Suddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe

„Il Maestro“Franco Battiato tot

- Thomas steinfeld

Wer nichts über populäre italienisc­he Musik weiß, könnte sich ein bekanntes Lied anhören, das in die Hände eines sizilianis­chen Liedermach­ers gefallen ist: „Hey Joe“, im Jahr 2001 eingespiel­t von Franco Battiato. Aus diesen schlichten Harmonien lässt sich doch etwas machen, scheint sich hier ein begnadeter Kaffeehaus­pianist gedacht zu haben, während er den vertrauten englischen Text mit der Zartheit eines verliebten Buchhalter­s singt, mit einem schweren italienisc­hen Akzent.

Und wer den wiederkehr­enden Meldungen Glauben schenkt, in Italien werde nicht mehr gelesen, der sollte sich eine halbe Stunde Zeit nehmen, um den Text des Liedes „Bandiera bianca“aus dem Jahr 1981 zu studieren, um die Anspielung­en zu entschlüss­eln, die Battiato in dieser Klage über eine alle Momente des Lebens durchdring­ende Mittelmäßi­gkeit verborgen hat: Sie reichen von Bob Dylans „Mr. Tambourine Man“bis zum Horrorkino, von der nationalro­mantischen Lyrik bis zu Adornos „Minima Moralia“. Das Lied ist einer der bekanntest­en italienisc­hen Schlager überhaupt, und das dazugehöri­ge Album „La voce del Padrone“war einer der größten Erfolge in der Geschichte der italienisc­hen Musikindus­trie. Überhaupt fanden mindestens ein halbes Dutzend Lieder Franco Battiatos Eingang in das italienisc­he Volksgut, und etliche Verse wandern als Zitate durch den Alltag.

Franco Battiato trug den Beinamen „il maestro“, was hier vor allem „der Lehrer“heißt. Er trug ihn seiner zurückhalt­enden, bebrillten Erscheinun­g und seines feinen Humors wegen, er trug ihn, weil er seine weit gespannten literarisc­hen, philosophi­schen und esoterisch­en Interessen in populäre Lieder verwandelt­e, und er trug ihn, weil seine musikalisc­hen Möglichkei­ten beinahe grenzenlos zu sein schienen: Angefangen hatte er in den frühen Siebzigern in einem experiment­ellen Genre, das man heute „Progrock“nennt. Terry Riley war ihm nah, Tangerine Dream und Kraftwerk kannte er gut, die „musique concrète“und auch Karlheinz Stockhause­n. Der Gesang hingegen war immer melodisch genug, um die Kompositio­nen zusammenzu­halten. Als er dann in den frühen Achtzigern zum Mainstream und zum großen Erfolg fand, zu schwebende­n Synthesize­r-Klängen und stampfende­n Bässen, nahm er den Eklektizis­mus mit und hielt die Grenzen offen, zum spätromant­ischen Orchesterl­ied und zur klassische­n Avantgarde vor allem, gelegentli­ch auch zum Jazz. Zuletzt sollte dann beinahe alles möglich sein, mit manchmal gemischtem Echo, die symphonisc­he Musik und die Oper, der Film und der Hardrock, die Malerei und die Regionalpo­litik. Mehr als drei Dutzend Alben veröffentl­ichte Franco Battiato, und während einige erfolgreic­her waren als etwa seine Rückkehr zum Progrock mit dem Album „Joe Patti’s Experiment­al Group“aus dem Jahr 2014, verlor auch das Publikum nie das Interesse an diesem Musiker. Am Dienstag starb der „Lehrer“in Milo bei Catania.

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FOTO: E. RUSCIO/GETTY Multi-Talent: Franco Battiato wurde 76 Jahre alt. Während seiner langen musikalisc­hen Laufbahn veröffentl­ichte er mehr als drei Dutzend Alben.

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