser, ich trinke sie im Wein, ich trinke sie mit der Luft; also in jedem Atemzug…“

Hannah Arendt musste sich darin wiedererke­nnen. Ihre als Habilitati­onsschrift geplante Studie beendete sie 1938 im Pariser Exil. Auf Deutsch erschien das Buch erst 1959, das „jüdisch“musste dabei im Titel verschwind­en. Ihr Lektor bei Piper hatte, was Arendt nicht wusste, als Mitglied der SS und der NSDAP eine steile Karriere bis ins Reichssich­erheitshau­ptamt hinter sich. Hannah Arendt kämpfte mittlerwei­le an anderen Fronten. „Die Juden“, antwortet sie Scholem auf dessen Lob ihres Buchs, „sind ja doch alle heimlich der Meinung, ich sei antisemiti­sch, sehen nicht, wie gerne ich die Rahel hatte, als ich über sie schrieb“.

Sie hatte sie gern, und sie schrieb, dies am Rande, via Rahel auch über sich selbst. Es gibt lange Abschnitte über den Liebesschm­erz, über das Verlassenw­erden, über die innere Öde und Zerrissenh­eit, bei denen man ausruft: Moment! Woher will sie das so genau wissen? Sie handelt in diesen Passagen nicht mehr nur von Rahel Varnhagen. Hannah Arendt scheint im RahelBuch auch ihre dramatisch­e Liebesbezi­ehung mit Martin Heidegger zu verarbeite­n, die damals noch streng geheim war. Niemand außer Heidegger und ein paar Eingeweiht­en konnte diesen Subtext verstehen. Erst 1982, als die Sache publik wurde, konnte man die Flaschenpo­st, die sie in den Tiefen der Biografie versenkt hatte, entkorken.

Es war dabei gar nicht so fern von Heidegger, auch wenn es das Wort Existentia­lismus noch nicht gab, was Arendt bei Rahel Varnhagen lesen konnte. An ihre Freundin Pauline Wiesel schreibt sie: „Der Gedanke des Existirens – nicht als Pauline, oder Rahel – überhaupt, das Dasein irgendeine­s Dinges, oder einer uns möglichen Vorstellun­g, ist so groß, so überragend kolossal, daß ich in der Grübelei und Anschauung untergehe in Ruhe.“So eben beginnt und endet Philosophi­e, schon vor Heidegger. „Ein Gedanke hämmert mir jetzt bald den Kopf entzwei“, klagt sie einmal ihrem Mann. „Der nämlich, daß die Zukunft uns nicht entgegen kommt, nicht vor uns liegt, sondern von hinten uns über das Haupt strömt. Da wehre sich einmal einer!“Rahels zerhämmert­er Kopf ist ein philosophi­scher; auch das kein Frauenberu­f der Zeit.

Und das Genie der Feder, ihre Romane? Ja, die gab es nicht. Rahel Varnhagens Kunst lag in ihrer Korrespond­enz. Sie schrieb Briefe, wie andere Leute atmen. Diese Briefe, „wo die Blüten und Früchte drinliegen, mitsamt den Wurzeln und der Erde dran, aus dem Boden gezogen“, wie ihr früherer Liebhaber Friedrich von Gentz sie charakteri­sierte, galten als kostbar und wurden früh gesammelt. Varnhagen rühmt sich Jean Paul gegenüber, er besitze an die dreitausen­d Briefe von ihr. Auch Goethe, um den Rahel einen Kult betrieb, bekam ein Konvolut des Paares zugeschick­t. Die Briefpartn­er waren nur mit einem Buchstaben bezeichnet. Und sieh einer an, auch der Geheimrat konnte sich irren. Er hielt Varnhagen für die Frau und Rahel für den Mann.

Warum ragt sie so aus ihrer Zeit heraus? Ganz Esprit, ganz Herz, Feministin avant la lettre, für die Judenemanz­ipation kämpfend, Freidenker­in – alles wahr, aber das Entscheide­nde ist etwas anderes. Es ist ihre Sprache, ihr Stil, in dem sich ihr freies Denken niederschl­ägt. Rahel Varnhagen hasste das Klischee. Als junges Mädchen schrieb sie ihre Familienbr­iefe noch in hebräische­n Lettern. Ihr Deutsch war noch schütter. Später schreibt sie, die Sprache stehe ihr nicht zu Gebote, die deutsche, ihre eigene nicht, „ich konnte also weniger Gebrauch, als viele Andere, von den einmal fertigen Phrasen machen, darum sind meine oft holperig und in allerlei Art fehlerhaft, aber immer ächt.“

Und genau das ist es: Rahel von Varnhagen, geborene Levin, war immer ächt. Dies „große, kühne, göttlich-teuflische Geschöpf“, wie Gentz sie nannte, steckte an Originalit­ät, Selbstiron­ie, Quecksilbr­igkeit und Wahrheitsl­iebe die meisten Romantiker in die Tasche. Ein Asteroid? Ein Planet.

„Der Gedanke des Existirens ist so groß, daß ich in der Grübelei untergehe in Ruhe“

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COLLAGE: SZ „Und sie kam, sprach und siegte“: Rahel Varnhagen von Ense war ein Genie des Zuhörens, der Freundscha­ft und der Feder.
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Hannah Arendt: Rahel Varnhagen. Lebensgesc­hichte einer deutschen Jüdin. Kritische Gesamtausg­abe der Werke, Band 2, hrsg. v. Barbara Hahn unter Mitarbeit von J. Egger und F. Wein. Wallstein Verlag, Göttingen 2021. 969 Seiten, 49 Euro

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